Porträt der Woche

»Sport ist meine Philosophie«

Alec Ilja Privalov spielt im Fußballteam von Makkabi Deutschland bei den EMG

von Philipp Fritz  20.07.2015 18:33 Uhr

»Meine Religion erdet mich. Sie zeigt mir, was im Leben zählt«: Alec Ilja Privalov (28) aus Berlin Foto: Gregor Zielke

Alec Ilja Privalov spielt im Fußballteam von Makkabi Deutschland bei den EMG

von Philipp Fritz  20.07.2015 18:33 Uhr

Als ich sechs Jahre alt war, habe ich angefangen, Fußball zu spielen. Für mich gab es gar keine Alternative; in Deutschland ist Fußball der populärste Sport, und gerade als kleiner Junge schaut man zu den Stars der Bundesliga oder der Nationalmannschaft auf. Ich habe eine kurze Hose bekommen, ein T-Shirt, Schuhe, und los ging es!

Fußball ist ein Sport für jedermann. Ich musste mir keine aufwendige Ausrüstung besorgen oder über mehrere Jahre bestimmte Bewegungsabläufe trainieren. Ich war von Anfang an ein kleiner Fußballspieler. Vier Jahre lang habe ich in meinem ersten Verein gespielt und bin dann schließlich vor sieben Jahren über Umwege bei TuS Makkabi Berlin gelandet.

überzeugung Zuerst war ich skeptisch, da ich in meinem alten Verein im A-Jugendbereich gespielt habe und TuS Makkabi zu dem Zeitpunkt noch nicht ein entsprechendes Niveau hatte. Allerdings konnte mich mein Zahnarzt, der im Vorstand des Vereins saß, davon überzeugen. TuS Makkabi Berlin war damals zwar in der letzten Kreisliga, die Mannschaft aber aufstrebend. Jedes Jahr ist sie in die nächsthöhere Liga aufgestiegen. Zudem konnte ich mich wegen meines jüdischen Glaubens gut mit dem Verein identifizieren. Es war eine gute Entscheidung.

Nun trete ich mit der deutschen Auswahl zu den European Maccabi Games an. Die Spiele haben für mich persönlich eine große Bedeutung – als Deutscher und als Jude. Ich weiß um die Geschichte des Olympiaparks und dessen Nazi-Vergangenheit. Wir dürfen niemals die Schrecken vergessen, die von Berlin ausgegangen sind.

Trotzdem glaube ich, dass es gut und richtig ist, dass die EMG dieses Jahr auf deutschem Boden stattfinden. Wir müssen nämlich auch nach vorne schauen – oder uns klarmachen, was für ein Land Deutschland heute ist. Ich denke zum Beispiel daran, dass im Olympiastadion ja auch Hertha BSC spielt, eine multikulturelle und multiethnische Mannschaft. Auch Deutschland ist heute multikulturell und offen. Minderheiten können hier gut leben.

identität Ich selbst wurde in der Sowjetunion geboren, im westukrainischen Czernowitz. Als Dreijähriger kam ich mit meinen Eltern nach Deutschland. Meine Großeltern kamen aus Moskau, ich wurde in der Ukraine geboren, weil mein Großvater dort stationiert war und ein Teil meiner Familie sich dort niederließ. Bis heute habe ich Verwandtschaft in Czernowitz und in Moskau. Ich bin also russisch und deutsch – das Jüdische gibt mir noch eine besondere Würze.

Ich bin eine Mischung. Ich lebe seit 25 Jahren hier – ich bin Berliner, rede Deutsch, denke aber Deutsch und Russisch. Mit meinen Eltern etwa spreche ich immer noch Russisch. Das ist mir wichtig. Und wegen der jüdischen Religion haben wir andere Feiertage und Traditionen. Das ist heute in Deutschland normal.

Das Thema Identität ist für mich trotzdem kein einfaches. Zwar spielt es in meiner Familie keine Rolle, ob jemand Deutscher, Russe oder Jude ist, aber ich spüre, dass Freunde und Bekannte in Russland mich oft als Deutschen sehen. Anders herum bin ich für viele hier in Deutschland ein Russe. Ich weiß, dass so ein blöder Spruch nicht böse oder diskriminierend gemeint ist, sondern vielleicht sogar freundschaftlich. Trotzdem bleibt ein gewisser Beigeschmack.

sport In Deutschland fällt vor allem mein Name auf, und weil ich bei TuS Makkabi spiele, werde ich schon hin und wieder gefragt, ob ich jüdische Wurzeln habe. In Russland hingegen falle ich wegen meines Verhaltens, meiner deutschen Sozialisation auf. Das alles kann einen schon zum Nachdenken bringen.

Die European Maccabi Games sind mir aber nicht nur wichtig, weil ich deutsch, russisch und jüdisch bin und weil sie dieses Jahr in Berlin stattfinden. Ich bin ein Sportler und mag es, mich zu messen. Ich mag die Turniersituation. Manchmal glaube ich sogar, ich habe eine Art Sportfetisch. Auch ohne EMG-Vorbereitung würde ich vier- bis fünfmal die Woche schwitzen: Ich schwimme zweimal pro Woche, laufe zehn bis 15 Kilometer, fahre Rad und spiele Fußball. Gerade hatten wir eine kurze Trainingspause – die Zeit habe ich genutzt, um ins Fitnessstudio zu gehen und an meiner Ausdauer und Kraft zu arbeiten.

Sport gehört für mich einfach zu einer guten und gesunden Lebensführung dazu. Und er ist ein Ausgleich. Ich arbeite als Bezirksleiter für eine Versicherung und mache nebenher meinen Master-Abschluss im Studiengang Finance and Accounting. Mich zu bewegen, ist das Beste, was ich tun kann, um den Kopf freizubekommen.

orientierung Aufgewachsen bin ich bei meiner Mutter in Berlin, mein Vater lebt in New York. Wir sehen uns zweimal im Jahr, er kommt nach Berlin, oder ich fliege nach New York. Er hat mir immer gesagt, ich solle ein anständiger Schüler sein und Sport machen. Das habe ich beherzigt. Sport ist für mich eine Philosophie. Durch Sport habe ich gelernt, mir Ziele zu setzen, mich für etwas zu engagieren und etwas zu organisieren.

Das ist wichtig fürs Leben, ich sehe viele Parallelen zwischen dem Sport und anderen Lebensbereichen. Auch meine Religion, das Judentum, ist eine wichtige Stütze und ein Orientierungspunkt in meinem Leben. Ich bin nicht streng religiös, gehe auch nicht häufig in die Synagoge, aber ich glaube an einen Gott und daran, dass gute oder schlechte Taten nicht ohne Folgen bleiben, auch wenn sie unbemerkt geschehen.

Meine Religion hilft mir, bodenständig zu bleiben. Sie zeigt mir, was wichtig ist, wenn ich im Alltag meinen Fokus zu verlieren drohe. Ich fühle mich geerdet und weiß, was in meinem Leben zählt: Das sind vor allem meine Familie und Freunde.

familie Übrigens ist meine gesamte Familie stolz auf mich wegen meiner Erfolge als Fußballer und der Tatsache, dass ich für Makkabi spiele und sogar zu den EMG antrete. Meine Mutter fiebert immer richtig mit, obwohl sie sich gar nicht mit Fußball auskennt. Ihr ist es wichtig, dass ihr Sohn auf dem Platz steht und vorankommt.

Mein Vater interessiert sich für Sport. Er unterstützt mich voll und ganz darin, dass ich Fußball spiele. Vielleicht hätte es ihm aber auch gefallen, wenn ich mich für eine andere Sportart entschieden hätte. Er selbst war Volleyballspieler.

Sport ist für mich nicht nur ein Lebensstil oder Leitfaden. Ich habe auch konkrete Ziele. Bei den Maccabi Games möchte ich als Fußballspieler mit meiner Mannschaft so weit kommen wie möglich. Mit Turniersituationen bin ich vertraut, ich habe bereits zweimal an Maccabi Games teilgenommen, 2011 in Wien und 2013 in Israel.

emg-Turniere Bei Makkabi Berlin spiele ich meist auf der Position des Rechtsverteidigers, in der Nationalmannschaft im defensiven Mittelfeld oder in der Innenverteidigung. Grundsätzlich bin ich also ein Defensivspieler.

Ich glaube, dass wir während des Turniers gute Leistungen zeigen werden, auch wenn die Vorbereitungen nicht immer optimal waren: Die nationale Makkabi-Auswahl kommt nur vier- oder fünfmal im Jahr zusammen. Wir trainieren nicht so oft wie die deutsche Nationalmannschaft, schließlich wohnen alle Mannschaftskollegen über das ganze Land verteilt und arbeiten oder studieren.

Fußball ist nicht mein Hauptberuf. Aber wenn wir trainieren, dann immer gleich mehrere Tage hintereinander; wir haben Trainingslehrgänge, und natürlich bereitet sich jeder von uns individuell auf die EMG vor. Dass wir nicht so oft trainieren, verstehe ich aber auch als Vorteil: So sind wir mit unserer Spielstrategie unberechenbar. Unsere Gegner werden es nicht leicht mit uns haben.

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