Avi Gil, ehemaliger Mitarbeiter von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, wirft dem Regierungschef vor, Warnungen vor dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 ignoriert und im Zusammenhang mit dem »Schwarzen Schabbat« wiederholt gelogen zu haben. In dem Interview im Kanal 12 sagte Gil auch, dass Netanjahu persönliche politische Erwägungen über die Freilassung von Geiseln gestellt habe.
Netanjahu wies die Vorwürfe zurück und machte Gil im Gegenzug dafür verantwortlich, ihn am Morgen des 7. Oktober nicht rechtzeitig geweckt zu haben. Keine von Gils Aussagen sei wahr, so der Premier.
Gil zufolge hätten die Sicherheitsgremien Netanjahu im Vorfeld des schlimmsten Terrorangriffs in der Geschichte Israels wiederholt vor einer nachlassenden Abschreckungswirkung gewarnt. Im Juli 2023 habe Ronen Bar, der damalige Vorsitzende des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet, den Premier eindringlich vor einem Krieg gewarnt. Außerdem habe Gil ihm einen persönlichen Brief von Herzi Halevi, dem Generalstabschef der Armee, übergeben. Doch sei es nicht zu Gesprächen gekommen.
»Riesige Versäumnisse«
Gil räumte ein, dass es »riesige Versäumnisse« aufseiten des Militärs und der Geheimdienste gegeben habe. Die verfügbaren Warnungen seien jedoch wiederholt an Netanjahu weitergegeben worden. Er widersprach auch dessen Darstellung, dass ein früheres Wecken den Angriff hätte verhindern können. Er habe ihn um 6.29 Uhr über WhatsApp informiert, so Gil. Die Behauptung, Sicherheitsverantwortliche hätten Netanjahu absichtlich Informationen vorenthalten, bezeichnete Gil als »offensichtliche Lüge«.
Ein weiterer Vorwurf betrifft Netanjahus Stabschef Zachi Braverman. Dieser habe eine Protokollführerin angewiesen, die Uhrzeit des Telefonats zwischen Gil und Netanjahu zu ändern. Gil habe daraufhin die Generalstaatsanwältin informiert. »Ein Protokoll zu verändern bedeutet, die Wahrheit zu verändern«, sagte er.
»Keine Führung ohne Verantwortung«
Darüber hinaus warf er dem Premier vor, bei Verhandlungen vor allem an seine eigenen politischen Interessen gedacht zu haben. Netanjahu habe »tatsächlich den Fortbestand seiner Regierung über das Leben der Geiseln gestellt«, so Gil.
Oppositionspolitiker forderten nach der Ausstrahlung des Interviews die Aufnahme von Ermittlungen gegen Netanjahu und Mitarbeiter seines Büros. Auf die abschließende Frage, ob Netanjahu für das Versagen rund um den 7. Oktober verantwortlich sei, antwortete Gil mit einem eindeutigen »Ja« und fügte hinzu: »Es gibt keine Führung ohne Verantwortung.«