Porträt der Woche

»Ich habe früher Schule nie gemocht«

Leidenschaftliche Kinogängerin: Inbar Schütte-Perez (37) Foto: Moritz Piehler

Ich bin jemand, der sehr an Menschen interessiert ist. Eine der Sachen, die mich hier in Deutschland am meisten stören, ist, dass morgens in der U-Bahn alle ganz still sind – das ertrage ich manchmal kaum. Einfach mal mit Fremden zu reden oder sich auf jemand anderen einlassen, das fiele den meisten Menschen hier nicht ein. Ich mache es aber trotzdem, das ist einfach meine Art; und ich möchte nicht, dass sich durch mein Leben hier in Deutschland mein Charakter verändert.

Ich wurde 1976 in Haifa geboren, da bin ich aber nicht aufgewachsen, weil meine Familie nach Eilat zog, als ich ein Jahr alt war. Dort, am Roten Meer, bin ich aufgewachsen. Das ist ein ziemlich verlorenes Fleckchen Erde. Früher war Eilat ein Sammelpunkt für Naturliebhaber und Hippies, aber viel gibt es nicht zu tun, wenn man da aufwächst.

Tel Aviv Zum Studium bin ich nach Tel Aviv gezogen und habe mich sofort in der Stadt wohlgefühlt. Das Unileben und die Möglichkeiten einer Großstadt habe ich sehr genossen. Ich war schnell in die Studentenbewegung involviert, wir haben damals, 1999, gegen höhere Studiengebühren demonstriert. Es war ungewöhnlich, dass junge Leute in Israel für ihre Rechte auf die Straße gehen.

Als mich mein Vater das erste Mal in Tel Aviv besuchte, um mir beim Einrichten der Wohnung zu helfen, da habe ich ihm gesagt: »Ich gehe nur schnell auf eine Demo und bin mittags wieder zu Hause.« Er musste bis Mitternacht auf mich warten, denn ich war verhaftet worden, als eine der ersten Studentinnen im Lande überhaupt. Die Polizei wusste nicht so recht, was sie mit uns anfangen sollte. So wurde Tel Aviv auch zu so etwas wie meinem politischen Erwachen.

Mein Vater ist jahrelang zur See gefahren, oft führten seine Reisen nach Fernost. Das hat mich als Kind sehr beeindruckt und früh ein großes Interesse geweckt. Deshalb habe ich auch mein Studium in Geschichts- und Asienstudien begonnen. Leider haben selbst drei Jahre Mandarin-Unterricht nicht dazu geführt, dass ich es wirklich kann. Und inzwischen habe ich sogar die rund 700 Zeichen verlernt, die ich einmal kannte.

Nach meinem ersten Abschluss waren fast alle meine Freunde in New York gelandet, also bin ich auch dorthin gezogen. Nach einigen Monaten in den USA hatte ich das Gefühl, meine Zeit zu verschwenden, und schrieb mich am City College für ein Masterstudium ein. Ich habe dann auch als Studentenberaterin und als Tourguide gearbeitet. Dass ich 9/11 in New York miterlebte, hat mein Interesse an westlicher Geschichte und Terrorismus geweckt. Meine Masterarbeit schrieb ich dann über den früheren tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel, der mich schon immer fasziniert hat. Nach ihm ist sogar mein Kater benannt.

Obwohl ich New York sehr mag, hatte ich nach fünf Jahren genug davon und zog dann noch einmal nach Eilat. Dort wurde ich, eher durch Zufall, Geschichtslehrerin für die siebte Klasse an meiner alten Schule. Ich selbst habe Schule nie besonders gemocht, und plötzlich stand ich vor diesen Schülern und musste mir eingestehen, dass ich nicht nur ganz gut als Lehrerin war, sondern es trotz aller Anstrengung auch Spaß machte, die Begeisterung für Geschichte an die Kinder weiterzugeben.

Momentan unterrichte ich Hebräisch an der Josef-Carlebach-Schule und gebe an der Volkshochschule Abendkurse für Erwachsene. Es ist nicht das, was ich einmal geplant hatte, aber es macht Spaß.

Hamburg Eigentlich bin ich wegen der Liebe nach Hamburg gezogen. Tatsächlich wusste ich über die Stadt eigentlich nur zwei Dinge: Dass hier die Beatles ihre Karriere begonnen haben und von meinem Vater, der die Stadt als Seefahrer natürlich kannte, dass es ein sehr grauer Ort sein soll. Als ich im Sommer 2006 hier ankam, war wunderschönes Wetter, und ich verliebte mich sofort in die Stadt. Die ersten drei Monate erkundete ich meine neue Umgebung fast täglich per Fahrrad – ich glaube, ich kenne sie inzwischen besser als mancher Alteingesessene.

Das hilft mir auch bei den Touren, die ich über das jüdische Hamburg organisiere. Ich arbeite da zum Beispiel mit dem Jüdischen Friedhof in Altona zusammen, das ist für mich einer der schönsten und spannendsten Orte in der Stadt. Auch den »Erfinder« der sogenannten Stolpersteine habe ich so kennengelernt. Die Verbindung von Geschichte und der Begegnung mit Menschen interessiert mich daran am meisten.

Führungen Hamburg ist kein spektakulärer Ort, aber als Stadt völlig unterschätzt. Es gibt hier sehr viel zu entdecken, und ich mag die Stadt sehr, weshalb meine Führungen auch von ganzem Herzen kommen. Leider dauert die Touristensaison hier ja nicht besonders lang.

Die Führungen mache ich auch für die Gäste beim Filmfest Hamburg, bei dem ich seit vier Jahren die Vorführungen israelischer Filme moderiere. Mein Vater ist begeisterter Kinofan, er sagt immer im Scherz, er sei der kommunistischen Jugendbewegung nur beigetreten, weil sie damals als Einzige Filme gezeigt hätten. Daher habe auch ich meine Leidenschaft für Filme: In Eilat gab es kaum etwas zu tun, deshalb haben wir uns viele Filme angesehen.

Verglichen mit New York ist die Kinolandschaft in Hamburg leider etwas mau, vor allem, weil ich mich weigere, in synchronisierte Filme zu gehen. In New York habe ich mich sogar daran gewöhnt, öfter allein ins Kino zu gehen. Übrigens habe ich auch meinen Mann Mark im Kino kennengelernt, in einem furchtbaren Film mit Amanda Seyfried. Zum Glück, denn so haben wir uns während der Vorführung unterhalten.

Inzwischen sind wir schon seit zwei Jahren verheiratet. Ein Grundsatz unserer Beziehung ist, dass wir immer versuchen, auch die Perspektive des anderen zu sehen und zu verstehen. Das hilft uns bei interkulturellen Unterschieden. Ich bin zum Beispiel sehr ungeduldig, Mark hat unglaublich viel Geduld. Meistens sind die Unterschiede aber eher witzig. Beim Essen merkt man es deutlich: Für mich, die ich aus dem Nahen Osten komme, ist Essen essenzieller Teil des Lebens. Für meinen Mann hingegen ist es eher funktional.

Ich habe das Kochen für mich als Passion, aber auch als fast meditativen Akt entdeckt, spätestens, seitdem ich vegan lebe. Vegetarierin bin ich schon, seitdem ich mich erinnern kann. Aber vor vier Jahren beschloss ich, mich vegan zu ernähren. Ich hatte mich lange nicht dazu durchringen können, weil ich so gern Käse mag. Die ersten Monate war ich dann eine sehr langweilige Veganerin und habe mich fast ausschließlich von Salat ernährt.

Aber seitdem ich das Kochen für mich entdeckt habe, bin ich in meinem Freundeskreis als die verrückte vegane Köchin bekannt. Ich koche fast jeden Tag ausführlich, und vor etwa einem halben Jahr habe ich einen Kochblog ins Leben gerufen: www.veganseks.com. Dort stelle ich eigene Rezepte vor oder probiere traditionelle Gerichte aus. Über den Blog habe ich viele Menschen kennengelernt: vegane Köche und Köchinnen aus aller Welt, mit denen ich mich austauschen kann. Gerade biete ich zum ersten Mal einen veganen Kochkurs mit israelischen Gerichten an. Der erste Termin ist schon ausgebucht; ich bin sehr gespannt.

Wenn ich nach Israel reise, bringe ich auch immer einige Lebensmittel mit, die hier schwer zu bekommen sind. Vegane Kekse zum Beispiel: Butterkekse ohne Butter – so etwas findet man hier nicht so leicht. Die brauche ich für eines meiner Lieblingsdesserts. In Hamburg ist man aber eigentlich recht gut mit veganen Einkaufsmöglichkeiten versorgt. Nur Restaurants gibt es noch nicht so viele. Das wäre ein Traum von mir: ein veganes Café mit israelisch-mediterraner Küche zu eröffnen. Vielleicht mache ich das eines Tages.

Aufgezeichnet von Moritz Piehler

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