Porträt

Döner am Schabbat

Revan Raul Godjaly hat keine Probleme mit seiner jüdisch-muslimischen Identität

von Steffen Reichert  08.08.2011 17:45 Uhr

Jobbt am Wochenende: Revan Raul Godjaly (18) in der Imbissbude Foto: Douglas Abuelo

Revan Raul Godjaly hat keine Probleme mit seiner jüdisch-muslimischen Identität

von Steffen Reichert  08.08.2011 17:45 Uhr

Beim Eurovision Song Contest war das wieder ganz typisch. Im vergangenen Jahr gewann Lena, und ich habe mich total gefreut. Sie ist ja Deutsche wie ich, da drückt man die Daumen. In diesem Jahr aber hat Aserbaidschan gewonnen. Ell und Nikki haben’s gepackt: Bombe! Da habe ich wirklich gejubelt. Das ist eben etwas anderes, das geht mir ans Herz.

Genau wie beim Fußball. Natürlich bin ich bei jedem Spiel für Deutschland, klar. Und Bayern‐Fan bin ich sowieso. Aber als kürzlich Aserbaidschan, trainiert von Berti Vogts, in der EM‐Qualifikation gegen die Bundesrepublik spielte und dann das Tor gegen die Deutschen fiel: Da habe ich echt gefeiert. Auch wenn ich natürlich weiß, dass Aserbaidschan so ein Spiel niemals gewinnen kann. Es ist schwer zu beschreiben: Deutschland ist meine Heimat. Aber Aserbaidschan ist das Land, in dem ich geboren wurde. Das verbindet unendlich.

Ausreise Ich lebe seit meinem zweiten Lebensjahr in Deutschland. Wir sind 1995 aus Baku hierhergekommen. Statt Halle an der Saale hätte unsere neue Heimat auch Tel Aviv oder Lod in Israel werden können. Dorthin ist die gesamte Verwandtschaft meiner Mutter gegangen. Aber mein Vater wollte unbedingt nach Deutschland, und da ging es mit den Papieren auch am schnellsten. Er wollte eine bessere Zukunft für uns – weg von Armut und Korruption. Heute sind wir alle froh, dass die Entscheidung damals so gefallen ist.

Das Besondere in unserer Familie ist diese Sache mit der Religion. Meine Mutter ist Jüdin, mein Vater Muslim. Die Oma meines Opas kam als Tat‐Jüdin aus dem Norden Irans in den Kaukasus. Die Familie meines Vaters stammte aus Aserbaidschan. So wuchsen sie zusammen.

Aber das Leben zwischen Tora und Koran war nie ein Problem für mich. Ich bin sowieso davon überzeugt, dass es nur einen Gott gibt. Wir haben deshalb in der Familie immer sowohl die jüdischen als auch die muslimischen Feste gefeiert – und machen das bis heute so. Ich habe erlebt, dass Juden und Araber heiraten und zusammenleben können. Dies macht mir Mut, dass es für den Nahen Osten eine Lösung gibt.

judentum Meine Familie ist nicht sehr fromm. Diese beiden Religionen spielen im Alltag für uns nicht die entscheidende Rolle. Ich selbst fühle mich eher zum Judentum hingezogen. Von meiner Oma habe ich einen goldenen Davidstern‐Anhänger bekommen, den ich stets an meiner Kette oder am Armband trage. Ich stehe zu meinem Judentum. Manchmal gehe ich in die Synagoge. Nicht oft, nur, wenn es mir wichtig ist. Beten bedeutet Hoffnung. Als ich meine Barmizwa hatte, kam auch mein Vater mit. Er trug sogar eine Kippa. Das war für mich ein besonderes Zeichen von Respekt.

Überhaupt ist Respekt etwas sehr Wichtiges für mich. Obwohl mein Vater noch sehr jung wirkt, ist eigentlich er es gewesen, der mir diesen Respekt vermittelt hat. Er hat mir auch viel über die Werte in der alten Heimat erzählt. Ich bin ja praktisch komplett in Deutschland aufgewachsen. Als wir 1995 nach Sachsen‐Anhalt kamen, haben wir zunächst eine ganze Weile in einem Aussiedlerheim auf dem Gelände einer ehemaligen sowjetischen Kaserne gelebt. Dann sind wir nach Halle‐Neustadt gezogen, in einen riesigen Neubaublock. Das war für mich eigentlich eine tolle Zeit, weil ich da mit meinen Freunden viel herumtoben konnte. Ich bin dort auch im Kindergarten gewesen und eingeschult worden.

Wirtschaft Inzwischen ist Halle‐Neustadt ziemlich heruntergekommen. Es leben viele Ausländer da, und die Kriminalität ist gestiegen. 2002 haben meine Eltern dann entschieden: Wir ziehen um. Man sagt ja über Neustadt: Wer kann, geht weg. Nun leben wir in einer schönen Wohnung im Zentrum von Halle. Ich habe mein Zimmer, es geht uns gut.

Seit letztem Jahr mache ich mein Fachabitur in Wirtschaft und Verwaltung. Nach dem Sommer komme ich in die zwölfte Klasse. Zwei Tage in der Woche lerne ich in einer Berufsbildenden Schule, und drei Tage gehe ich zum Praktikum in eine Baufirma. Dort erledige ich im Büro die gesamte Arbeit: von der Buchhaltung über die Aufträge bis hin zu den Telefonaten. Die sind sehr zufrieden mit mir und würden mich sogar fest einstellen.

So viel Spaß es auch macht – es ist ganz schön anstrengend. Wenn ich bis 17 Uhr arbeite, bin ich anschließend geschafft. Zu Hause muss ich dann erst einmal chillen. Einfach entspannen. Beine lang, etwas essen, Mails checken. Manchmal gehe ich auch joggen oder schwimmen. Das tut dem Rücken unheimlich gut. Und im
Idealfall gehe ich in den Park zum Seilspringen. Das ist für mich wie Tanzen. Man kann passend zur Musik springen, total erholsam.

Gemeinsamkeit Dort im Park habe ich auch meine Freundin kennengelernt. Sie hat mir mit ihrem Hund eine Weile zugeschaut. Dann sind wir ins Gespräch gekommen. Wie das halt so ist. Nun sind wir schon seit ein paar Monaten zusammen. Sie ist Laborantin. Und wenn es passt, verbringen wir die meiste Zeit miteinander.

Oft bleibt nur das Wochenende, und auch da klappt es nicht immer. Am Samstag jobbe ich in an einem Döner‐Stand. Der ist in einer neuen Einkaufspassage, da ist Samstag natürlich der wichtigste Tag. Und dann bin ich noch mit der Clique unterwegs, wir gehen in die Disko. Vor allem, um zu quatschen. Wir bleiben eigentlich immer in der Stadt, die meisten von uns haben ja noch keinen Führerschein. Rhythm and Blues oder Jason Derulo mag ich, Dancehall und Hip‐Hop: Danach kann man gut tanzen. Und dann noch so die Popsongs aus den 70ern, die sind auch cool.

Eigentlich geht es uns als Familie richtig gut. Mein Vater hatte Riesenglück. Er ist Physiker und hat die letzte Zeit in Baku als Informatiker gearbeitet. Ein Freund hat ihm hier schließlich geholfen, einen Job zu finden. Er ist jetzt an der Uni am Institut für Geowissenschaften und Informatik als IT‐Spezialist angestellt. Er betreut das gesamte Netzwerk und hat bei den Kollegen einen sehr guten Stand. Ein Super‐Job, weshalb er auch nie aus Halle weggehen würde.

Meine Mutter ist Konditorin. Aber ihre Ausbildung wird hier nicht anerkannt. So ist sie Hausfrau und managt unsere Familie. Wir sind drei Geschwister. Meine Schwester Lea studiert Jura und will sich auf Ausländerrecht spezialisieren. Und vor fünf Jahren kam noch einmal Nachwuchs: Aliya. Ich war völlig perplex, es hat sich ja durch sie vieles in der Familie geändert. Aber ich liebe meine kleine Schwester total!

Sport Wenn alles klappt, mache ich nächstes Jahr Abi. Ich würde gerne studieren. Aber immer wieder sagen mir Leute, ich solle doch zur Polizei gehen. Ich bin sportlich – mache ja auch Judo – und spreche drei Sprachen, neben Deutsch noch Russisch und Aserbaidschanisch. Meine Noten sind okay. Und sicher wäre der Job auch. Ich will mich jetzt bei der Fachhochschule bewerben, wegen der vielen Tests muss man das schon lange vorher angehen. Wenn ich Glück habe, nehmen sie mich dann nächstes Jahr. Das wäre prächtig.

Aber jetzt will ich erst einmal den Sommer und die Ferien genießen. Mit meinem Vater werde ich wahrscheinlich für zwei Wochen nach Moskau fliegen. Er hat dort Verwandtschaft, und die wollen wir besuchen. Und dann fliege ich im Rahmen des Taglit‐Programms, das für junge Leute gesponsert wird, nach Israel. Aber die coolste Reise dieses Sommers habe ich ja sowieso schon hinter mir: Wir sind kürzlich aus Gran Canaria zurückgekommen. Meine Eltern hatten last minute und all inclusive gebucht. Strand und Meer, total entspannt. Und dann das Wetter: Bombe!

Aufgezeichnet von Steffen Reichert

Jugendkongress

Neuer JSUD-Vorstand gewählt

Mit der Vollversammlung der Jüdischen Studierendenunion ging die Tagung in Berlin zu Ende

 17.03.2019

Religion

Zehn Jahre Rabbinerseminar

In Osnabrück wurde das zehnjährige Jubiläum der Berliner Lehreinrichtung mit einem Schabbaton gefeiert

 17.03.2019

Jugendkongress

Schreiben, was ist

BILD-Chefredakteur Julian Reichelt sprach auf der Tagung über die Rolle der Medien in Zeiten von Social Media

von Jérôme Lombard  16.03.2019