Sukkot

30 Jahre auf der Straße

Richard Brox wurde von einem auf den anderen Tag obdachlos. Darüber hat der Sohn einer Schoa-Überlebenden ein Buch geschrieben

von Ralf Balke  11.10.2019 12:49 Uhr

Der Vater war Sinto, die Mutter Jüdin, und der Sohn wurde obdachlos: Richard Brox aus Mannheim Foto: Joern Neumann

Richard Brox wurde von einem auf den anderen Tag obdachlos. Darüber hat der Sohn einer Schoa-Überlebenden ein Buch geschrieben

von Ralf Balke  11.10.2019 12:49 Uhr

Der Albtraum begann am 1. April 1986. An diesem Morgen standen die Gerichtsvollzieher in Begleitung von Polizisten und Möbelpackern vor der Tür.

Zu diesem Zeitpunkt war Richard Brox gerade einmal 21 Jahre alt – und bereits drogenabhängig. Nur vier Monate zuvor hatte er seine Mutter, die an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben war, beerdigen müssen. Der Vater starb bereits 1977.

Brox lebte allein in der Zweieinhalbzimmerwohnung in Mannheim, die er gemeinsam mit seiner Mutter bewohnt hatte. »Ich hatte wegen des Todes meiner Mutter völlig den Faden verloren«, erinnert sich der 55-Jährige. »Zudem gab es drei Monate Mietrückstände.«

Aber nicht nur das. Das Sozialamt zeigte sich alles andere als sozial und erklärte, dass eine derart große Wohnung für ihn als Einzelperson nicht angemessen sei. Also setzte man ihn kurzerhand auf die Straße. »Das Einzige, was ich mitnehmen durfte, waren zwei Plastiktüten mit Kleidung und zwei Fotoalben.«

PLASTIKTÜTEN Völlig hilflos musste Brox mit ansehen, wie die Gerichtsvollzieher alles beschlagnahmten, was sich irgendwie zu Geld machen ließ, darunter ein Klavier, ein Schlagzeug und eine Trompete. »Meine Eltern hatten auch als Musiker gearbeitet, und allein schon die Instrumente waren deutlich mehr wert als die gesamten Mietschulden. Aber das interessierte die Beamten nicht«, erzählt Brox.

Doch als noch viel schlimmer erwies sich ein anderer Umstand: Von einem Tag auf den anderen war Richard Brox plötzlich obdachlos. Und bereits in der ersten Nacht, »in einer völlig verdreckten Notunterkunft«, wurden ihm die beiden Plastiktüten gestohlen – mit den letzten Erinnerungen an seine Eltern.

Was folgte, war ein Leben auf der Straße, und zwar für mehr als 30 Jahre. Darüber hat Richard Brox ein Buch geschrieben. Kein Dach über dem Leben – Biografie eines Obdachlosen lautet der Titel. Im Dezember 2017 erschienen, stand es 21 Wochen auf der »Spiegel«-Bestsellerliste. Aber auch der Weg zum Erfolgsautor hat seine Geschichte. Und die begann 1989 mit dem Drogenentzug.

INTERNETCAFÉ Als er endlich clean war, fiel die Mauer, und Brox zog es erst einmal in den Osten Deutschlands. Dann entdeckte er das Internet für sich, und zwar eher durch Zufall. »Ende 1999 war ich in Berlin und wollte in der Notschlafstelle in der Franklinstraße übernachten«, erzählt er. Diese hatte aber noch geschlossen. »Weil es bitterkalt war und heftig regnete, brauchte ich dringend einen Ort zum Aufwärmen.«

Spontan ging er in das nächstgelegene Internetcafé, wo eine Stunde Surfen im Netz damals 50 Pfennige kostete. »Das konnte ich mir gerade leisten. Natürlich hatte ich keinerlei Ahnung, wie das Ganze funktioniert – aber da saßen einige junge Männer, die so freundlich waren, mir alles zu erklären«, erinnert sich Brox. Das war der Anfang der Wende in seinem Leben.

Durch seinen Blog mit Tipps für Obdachlose wurde Günter Wallraff auf ihn aufmerksam.

Denn wie sich herausstellte, gehörten diese Männer zum legendären Chaos Computer Club, es handelte sich also um richtige Experten. Von ihnen sollte Brox einen dreistündigen Crashkurs erhalten. Er richtete sich ein E-Mail-Konto ein und begann unter der Domain kurpfaelzer-wandersmann.de einen Blog zu betreiben.

»Ich stellte fest, dass es für nicht sesshafte Menschen im Netz keinerlei Plattformen oder Informationsmöglichkeiten gab«, sagt er. Genau diese Lücke habe er füllen wollen, indem er Tipps gab, wo Nichtsesshafte halbwegs sicher die Nacht verbringen konnten, und ähnliche nützliche Ratschläge. Auf diese Weise erreichte er einen gewissen Bekanntheitsgrad.

2008 wurde Günter Wallraff im Rahmen seiner Recherchen für den Dokumentarfilm Unter Null – Obdachlos durch den Winter auf Brox aufmerksam und lud den Blogger zu sich nach Köln ein. Zwischen den beiden entstand eine enge Freundschaft, die bis heute anhält. »Und weil ich ihm immer wieder aus meinem Leben berichtet hatte, sagte Wallraff eines Tages: ›Mensch Richard, wenn das alles wahr ist, was du erzählst, dann musst du ein Buch darüber schreiben.‹«

KINDERHEIME Diese Aufforderung setzte bei Brox einen nicht ganz einfachen Prozess in Gang: die intensive Beschäftigung mit seiner Herkunft und Familie. Aber erst einmal standen Recherchen im Mittelpunkt. »Schließlich ging es auch darum, alles faktisch belegen zu können, was ich zu berichten hatte – und das bedeutete eine Menge Archivarbeit, um vor allem die Geschichte meiner Eltern zu erzählen und all das, was mir in der Kindheit in den zahlreichen Heimen widerfahren ist, in denen ich immer wieder untergebracht war«, sagt Brox.

Alleine hätte er diese Aufgabe kaum bewältigen können. Auch wäre der Zugang zu manchen Akten schwer möglich gewesen. Aber der Name Wallraff sollte ihm so manche Tür öffnen, die sonst womöglich verschlossen geblieben wäre.

Denn die Herkunft und das Schicksal von Richard Brox’ Eltern stehen in direktem Zusammenhang mit seiner »Karriere« als Heimkind und später als Obdachloser.

Nach Ansicht der Behörden stand sein schlechtes Deutsch einer Einschulung im Weg.

Bereits im Alter von fünf Jahren hatte er Bekanntschaft mit den staatlichen und kirchlichen Fürsorgeinstitutionen machen müssen. »Nach Ansicht der Behörden war mein Deutsch einfach zu schlecht, um eingeschult zu werden«, sagt er. Der Grund: Im Hause Brox waren gleich mehrere Sprachen in Gebrauch – nur eben wenig Deutsch.

»Mein Vater war mütterlicherseits Sinti, weshalb er sich mit anderen Bekannten oft in Romanes unterhielt. Meine Mutter war eine polnische Jüdin und sprach mit ihren Bekannten demzufolge zumeist Jiddisch oder Polnisch. Und weil meine Eltern lange Zeit für die amerikanische Armee gearbeitet hatten, wo sie sich in den 50er-Jahren auch kennengelernt hatten, gehörte Englisch ebenfalls zu den Sprachen bei uns daheim.«

Seine defizitären Deutschkenntnisse bescherten Brox bereits als Fünfjährigem vier Wochen Heimaufenthalt. Es sollten nicht die letzten sein. »Dabei war das erste Kinderheim noch eines der besseren«, sagt er. In den anderen dagegen verging kaum ein Tag ohne Gewalt oder sexuelle Übergriffe durch die Erzieher. »Bereits im zweiten Heim, in das ich im Alter von acht Jahren kam, traktierten uns Nonnen, indem sie uns zu Liegestützen zwangen, wobei sie sich gerne auf unseren Rücken setzten.«

Rückblickend stellt Brox fest, dass seine Eltern mit seiner und der Erziehung seiner sechs Geschwister einfach überfordert waren. »Sie meinten es immer gut, gaben mir alle Freiheiten – vielleicht war das auch ein Problem.«

TRAUMATISIERT Was er wohl erst als Erwachsener so richtig begreifen sollte, war die Tatsache, dass sowohl der Vater als auch die Mutter durch ihre Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs schwersttraumatisiert waren. »Weil wir anfangs nur eine sehr kleine Wohnung hatten, musste ich mir mit meinen Eltern das Schlafzimmer teilen«, erinnert er sich. Nachts quälten sie Albträume. Oft hörte er sie schreien. Nur verstand er nicht wirklich, warum.

Wohl aber hatte er schon früh erfahren müssen, dass er irgendwie anders war – und dass dieses Anderssein mit seiner Herkunft zu tun hatte. Eines Tages etwa hätten ihn befreundete Nachbarskinder in die Kirche mitgenommen, erzählt Brox. »Der Pfarrer hat mich sofort wieder rausgeschmissen und mir an den Kopf geworfen: ›Du gehörst nicht hierher!‹«

Oft wurde die Familie mit Ablehnung und Hass konfrontiert.

Oft wurde die Familie mit Ablehnung und Hass konfrontiert. »Mein Vater wurde immer wieder als ›Zigeunerschwein‹ und ›Vaterlandsverräter‹ beschimpft«, erinnert sich Brox. Bereits als Kind habe sich der Vater dagegen gewehrt, in die Hitlerjugend einzutreten, berichtet Brox. »Zwangsweise wurde er als 17-Jähriger dann zur Wehrmacht eingezogen. Mehrere Male hatte er sich von der Truppe entfernt, was ihm vier Verurteilungen wegen Fahnenflucht einhandeln sollte. Und als er in Ungarn 1944 dazu abkommandiert wurde, Frauen, Kinder und alte Menschen – allesamt Juden – zu erschießen, hat er sich geweigert und sogar den Offizier zweimal geohrfeigt, als es deswegen zum Streit kam.«

Was folgte, waren das Wehrmachtsgefängnis in Linz und später das Konzen­trationslager Mauthausen. »Dort wurde er Zeuge der grausamsten Misshandlungen von Menschen.« Aber es kam noch schlimmer. »Aufgrund seines widerständigen Verhaltens geriet er zur Strafe in die Fänge eines Augenarztes, der ihn für medizinische Experimente missbrauchte«, sagt Brox. In späteren Jahren nahm deshalb die Sehkraft seines Vaters rapide ab, bis sogar beide Augen infolge der Quälereien operativ entfernt werden mussten.

DISKRIMINIERUNG Auch die Mutter sollte im Nachkriegsdeutschland Diskriminierungen erleben. »Aufgrund ihres starken Akzents wurde sie als ›Polackin‹ und ›Judensau‹ beleidigt«, erzählt der Sohn. Über ihre Erfahrungen als Zwangsarbeiterin sowie als Häftling im Konzentrationslager Ravensbrück konnte die 1921 in Kattowitz geborene Frau lange Zeit nicht sprechen. »Eine erste Ahnung davon bekam ich, als damals die Serie Holocaust im Fernsehen lief und meine Mutter mich aufforderte, sie mir anzuschauen. Sie selbst reagierte äußerst emotional darauf«, sagt Brox.

Doch Details über ermordete Familienmitglieder und darüber, was ihr selbst in den Lagern angetan worden war, erfuhr Brox erst wenige Wochen vor dem Tod der Mutter, als sie bereits im Krankenhaus lag. »›Sag niemals, dass du Jude bist; sie schlagen dir sonst den Schädel ein‹, lautete einer ihrer Sätze.« Für den damals 21-Jährigen war das alles ein Riesenschock.

»Ich bin ein Mensch, dem man seine Wurzeln geraubt hat.« Richard Brox

Die Geschichte seiner Eltern steht für Richard Brox in direktem Zusammenhang mit seinem eigenen Schicksal als langjähriger Obdachloser. »Man weiß einfach, dass einen die Gesellschaft nicht willkommen heißt, dass sie einen ablehnt.« Zugleich ist Brox heute voller Bewunderung für den Mut seiner Eltern zum Widerstand und für ihren Lebenswillen. »Ich hatte wirklich keine alltäglichen Eltern«, lautet sein Fazit. »Deswegen bin ich unendlich stolz auf sie.«

Er selbst bezeichnet sich mittlerweile als »wohnungslosen umherziehenden Men­schen, dem man seine Wurzeln geraubt hat«. An einem einzigen Ort könne er nicht länger verweilen, sagt er. Auch die Tatsache, dass er mit seinem Buch großen Zuspruch erhielt, ändert wenig daran. »Was ich aber bewirken kann und will, ist, dass anderen geholfen wird – weshalb die Einnahmen von Kein Dach über dem Leben in den Aufbau eines Hospizes für schwerstkranke Obdachlose fließen.«

Ein zweites Buch ist bereits in Planung, im November soll es erscheinen. Darin will Richard Brox Antisemitismus und Antiziganismus thematisieren. Schließlich gehöre das Judesein genauso wie das Sintisein zu seiner Identität.

Richard Brox: »Kein Dach über dem Leben. Biografie eines Obdachlosen«. Rowohlt, Reinbek 2017, 272 S., 10 €

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