Alija

Neue Adresse Tel Aviv

Auf dem Sprung: Susanne Witting hat die Wohnung gekündigt und die Koffer für Israel gepackt. Foto: Rolf Walter

Es sei, sagt sie, »der bislang größte Schritt« in ihrem Leben. Dennoch wirkt Susanne Witting ruhig, gelassen und hundertprozentig sicher, dass sie das Richtige tut. Schließlich, so räumt die 34-Jährige ein, sei ihr Entschluss auch in vielen Jahren gereift.

Wenn dieser Artikel erscheint, ist Susanne Witting bereits in ihrem Wunschland angekommen. Am Mittwoch ist sie mit einer Gruppe anderer junger Menschen von Frankfurt aus nach Israel geflogen, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Schon lange sei ihr klar gewesen, dass sie »eigentlich in Israel leben« will. Bereits 2009 wurde aus diesem Wunsch Gewissheit, als sie während ihres juristischen Vorbereitungsdienstes die Anwalts-Wahlstation in Tel Aviv absolvierte. 2013 wurde sie außerdem als einzige Bewerberin aus Deutschland ausgewählt, am jährlich stattfindenden Diplomatischen Seminar des israelischen Außenministeriums teilzunehmen. Auch diese Erfahrung hat sie darin bestätigt, in Israel ihre persönliche Zukunft zu sehen.

Jewish Agency Im April dieses Jahres nahm sie dann endgültig Kontakt zur Jewish Agency auf, die Juden in der Diaspora, die Alija machen wollen, berät und bei ihrem Vorhaben begleitet und unterstützt. Seit 1929 organisiert diese in Jerusalem ansässige Institution die Einwanderung von Juden aus aller Welt. 3,5 Millionen Menschen sind seitdem mit ihrer Hilfe nach Israel gelangt.

Die Zahl deutscher Einwanderer sei in den vergangenen zehn Jahren stabil geblieben und bewege sich zwischen 110 und 130 Personen pro Jahr, erläutert Michael Yedovitzki, Direktor der Abteilung für Deutschland und Zentraleuropa in der Jewish Agency. Ob es als Reaktion auf den in jüngster Zeit aggressiv geäußerten Antisemitismus in vielen deutschen Städten Anzeichen für eine Fluchtbewegung unter den hier lebenden Juden gibt, kann er nicht sagen, da für diesen Zeitraum noch keine Statistik vorliege.

Identität Doch betont Yedovitzki, dass die Unterstützung bei der Alija nicht das Hauptanliegen der Jewish Agency sei. »Wir wollen vielmehr weltweit dazu beitragen, die jüdische Identität vor allem in der jungen Generation zu stärken, und ein tieferes Verständnis des Judentums vermitteln.« Welche Konsequenzen jeder Einzelne aus diesem Lernprozess ziehe, bleibe ihm selbst überlassen: »Alija ist nur ein Weg unter vielen, seine jüdische Identität zu leben«, so Yedovitzki. Zwischen dem ersten Gespräch und der Ankunft in Israel können bis zu zwei Jahre vergehen. Voraussetzung für die Alija ist, dass mindestens ein Großelternteil jüdisch ist.

Bei Susanne Witting vergingen nur wenige Monate, bis sie grünes Licht für ihre Einwanderung erhielt. Dass ihr Eintreffen im Land in eine Zeit fällt, in der Israel eine seiner schlimmsten Krisen seit der Staatsgründung vor 66 Jahren erlebt, ist Zufall und kein Grund für sie, ihre Entscheidung zu überdenken.

Im Gegenteil: »Die Menschen, die mich kennen, wissen, dass die aktuelle Situation mich in meinem Tun eher noch bestärkt«, sagt sie. Um sofort hinzuzufügen: »Ich gehe nicht, weil ich die plötzlich wieder aufbrechende Judenfeindlichkeit in Deutschland fürchte. Das macht mir keine Angst. Dass ich nach Israel gehe, ist eine Herzensentscheidung und hat nichts mit Antisemitismus zu tun.« Es ist ihr wichtig, dies klarzustellen.

Politik Die Einseitigkeit, mit der hierzulande über den Konflikt zwischen Israel und der Hamas berichtet werde, die Anfeindungen gegenüber Israels Versuch, seine Bevölkerung gegen den fortgesetzten Raketenbeschuss zu verteidigen, empören sie: »Ich finde das unerträglich.«

Bliebe die 34-Jährige in Berlin, würde sie sicher weiterhin an Pro-Israel-Kundgebungen und Demonstrationen gegen Rassismus und Ausgrenzung teilnehmen. Denn Susanne Witting ist politisch interessiert und engagiert. So aber bezieht sie auf ihre Weise Stellung, indem sie israelische Staatsbürgerin wird. Und das ist ein sehr persönliches und sehr entschiedenes politisches Bekenntnis.

Drei Koffer mit jeweils 23 Kilogramm hat sie bereits gepackt. Hinzu kommt noch Handgepäck. Das ist, was sie aus ihrem bisherigen Leben in ihre künftige Heimat mitnehmen möchte. Sechs weitere Pakete mit persönlichen Gegenständen wird sie sich nach und nach an ihre neue Adresse schicken lassen. Über eine Freundin ihrer Schwester hat sie eine Unterkunft gefunden und kann in deren Wohnung einziehen.

Kontakte »Während der vergangenen Monate habe ich außerdem viele Kontakte geknüpft und auch schon einige Termine für Vorstellungsgespräche vereinbart«, erzählt Susanne Witting. Die Juristin schreibt an ihrer Doktorarbeit und hat sich zusätzlich als Rechtsanwältin für Öffentliches Recht und Vertragsrecht in Berlin niedergelassen.

Sie gibt einiges auf. »Aber ich bin doch nicht aus der Welt. Man kann mich besuchen«, sagt sie und lacht. »Außerdem habe ich es geschafft, meine deutsche Staatsbürgerschaft zu behalten. Ich werde also künftig beides sein: Israelin und Deutsche.« Ihre Familie respektiere ihre Entscheidung und unterstütze sie, wo sie kann.

Sie war zweieinhalb Jahre alt, als ihre Eltern und Großeltern sie das erste Mal mit auf eine Reise nach Israel nahmen. Ein Teil ihrer Familie lebt dort. Seitdem ist sie immer wieder dorthin gefahren, zusammen mit ihrer Mutter, der Pädagogin Barbara Witting, die bis zu diesem Sommer das Jüdische Gymnasium in Berlin leitete, oder mit ihrer Schwester und ihrem Vater.

Außerdem hat sie schon einmal drei Monate lang in einem Ulpan Hebräisch gelernt. Der Spracherwerb steht als Erstes auf ihrem Programm. »Ich spreche Englisch, und damit kommt man in Israel sehr gut zurecht«, zeigt sich Witting zuversichtlich.

Zukunftspläne Was erhofft sie sich von der Alija? »Ich möchte in einer überwiegend jüdischen Gesellschaft leben«, erklärt sie. »In Köln und Bergisch-Gladbach, wo ich geboren und aufgewachsen bin, war ich in der Schule immer das einzige jüdische Mädchen.«

Susanne Witting ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, begeht alle jüdischen Feiertage, hält sich aber selbst für eher weniger religiös. Das Leben in Israel, der starke Zusammenhalt der jüdischen Gemeinschaft dort werde »ihre jüdische Identität stärken«, ist sie überzeugt.

Wahrscheinlich lässt sich die Gewissheit nicht exakt in Worte fassen, wenn man spürt, dass man den Ort gefunden hat, an den man gehört und an dem man den Rest seines Lebens verbringen möchte. Susanne Witting vermittelt auf jeden Fall den Eindruck, als ob sie genau wisse, was sie tut. Vielleicht liegt es auch daran, dass ihre Familie sie mit nicht allzu schwerem Herzen ziehen lässt: »Wir sind alle sehr entspannt«, fasst sie die Stimmung wenige Tage vor ihrer Abreise zusammen. So wie sie es sagt, klingt das absolut glaubhaft.

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