Porträt der Woche

Der Galerist vom Wannsee

Avi Feldman war Anwalt und folgt jetzt seiner Liebe zur Kunst

von Alicia Rust  01.05.2022 08:43 Uhr

»Ich will den Wannsee internationaler machen«: Avi Feldman lebt in Berlin. Foto: Uwe Steinert

Avi Feldman war Anwalt und folgt jetzt seiner Liebe zur Kunst

von Alicia Rust  01.05.2022 08:43 Uhr

Als ich meiner Familie damals eröffnete, dass ich in Zukunft lieber etwas mit Kunst machen möchte, anstatt weiterhin als Jurist zu arbeiten, kam das für niemanden wirklich überraschend. Schließlich habe ich mich schon als Kind für die Kunst begeistert, für die Malerei, vor allem aber für die Musik und den Tanz.

Geboren wurde ich in Montreal in Kanada. Als ich etwa drei Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir und meiner großen Schwester nach Israel. Meine Mutter entstammt einer jüdisch-orthodoxen Familie und wurde in Polen geboren. Mein Vater, ebenfalls Spross einer jüdischen Familie, kommt aus Rumänien, allerdings mit einem säkularen Hintergrund. Kennengelernt haben sich meine Eltern in Israel, wo später auch noch mein Bruder geboren wurde; er ist acht Jahre jünger als ich.

GEHEIMSPRACHE Bei uns zu Hause wurde überwiegend Hebräisch gesprochen, manchmal auch Englisch. Meine Großmutter hingegen sprach mit ihren Geschwistern Russisch und Deutsch, und meine Mutter unterhielt sich mit meinem Vater häufig auf Rumänisch, was sie eigens für ihn gelernt hatte. Insofern war das eine Art Geheimsprache, wenn es einmal etwas zu besprechen gab, was nicht für unsere Kinderohren bestimmt war.

Mein Großvater mütterlicherseits hatte in der Schoa seine erste Frau und alle seine Kinder verloren, er blieb zeitlebens traumatisiert. Meine Mutter ist folglich ein Kind aus seiner zweiten Ehe. Die Familie blieb weiterhin orthodox, allerdings interpretierte mein Großvater seinen Glauben nach dem Holocaust anders – er ging weiterhin in die Synagoge, doch er haderte mit dem schmerzlichen Verlust.

Zu beiden Großeltern hatten wir immer ein sehr gutes Verhältnis. In den Sommerferien fuhren wir nach Kanada. Uns war schon bewusst, was für ein Privileg das war. Schließlich war das nicht allen in unserer Umgebung vergönnt. Mein Bruder lebt inzwischen wieder in Toronto.

Jeder wird bei uns akzeptiert – ich hatte einen orthodoxen Onkel, der Künstler war.

Für niemanden in der Familie war es ein Problem, dass ich mich innerhalb der Kreativbranche betätige, obwohl meine Eltern eher rationale Menschen sind. Beide waren bis zu ihrer Pension im Bankenwesen beschäftigt. Ich hatte sogar einen orthodoxen Onkel, der Künstler war. Das muss ja kein Widerspruch sein. Jeder bei uns wird so akzeptiert, wie er ist.

SCHNITTSTELLE Nach der Schule habe ich in Tel Aviv erst einmal alles Mögliche studiert: Geschichte, Literatur, Südasiatische Studien und Jura. Zu guter Letzt habe ich in Jerusalem noch ein Praktikum absolviert und anschließend erst einmal zwei Jahre als Rechtsanwalt für die Regierung gearbeitet. Kaum zu glauben, aber ich war tatsächlich einmal Beamter, bevor ich meiner künstlerischen Berufung gefolgt bin.Seit 2005 bin ich sogar Mitglied der israelischen Anwaltskammer. Irgendwann habe ich aber realisiert, dass sich das alles nicht richtig anfühlte. So begann ich mit der Choreografie und habe mich erst einmal der Video-Kunst gewidmet.

Als Freiberufler gründete ich gemeinsam mit Freunden ein Video-Dance-Festival in Israel, »Vidance«, und begann zusätzlich noch mit einer Promotion in Kuratorischer Praxis. Diese Schnittstelle zwischen Kunst und Jura brachte mich weiter. Eine wunderbare Zeit. Insgesamt war ich über ein Jahrzehnt lang als Kurator für Tanz und Video tätig.

2010 erhielt ich ein Halbjahresstipendium im Institut für Auslandsbeziehungen (ifa). Dadurch kam ich erstmals nach Berlin. Durch das Rave-Stipendium des ifa erhielt ich einen Zugang zu den Videoarchiven des Neuen Berliner Kunstvereins, folglich blieb ich erst einmal für rund drei Jahre in der Stadt und pendelte in dieser Zeit zwischen Israel und Berlin.

Seitdem ich denken kann, war mein größter Wunsch, eines Tages ein Kind zu haben.

Auf einer Geburtstagsparty lernte ich schließlich meinen jetzigen Mann kennen. Er ist Berliner und Protestant und am Wannsee aufgewachsen. Als 2017 die Ehe für alle eingeführt wurde, haben wir im Oktober geheiratet, da war unsere Tochter gerade einmal fünf Monate alt. Zuvor hatten wir schon eine eingetragene Partnerschaft, doch natürlich ist es etwas ganz anderes, wenn man wirklich den Bund der Ehe eingeht. Wir befanden uns unmittelbar vor einer Reise nach New York und haben ganz klein und fein, nur für uns und mit unserem Baby zusammen, gefeiert.

GLÜCK Wenn ich zurückblicke, war 2017 ein Ausnahmejahr für uns. Das größte Glück war tatsächlich die Ankunft unserer Tochter im Mai 2017. Wir haben sie gemeinsam adoptiert; sie war erst drei Tage alt, als sie zu uns kam. Als mein Mann anrief und erzählte, dass er auf dem Weg ins Krankenhaus sei, um unser Kind abzuholen, befand ich mich gerade auf einer Reise und kuratierte ein riesiges Event, das eine Woche später in Tel Aviv eröffnet werden sollte. Für mich war das Adrenalin pur.

Seitdem ich denken kann, war mein größter Wunsch, eines Tages ein Kind zu haben. Es war unglaublich, als es tatsächlich so weit war. Unsere Tochter ist das Wichtigste in unserem Leben und einer der Gründe, weshalb ich total zufrieden bin, inzwischen Galerist zu sein. Auf diese Weise lässt sich der Beruf mit der Familie vereinbaren.

Unsere Tochter weiß, dass sie eine »Bauch-Mutter« hat, wir halten Kontakt zur leiblichen Kindsmutter, es handelt sich schließlich um eine offene Adoption. Aber es ist auch völlig normal für sie, dass sie zwei Väter hat: einen Papa und einen Abba, Hebräisch für Vater.

Was es bis dahin hier nicht gab, war ein Ort, an dem zeitgenössische Kunst ausgestellt wird.

Unsere Tochter ist inzwischen fünf Jahre alt, und sie wächst ganz selbstverständlich mit der Kunst auf, umgeben von Künstlern. Kürzlich hat sie sich in ein Bild von Navot Miller, einem Künstler aus Israel, verliebt, den wir ausgestellt haben. Es trägt den Titel »Lori and the Water Tower«, und jetzt spart sie jeden Cent Taschengeld dafür.

Kinder gehen ganz intuitiv an die Kunst heran. In allererster Linie muss sie ihnen gefallen. Und ich zum Beispiel kann auch nichts verkaufen, was mir selbst nicht gefällt, was mich nicht begeistert. Unsere Tochter wird mit dem Bewusstsein groß, dass Kunst einen Wert hat. Dass nicht alles im Leben selbstverständlich ist. Und dass man sich Mühe geben muss, wenn man etwas haben oder erreichen möchte.

Schon jetzt kann sie das hebräische Alphabet schreiben. Wenn sie alt genug ist, soll sie frei sein, selbst zu entscheiden, welcher Religion sie sich zugehörig fühlt, oder ob eben keiner. Das würden wir ihr niemals vorschreiben. Sie kennt alle Pessach-Lieder und kann sie singen, aber natürlich kennt sie auch Kirchenlieder.

CORONA Die Idee zu einer eigenen Galerie ist tatsächlich durch Corona entstanden. Als erfolgreicher Kurator habe ich bis dahin ein ziemlich mobiles Leben geführt, heute New York, morgen Shanghai, danach Tel Aviv und was weiß ich noch alles. Auf einmal war es nicht mehr möglich zu reisen. Also habe ich mich in der Nachbarschaft umgeschaut. Und als sich die Möglichkeit bot, haben wir zugeschlagen und dieses kleine Haus gemietet und alles selbst renoviert.

Denn was es bis dahin hier nicht gab, war ein Ort, an dem zeitgenössische Kunst ausgestellt wird, an dem junge aufstrebende und vor allem internationale Künstler präsentiert werden. So entstand die Idee zu Wannsee Contemporary.

Ich knüpfe an eine alte Tradition an.

Anfangs habe ich mich gar nicht so sehr als Pionier betrachtet, doch bereits zur ersten Ausstellung von Shane Roes, die 1996 in New York City geboren wurde, in Israel aufgewachsen ist und heute in Leipzig lebt, kamen über 100 Besucher. Davon waren wir überwältigt. Viele kamen aus Kreuzberg oder aus Mitte, manche sogar von weit her, weil sie etwas in den sozialen Medien über die Galerie gehört hatten. Zugereiste und Einheimische haben sich gemischt; Jung und Alt, Kunstexperten und Kunstliebhaber, neben völligen Novizen, die nur mal so schauen wollten, was »der Neue« in der Nachbarschaft so macht. Meine Tür steht für alle offen.

LIEBERMANN Inzwischen habe ich mich mit anderen kulturellen Institutionen in der Umgebung vernetzt. Wir entwickeln gerade ein Projekt, gemeinsam mit den lokalen Vereinen vor Ort, das es Künstlern und Künstlerinnen ermöglichen soll, einige der historischen Gebäude in der Umgebung zu erforschen. Die Ergebnisse können sie in Form von Malerei, Fotografie, Videos oder Installationen umsetzen. Auch hier mischen sich lokale mit internationalen Künstlern.

Bei alledem mache ich im Grunde nicht wirklich etwas Neues. Vielmehr knüpfe ich an eine alte Tradition an. Schließlich lebte nur unweit von hier der jüdische Maler Max Liebermann in seiner Sommervilla am Wannsee, wo er malte und Großstädter wie auch Einheimische empfing.

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