Portät der Woche

Familie und Beruf? Geht doch!

Ifat Mendel hat einen Führungsjob in der Autoindustrie – und einen kleinen Sohn

von Canan Topçu  02.02.2011 10:30 Uhr

»Ich wollte nicht zu den Spätgebärenden gehören«: Ifat Mendel (32) mit Sohn Jonathan (1). Foto: Judith König

Ifat Mendel hat einen Führungsjob in der Autoindustrie – und einen kleinen Sohn

von Canan Topçu  02.02.2011 10:30 Uhr

Mein Leben hat sich noch nicht so richtig eingependelt. In der letzten Zeit hat sich vieles verändert. Ich bin Mutter geworden, mein Sohn Jonathan ist vor einem Jahr zu Welt gekommen. Ein paar Monate nach der Geburt habe ich wieder angefangen zu arbeiten, im Herbst sind wir umgezogen, im Oktober hat mein Mann seine Arbeit gewechselt. Und seit Januar habe ich eine neue Stelle, zwar beim gleichen Unternehmen, aber in einer ganz anderen Funktion. Jede Menge Veränderungen innerhalb eines Jahres! Ich bin also noch in der Gewöhnungsphase. Insofern hat meine Woche zwar eine gewisse Struktur, aber es ist alles noch nicht eingespielt.

Werktags beginnt der Tag für mich um 5 Uhr. Gegen 6 Uhr verlasse ich die Wohnung und fahre mit dem Auto nach Rüsselsheim. Ich bin flexibler, seit ich den Wagen nehme. Früher bin ich S-Bahn gefahren und musste oft lange warten, weil eine Bahn ausfiel. Gegen 18 Uhr bin ich meist wieder zu Hause. Häufig bleibe ich länger im Dienst, als ich es müsste. Ich arbeite bei Opel und habe seit Anfang des Jahres eine Führungsposition.

Im Rüsselsheimer Werk leite ich die Abteilung Technischer Service. Wir sind etwa 100 Mitarbeiter – alles Männer. Außer mir. Eine völlig neue Welt für mich, die Umstellung ist gar nicht so einfach. Aber die Männer akzeptieren mich – sie haben ja auch keine andere Möglichkeit.

Ich liebe meine Arbeit. Schon als Kind hatte ich viel übrig für Technik und Naturwissenschaften. Ohne lange zu überlegen, habe ich in Israel Ingenieurwissenschaften studiert. In Deutschland lebe ich erst seit acht Jahren, hier habe ich zudem Maschinenbau gelernt mit Schwerpunkt Produktionsmanagement in der Automobilindustrie und danach gleich eine Stelle bei Opel bekommen.

Elternzeit Während meiner Schwangerschaft wusste ich, dass ich nicht lange zu Hause bleiben würde. Das ist in Israel nicht ungewöhnlich. Dort ist die Versorgung der Kinder allerdings nicht so problematisch wie hier, es gibt genügend Krippenplätze. Mit Mutterschutz und Elternzeit war ich insgesamt sechs Monate zu Hause. Das hatte ich mit meinem Mann so abgesprochen.

Ich liebe mein Kind. Mir sind Familie und Freunde sehr wichtig, aber auch meine Arbeit ist ein bedeutender Teil meines Lebens. Ich bin kein Mensch, der zu Hause bleiben kann und will. Morgens aufzustehen und mich auf meine Arbeit zu freuen, das ist mir wichtig, das finde ich schön. Ich will Beruf und Familie miteinander vereinbaren. Und ich möchte weitere Kinder haben. Es lag mir viel daran, in jungem Alter Mutter zu werden: Ich war 31 Jahre alt, als Jonathan zur Welt kam. Ich wollte nicht zu den Spätgebärenden gehören. in Deutschland gibt es wenige Frauen in Führungspositionen, und noch weniger, die auch noch Mütter sind.

Hätte ich in meinem Mann nicht so einen großen Unterstützer und nicht all die Freunde, die uns helfen, würde das wohl nicht so gut klappen. Um Jonathan kümmert sich montags bis donnerstags eine Tagesmutter, eine sehr warmherzige Frau, die aus dem Iran stammt. Sie kommt zu uns nach Hause und bleibt, bis Meron, mein Mann, sie ablöst. Meron kauft auch ein und nimmt mir sehr viel im Haushalt ab. Abends, wenn ich von der Arbeit komme, dann verbringen wir die Zeit zusammen. Manchmal, wenn es Probleme in meiner Abteilung gibt, muss ich allerdings auch abends noch mal hin. Ich habe sehr viel Verantwortung.

Einschlafritual Ich koche und backe sehr gern. Unter der Woche komme ich aber kaum dazu. Meist kocht Meron, wir essen zusammen, spielen mit Jonathan, und dann badet ihn einer von uns. Das ist Teil des Einschlafrituals, das machen wir jeden Abend, so kenne ich das aus Israel. Anschließend stille ich ihn und erzähle ihm im Bett ein paar Geschichten. Meist schläft Jonathan schnell ein.

Danach setze ich mich oft an den Computer, schreibe E-Mails, kontaktiere Freunde über Facebook und informiere mich über die Ereignisse des Tages. Meine Nachrichtenquelle ist das Internet. Wir haben keinen Fernseher. Wenn wir mal einen Film ansehen möchten, machen wir das über den Computer. Wir haben einen Beamer und projizieren die Filme an die Wand. Das ist viel schöner, passiert aber in der Woche nicht oft. Da ich früh aufstehen muss, gehe ich nicht allzu spät ins Bett, meist zwischen 22 und 23 Uhr. Abends lese ich auch mal Bücher, meist Krimis – auf Hebräisch, Deutsch und auch auf Englisch, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern.

Muttersprache Als ich nach Deutschland kam, konnte ich die Sprache kaum. In Israel hatte ich zwar einen Kurs besucht, aber nur einmal in der Woche. Hier habe ich die ersten sechs Monate nur Deutsch gelernt. Ich fühlte mich wie behindert, weil ich die Sprache nicht richtig verstand und beherrschte. Das war schrecklich. Mit unserem Sohn reden wir Hebräisch. Ich denke, dass er hier genug Möglichkeiten haben wird, Deutsch zu lernen. Kinder lernen Sprachen schnell, das ist beneidenswert. Mir ist wichtig, dass Jonathan mit seiner Muttersprache aufwächst. Er soll sich ja auch mit seinen Großeltern verständigen können.

Damit Jonathan eine intensive Beziehung zu ihnen aufbauen kann, sind wir oft in Israel. Alle vier bis fünf Monate fliegen wir hin, besuchen unsere Familien. Über die Weihnachtsferien waren wir drei Wochen dort, im Frühjahr reisen wir wieder hin. Wir wollen unserem Kind unsere Kultur und Traditionen nahebringen. Mein Mann und ich sind zwar nicht so religiös, begehen aber unsere Feste und Feiertage. Das gehört einfach dazu.

Wir mögen Deutschland, leben gerne in Frankfurt, sonst könnte ich nicht hier bleiben. Ich bin vor acht Jahren meinem Mann gefolgt. Meron und ich kennen uns schon sehr lange, ich bin mit ihm seit meinem 17. Lebensjahr zusammen. Als er nach seinem Studium in München aus beruflichen Gründen wieder nach Deutschland kam, war mir klar, dass ich ihm folgen würde. Ich empfinde das Leben hier viel entspannter.

Ich weiß nicht, wie es langfristig sein wird, wann wir zurückkehren und ob überhaupt. Aber ich habe jedenfalls kein Problem damit, in Deutschland zu leben. Ich denke, dass die junge Generation nicht verantwortlich gemacht werden darf für die Vergangenheit. Für mich steht das Individuum im Mittelpunkt, nicht die Herkunft.

Baby-Schwimmen Hier in Frankfurt konzentrieren sich unsere sozialen Kontakte auf das Wochenende. Wir haben einen gemischten, internationalen Freundeskreis, Menschen aus unterschiedlichen Ländern, die ich während meines Studiums und mein Mann auf seiner Arbeitsstelle kennengelernt haben. Mir sind Frauen begegnet, die seit zehn und mehr Jahren hier leben und kaum Deutsch können, weil sie in einer sehr geschlossenen Gemeinschaft leben. Das wäre nichts für mich.

Am Wochenende gehen wir zudem mit Jonathan zum Baby-Schwimmen. Das ist die einzige Gelegenheit für uns, Sport zu treiben. Wir wechseln uns ab, sodass jeder mal schwimmen kann. Sport kommt derzeit zu kurz. Ich finde in der Woche nicht die Zeit dazu. Ich weiß, ich müsste das. Denn wenn man sich die Zeit nicht nimmt, findet man sie auch nicht. Im Frühling, wenn es wärmer wird, dann werden wir auch wieder Ausflüge machen. Wir sind gerne in der Natur. Und wenn Jonathan ein bisschen älter geworden ist, dann werden wir auch abends mal wieder ausgehen. Es ist mir sehr wichtig, meine Partnerschaft zu pflegen.

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