Porträt der Woche

»Ich bin mein eigener Chef«

Liana Vigodski betreibt in München ein Kosmetikstudio

von Katrin Diehl  23.07.2012 19:07 Uhr

Kleine Kunden dürfen bei Liana Vigodsky auf einem Kinderfriseurstuhl Platz nehmen. Foto: Christian Rudnik

Liana Vigodski betreibt in München ein Kosmetikstudio

von Katrin Diehl  23.07.2012 19:07 Uhr

Meine Kunden schätzen es, dass ich schnell und unkompliziert bin. Sie rufen an, wir machen einen Termin aus – fertig. An manchen Tagen ist mein Kalender richtig voll, an anderen habe ich Luft. Heute zum Beispiel: Um neun Uhr lässt sich eine Dame die Haare richten, um 18 Uhr erwarte ich einen Herrn zur Maniküre. Ich führe die Herrschaften runter in den Keller, wo ich mir mein Kosmetikstudio eingerichtet habe. Sie nehmen Platz, und zu ist die Tür. Der Stress bleibt draußen.

Wenn Kinder kommen, dürfen sie auf einem Kinderfriseurstuhl thronen. Türkische Frauen trauen sich in meine vier Wände und legen ihre Kopftücher ab. Bei mir geht es eben anders zu als in den großen Studios, in denen schon die nächsten zehn auf der Stange sitzen und warten, während überall Personal herumwuselt.

Traum Mit meinem Kosmetikstudio habe ich mir einen Traum erfüllt. Meine Mutter konnte das am Anfang nicht verstehen. »Du warst die rechte Hand des Arztes, und jetzt drückst du Pickel aus«, hat sie gesagt. Bevor ich nach München umgezogen bin, war ich nämlich Zahnarzthelferin in einer gut gehenden Berliner Praxis. Das hat meinen Eltern gefallen. Mir weniger. Jeden Tag hat man es mit Menschen zu tun, die leiden. Das zieht ganz schön runter.

Ich habe also eine Zusatzausbildung als Kosmetikerin und Friseurin gemacht. Jetzt bin ich mein eigener Chef. Ich mache nicht das große Geld, aber ich bin frei, und Lob gehört mir ganz allein. Wenn eine Kundin zu mir sagt, »Frau Vigodski, sollten Sie jemals auswandern, ich wandere hinterher«, dann tut das gut und gibt Kraft.

Die brauche ich, denn der Haushalt erledigt sich nicht von alleine. Wenn ich allerdings meinen täglichen strengen Blick in die Zimmer der Kinder werfe, und es kommt mir bloßes Chaos entgegen – da mache ich die Tür einfach wieder zu. Ehrlich – das ist nicht mein Job.

Drei Kinder habe ich, alles Jungs. Tyron ist der Älteste. Er ist gerade in Australien, wo er Maschinenbau studiert. Wir skypen oft, und ich habe den Eindruck, dass er dort am anderen Ende der Welt viel Spaß hat. Dann kommt Noah. Er ist 14 und pubertiert gerade. Bei ihm muss man genau aufpassen, was man sagt. Und schließlich Aaron, er ist erst sechs. An vier Nachmittagen bin ich mit ihm unterwegs: Malkurs, Maccabi-Training, Musik und außerdem zur russischen Schule. Ich möchte meinen Kindern etwas bieten. Und solange sie meine Angebote annehmen, ziehe ich das durch. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich ihnen etwas geben möchte, was ich als Kind nicht hatte: alle Möglichkeiten der Welt.

lettland Geboren wurde ich 1966 im lettischen Städtchen Liebau, und ich erinnere mich noch an einiges. Immerhin war ich schon 13, als wir das Land verließen und über Wien nach Berlin auswanderten. Es gibt ein paar Bilder in meinem Kopf: Ich sehe die Synagoge in Riga. Fromme Männer sind aus Holland gekommen. Wir bringen ihnen Mehl, und sie backen daraus vor unseren Augen Mazzot. Der Innenhof der Synagoge kam mir als kleines Mädchen riesig vor. Als ich vor etwa 20 Jahren wieder dort war, konnte ich nicht glauben, wie klein alles in Wirklichkeit ist. Auch die Hauptstraße. Für uns Kinder damals war sie der Broadway.

Noch ein Erlebnis beeindruckte mich: Ein Mann drängt sich durch die Menge vor der Synagoge. Man macht ihm Platz, und es wird ganz still. Ich frage meinen Großvater: »Wer ist dieser Wichtigtuer?« Und mein Großvater sagt: »Das ist ein Goj. Im Krieg hat er den Juden geholfen, und jetzt will er sehen, was aus uns geworden ist.«

Meine Großeltern väterlicherseits, vor allem der Großvater, waren die treibende Kraft, was meine Religion anbelangt. Wir standen uns sehr nahe, und als meine Eltern, meine Schwester und ich Lettland verließen, gingen sie mit. Für mich als junges Mädchen war Deutschland das gelobte Land, und als mir mein Onkel zum 13. Geburtstag ein Paar Jeans schenkte, war mein Glück vollkommen. Bis meine Mutter mir eines Tages mitteilte: »Und morgen geht’s in die Schule.« In die Schule? Habe ich richtig gehört? Ich denke, wir sind hier im Gelobten Land, und ihr kommt mir mit Schule? Ich war enttäuscht. Aber was sollte man machen?

latkes Irgendwann hatte mein geliebter Großvater einen Schlaganfall erlitten. Danach tat er sich schwer beim Essen und Reden. Ich sehe noch, wie er vor mir sitzt, und ich sage zu ihm: »Opa, du musst etwas essen, iss deine Latkes, und ich erzähle dir was.« Ich erzählte ihm, dass ich mit jungen Leuten aus der Gemeinde nach Auschwitz fahre, nach Birkenau, ins Warschauer und ins Krakauer Ghetto. Ich dachte noch, der versteht wahrscheinlich gar nicht mehr, was ich ihm da sage. Da macht er plötzlich seinen Mund auf und sagt mit ganz klarer Stimme: »Geh und schau dir an, was wir erlebt haben!« Das hat mich mitten ins Herz getroffen.

Doch als ich nach Auschwitz kam, hat es mich überhaupt nicht berührt. Das war ein Museum, eine Ausstellung für Touristen. Aber dann, auf dem Weg nach Birkenau, begann plötzlich ein Regen, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Wir standen vor dem Monument, und es wurde Kaddisch gesagt. Es schüttete wie aus Kübeln. Ich warf meine Schuhe weg, weil sie mir so an den Füßen klebten, und schaute mich um. Soweit ich bei diesem Unwetter sehen konnte: junge Juden, überall standen sie, junge Juden. Und in diesem Moment dachte ich: »Ja, es gibt ihn, es gibt Gott«. Hinterher brauchte ich erst mal einen Wodka, so fertig war ich.

Dieses Erlebnis hat mich in meinem Glauben geprägt. Auch, wenn ich nicht orthodox bin. Überhaupt nicht. Was für mich wichtig ist, ist Tradition. Die versuche ich, an meine Kinder weiterzugeben. Jeden Schabbes sitzen wir zusammen um den Tisch, zünden Kerzen und beten. Den Schabbat halte ich nicht. Jeder muss selbst entscheiden, wie er seinen Glauben lebt. Eine Zeit lang aßen wir koscher. Meinen Mann davon zu überzeugen, koscher zu leben, hat Jahre gedauert. Und weitere Jahre, ihn davon zu überzeugen, nicht mehr koscher zu leben. Es hat mich spirituell einfach nicht weitergebracht.

Spektakel Meine Bindung zur Gemeinde ist sehr eng. Seit die Kinder dort Kindergarten und Schule besuchen, engagiere ich mich. Ich möchte nicht zu Hause rumsitzen und darüber schimpfen, was mir alles nicht passt. Es gibt immer etwas zu verbessern. Zum Beispiel haben wir eingeführt, dass die Feuerwehr jetzt einmal im Jahr bei den Kindern vorbeischaut. Das ist für die Kleinen ein richtiges Spektakel. Außerdem gebe ich im Kindergarten einen Kochkurs. Zusammen machen wir schnelle jüdische Gerichte: Hühnersuppe mit Mazzeknödel oder süße Nudelkugel.

Vor etwa einem halben Jahr wurde meine Familie von heute auf morgen mit gesundheitlichen Problemen konfrontiert. Das war sehr aufregend und hat mich zum Nachdenken gebracht. Heute ist alles wieder in Ordnung. Der Alltag hat uns wieder. Mein Mann Michail betreibt in der Münchner Innenstadt ein Geschäft für Jalousien, und ich habe mir nach all den Turbulenzen ein Laufband gekauft. Es steht in meinem Schlafzimmer, und wenn ich jogge, schaue ich fern oder aus dem Fenster. Ich kenne alle Hunde aus der Nachbarschaft und kontrolliere, ob sie pünktlich ihren Spaziergang machen.

Seit ich 45 Jahre alt bin, hat sich in mir etwas verändert: Ich schiebe nichts mehr auf. Wenn mich jemand nervt, weil er ständig meckert oder Blödsinn redet, dann sage ich ihm das, und zwar sofort.

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