Charakterfrage

Zuverlässig und kreativ

Welchen Ansprüchen Jugendleiter heute genügen müssen

von Teresa Stelzer  11.02.2010 00:00 Uhr

Sportlich, geistig, kulinarisch: Kinder wollen sich orientieren – mithilfe von Madrichim.

Welchen Ansprüchen Jugendleiter heute genügen müssen

von Teresa Stelzer  11.02.2010 00:00 Uhr

»Popstars sind für mich keine Vorbilder. Es geht mir um den Menschen und seine Taten«, erklärt Albina Maksudova. So bewundere sie ihre Eltern und eine ihrer Freundinnen wegen deren Toleranz und Durchhaltevermögen. »Sie ist jüdisch«, fügt Albina Maksudova hinzu. Nicht weil es nach etwas Besonderem klingen soll, sondern weil es just in die Diskussionsrunde passt, an der die 19-Jährige gerade teilnimmt.

Es ist ein Donnerstagabend. Nicole Nesbor, Studentin der Sozialwissenschaft, hat in die Dresdner Bildungs- und Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur, Hatikva, eingeladen. Sie möchte die Ergebnisse ihrer Beobachtung zum Thema »Jüdische Jugend heute in Deutschland« präsentieren, die sie während ihres Praktikums in diesem Verein gewonnen hat. Um trockene Fakten und Zahlen zu beleben, hat sie die Jugendlichen Albina Maksudova, Stina Laufmaa und Oleg Jampolski gebeten, über ihre Erfahrungen zu berichten.

Bevor sie – Albina Maksudova aus Usbekistan, Stina Laufmaa aus Estland und Oleg Jampolski aus Russland – nach Deutschland kamen, hatten alle drei wenig Ahnung vom Judentum. Erste Anreize, sich selbst als jüdisch zu empfinden und eine jüdische Identität auszubilden, bekamen sie im Jugendzentrum der Dresdner Gemeinde.

wegweiser Mit Blick auf zukünftige Mitgliederzahlen, setzen jüdische Gemeinden in Deutschland zunehmend auf Jugendarbeit, auch in Chemnitz. Hier ist seit 2009 der Politikstudent Alexander Beribes Jugendleiter. Der 21-Jährige weiß um seine Verantwortung: »Im Hebräischen steht ›Madrich‹ für Jugendleiter. Darin steckt das Wort ›Derech‹, das übersetzt ›Weg‹ bedeutet.« Ein Jugendleiter sei also ein ständiger Wegweiser, Ratgeber und Freund.

Freundschaftliches Vertrauen war die Grundlage dafür, dass Tatiana Manastyrskaia 2007 Jugendleiterin der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg wurde. Zunächst hatte sie ehrenamtlich eine Theatergruppe der Gemeinde betreut. Nachdem sie mit einer Aufführung zu Purim derart begeistert hatte, baten die Teilnehmer sie, das Projekt weiterzuführen. »So soll es sein: Die Idee kommt nicht vom Pädagogen, sondern von den Jugendlichen selbst«, meint Tatiana Manastyrskaia. Damit sie mit ihren 47 Jahren auch auf der Höhe der Zeit bleibt, versuche sie sich auch körperlich jung zu halten, erzählt sie. »Ich achte auf meine Figur, gehe mit der Mode und halte mich auf dem Laufenden, was Jugendliche interessiert.« Tatiana Manastyrskaia weiß um die unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer Schützlinge. Bei der Theaterarbeit wollen Kinder lieber auf der Bühne stehen. Jugendlichen hingegen käme es eher auf die Entwicklung neuer Stücke an.

Werte vermitteln »Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit, Flexibilität, Spontanität, Motivation, Pünktlichkeit und Kreativität«, zählt Alexander Beribes die Erwartungen auf, die Kinder und Gemeindeleitung an ihn haben. »Ich möchte, dass er sowohl ein Kumpel für die Kinder als auch ein Vorbild im Bereich Religion ist«, definiert seine Chefin, die Vorsitzende der Chemnitzer Gemeinde, Ruth Röcher, die Aufgabe des Jugendleiters.

Für Beribes sind die Erwartungen ab und an zu einseitig: »Oftmals bedarf es einer Überzeugungskraft meinerseits.« So plädierte er erfolglos für eine Renovierung des Chemnitzer Jugendzentrums und dessen multimedialer Ausstattung, damit sich Jugendliche dort auch unter der Woche nach dem Vorbild amerikanischer »Youth Centers« von NCSY (National Conference of Synagogue Youth) treffen könnten. »Außerdem erinnere ich mich, wie ich die Gemeindeführung sehr lange überreden musste, Geld in einen Sushischabbat zu investieren«, erzählt Beribes. Mit Challa, Frischkäse und Räumlichkeiten im Keller sei man heute nicht mehr attraktiv genug.

Neben mehr Autonomie und einer dezentralen Leitung der Zentren durch die Jugendlichen selbst, hält er zudem die Kooperation mit anderen jüdischen Organisationen für wichtig. Tatiana Manastyrskaia geht noch einen Schritt weiter: »Sicher ist das Geld für jüdische Jugendliche gedacht, aber wir haben zu wenige. Wir müssen uns interkulturell öffnen.« So arbeitet sie auch mit nichtjüdischen Schülern zusammen.

Anspruch Eigene Werte weitergeben zu können, haben sich Tatiana Manastyrskaia und Alexander Beribes von ihrer Aufgabe versprochen. Alexander Beribes denkt dabei an Sozialkompetenz und die Bindung an jüdische Traditionen. So sieht es auch Albina Maksudova, die vor allem auf Toleranz setzt. Neben dem Religions- und Hebräischunterricht versuchte sie mit 15 Jahren auch entsprechend als Betreuerin im Dresdner Jugendzentrum zu handeln. Oleg Jampolski hat in der Gemeinde russische Freunde gefunden. Außerdem beeindruckte ihn eine gemeinsame Israelreise. Dennoch besuchte er das Jugendzentrum selten. »Ich bin Individualist und mag es nicht, etwas in einer Gruppe zu unternehmen«, erklärt er.

Bis vor zwei Jahren, als sie noch regelmäßig in die Gemeinde ging, hatte Stina Laufmaa dort ebenfalls viele Freunde. Jetzt habe sich die Jugend ziemlich verändert. Der Zusammenhalt untereinander sei nicht mehr so groß, hat sie festgestellt. »Es hängt von den einzelnen Jugendlichen ab, die Jugendarbeit zu gestalten«, weiß auch Albina Maksudova.

Die Dynamik der Jugendgruppen fordert die Aufmerksamkeit ihrer Leiter, die natürlich zuerst ihren eigenen Werten standhalten müssen. »Wenn man nach einem Jugendtreff durch die Tür geht, hört man nicht auf, ein Jugendleiter zu sein«, weiß Alexander Beribes. Und an welchen Vorbildern orientiert sich ein Jugendleiter? Er überlegt: »Meine jüdischen Vorbilder sind David Ben Gurion, Ignatz Bubis und Itzhak Perlman.«

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