Porträt der Woche

Sachen, die mir gefallen

Smadi Mendelsohn handelt online mit Judaica und spielte in einem Film mit

von Annette Kanis  11.07.2016 18:47 Uhr

»Ich will das moderne Israel, das moderne Judentum vermitteln«: Smadi Mendelsohn (56) lebt in Düsseldorf. Foto: Jörn Neumann

Smadi Mendelsohn handelt online mit Judaica und spielte in einem Film mit

von Annette Kanis  11.07.2016 18:47 Uhr

Mendelsohn ist mein Geburtsname. Vor vielen Generationen lebte Moses Mendelssohn, der Vater der jüdischen Aufklärung, in Deutschland. Er war ein großer Philosoph und sehr weiser Mann. Er hat immer an die Juden appelliert, sich an ihre Umgebung anzupassen. Von seinen sechs Kindern sind vier zum Christentum konvertiert, nur zwei sind jüdisch geblieben. Wir sind Nachfahren von ihnen.

In Deutschland lebe ich seit 1984. Damals kam ich der Liebe wegen aus Israel hierher. Die Liebe ist Vergangenheit, aber ich bin immer noch da. Jetzt bin ich 56 Jahre alt. Vielleicht gehe ich noch einmal zurück in meine Heimat, wenn ich älter bin. Meine Beziehung zu Israel ist sehr eng, ich bin eine große Patriotin, fahre zwei- bis dreimal im Jahr dorthin. Man vergisst nicht, woher man kommt.

israel Meine Familie lebt noch in Israel, auch viele Freunde von früher. Ich sage immer, das Land ist zwar klein und verrückt, aber es ist mein Land. Ich vermisse den Strand und das gute Wetter von Tel Aviv. Ich vermisse Leute, die am Morgen aufstehen und lachen. Und diese Leichtigkeit. Aber es gibt auch sehr viele gute Sachen in Deutschland. Die Privatsphäre zum Beispiel: Wenn ich niemanden sehen will, dann sieht mich auch keiner. In Israel ist das anders.

Ich betreibe einen Internethandel für jüdische Produkte. Mein Unternehmen ist mein drittes Baby. Und es hat auch neun Monate gedauert, bis es an den Start gehen konnte. Wie eine Schwangerschaft.

Das Ganze war nicht wirklich geplant. Damals, 2003, war ich bei einer großen Werbefirma in Düsseldorf angestellt. Als die Barmizwafeier meines jüngeren Sohnes bevorstand, suchte ich Dekoration. Ich musste sie in Amerika bestellen, wo es eine große Auswahl gibt. Der Saal war dann sehr festlich geschmückt mit jüdischen Motiven. Eine Freundin, die nicht jüdisch ist, spornte mich damals an, daraus ein Geschäft zu machen.

Sechs Wochen nach der Barmizwa kündigte mir mein Arbeitgeber. Und ich begann, mich weiterzubilden in puncto Selbstständigkeit. Neun Monate lang. Ich belegte Kurse bei der Handelskammer, bearbeitete die Firmenidee, erstellte einen Wirtschaftsplan, baute die Webseite auf. Das war dann wirklich wie eine Geburt, als es im August 2004 mit judaica4all losging.

idee Die Grundidee ist, dass jüdische Menschen bei mir Sachen bekommen, die man zum Feiern braucht – egal, ob Dekoration, Bücher oder Utensilien für Schabbat oder Feste. In der Praxis hat sich die Idee dann verändert, weil die Mehrheit meiner Kunden nicht jüdisch ist.

Ich verkaufe im ganzen deutschsprachigen Raum. Ab und zu fragt auch jemand aus Luxemburg, den Niederlanden oder Skandinavien nach. Meine bislang entfernteste Bestellung kam aus Japan. Meine Produkte findet man in keinem Supermarkt. Und wenn man via Internet in Israel bestellt, muss man die Waren verzollen – das kostet mehr und dauert länger.

Jeder Kunde hat seine Gründe, warum er ausgerechnet diesen bestimmten Artikel kauft. Als etwa der Papst vor einigen Jahren zu Besuch in der Synagoge in Köln war, klingelte zwei Tage später mein Telefon. »Hallo, hier spricht ein Pfarrer aus Köln. Ich habe unseren Herrn bei euch in der Synagoge von Köln gesehen. Also unseren Papst. Und mir kam eine Idee. Ich möchte gerne drei Sachen kaufen. Tallit, Kidduschbecher und Kippa. Kann ich, darf ich?« Ich war total neugierig und fragte nach, wozu er das brauchte. Er wollte die Gegenstände bei sich im Gottesdienst erläutern. Das fand ich eine sehr gute Idee.

Klagemauer Ein anderes Mal rief ein Herr an, der Stimme nach sehr alt. Er hatte einen Kidduschbecher bestellt und wollte sich für die Lieferung bedanken. Und reden. Er sei sehr berührt gewesen, als der Kidduschbecher bei ihm angekommen sei, Erinnerungen seien geweckt worden. Dann fing er plötzlich an zu weinen. Und erzählte seine Geschichte: dass er jüdisch geboren sei und seine Eltern ihn während des Krieges als Kind in ein Kloster gegeben hatten. Seine ganze Familie kam nicht zurück. Er war der einzige Überlebende.

Bei den Bestellungen läuft vieles über E-Mails, aber manche Kunden rufen auch an. Ich denke mittlerweile, manche Leute haben dieses dringende Bedürfnis, mit jemandem zu reden. Als wäre ich Psychiaterin oder die Klagemauer oder Sozialarbeiterin.

Manchmal geht mir das wirklich ganz nah. Jeder kommt mit seinen Problemen. Oder sie sagen: »Ich bin zwar kein Jude, aber ich hätte doch gerne was gekauft.« Man muss sich nicht entschuldigen. Du kaufst, was dir gefällt, und mir ist egal, was man ist. Judaica4all ist wirklich für alle gedacht.

bedarf Hinter so einem Webshop steckt jede Menge Arbeit. Zuerst recherchiere ich und frage: Was willst du verkaufen? Welchen Bedarf gibt es in diesem Land? Was fehlt hier? Was kannst du Schönes anbieten?

Ich will das moderne Israel, das moderne Judentum vermitteln und pfiffige, schöne, bunte Sachen zeigen. Erst muss man die Sachen aussuchen, mit Lieferanten telefonieren, in Kontakt bleiben. Ab und zu fliege ich auch dorthin, um alles vor Ort zu besichtigen. Als Nächstes schreibe ich dann die Texte und stelle die Fotos ins Netz, zwischendurch pflege ich Kundenkontakte – das ganze Marketing also.

Der Schritt in die Selbstständigkeit war anfangs ein bisschen ungewohnt. Man muss unheimlich viel lernen. Das kommt ja nicht einfach so. Mittlerweile will ich das gar nicht aufgeben. Es gefällt mir total gut. Man arbeitet nach seiner eigenen Regie. Es ist ein anderes Arbeiten als früher. Jetzt wird nicht mehr diktiert von oben. Ich kann alles selbst planen, ich mache Sachen, die mir gefallen. Das ist nicht nur ein Hobby – das ist Beruf, Hobby und beides zusammen.

Empfangsdame Über meinen Webshop begegne ich vielen interessanten Menschen. Manchmal entstehen daraus tolle Geschichten. Einmal etwa kaufte ein Mann aus Köln ein paar Sachen für die Ausstattung eines Films. Ich wurde sofort hellhörig – wollte ich doch schon immer in einem Film mitspielen. Ich gab ihm mein Kärtchen und vergaß die ganze Sache.

Ein paar Tage später klingelte das Telefon. »Hallo, hier ist Köln. Wir haben gehört, Sie würden gern in einem Film mitwirken. Hätten Sie noch Lust?« Ich sagte sofort zu. Es war tatsächlich der Assistent des Regisseurs. Ich sollte Fotos schicken und bekam dann zwei Drehtage. Das war für mich die interessanteste Aufgabe der letzten zehn Jahre, abgesehen von meinem Judaica-Webshop. Das war super.

Ich musste nach Remagen fahren. Dort war ein leer stehendes altes Gebäude für den Film Der letzte Mentsch zu einem jüdischen Altenheim umgebaut worden. Die Szene spielte im Budapest der 40er-Jahre. Ich sollte eine Empfangsdame mimen.

premiere Der zweite Drehtag fand auf dem alten jüdischen Friedhof in Köln statt – eine Beerdigungsszene, wir mussten alle ganz traurig am Grab stehen. Hannelore Elsner, die in dem Film mitspielte, fragte mich nach der richtigen Aussprache jiddischer und hebräischer Wörter. Und Mario Adorf stand auch direkt vor mir. Das war wirklich ein einmaliges Erlebnis. Ich war sehr dankbar dafür.

Die Szene mit dem Altenheim wurde dann in letzter Sekunde herausgeschnitten. Die Beerdigungsszene hingegen blieb drin, man hat mich sogar »Amen« sagen hören. Die Premiere fand im größten und schönsten Saal in Essen statt. Alle Leute waren eingeladen, roter Teppich. Ich bin mit meinen beiden Söhnen hingegangen. Oh là là, so ein Erlebnis hat man nur einmal im Leben.

Nach 32 Jahren in Düsseldorf liebe ich diese Stadt. Sie ist so vielfältig und im Gegensatz zu Berlin auch überschaubar. In Berlin habe ich mich verloren gefühlt. Hier ist es gut, auch aufs Zentrum konzentriert, und jeder kennt jeden in unserer Gemeinde. Das ist ein schönes Gefühl. Bei Chabad Lubawitsch fühle ich mich heimisch, weil sie so warmherzig sind. In der Düsseldorfer Gemeinde fühle ich mich aber auch wohl – kürzlich war ich dort mit 160 Leuten Schabbat feiern.

Ich reise und lese gerne, aber ich komme wirklich nur wenig dazu, weil einfach so viel zu tun ist. Ich bin auch sehr gerne mit Freunden unterwegs. Ich bin ein Mensch mit gesunder Neugier, ich möchte Dinge erfahren und erleben. Man lebt nur einmal, und das ist auch zu kurz!

Aufgezeichnet von Annette Kanis

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