Meinung

Pessach im Schatten des Krieges

Meinung

Pessach im Schatten des Krieges

Gedanken zum Fest der Freiheit von Rabbiner Noam Hertig

von Rabbiner Noam Hertig  11.04.2024 22:42 Uhr

Die blutigen Massaker am vergangenen Schmini Azeret/Simchat Tora und der anhaltende Krieg zwischen Israel und der Hamas mit ihren Verbündeten trüben unsere Pessach-Festfreude. Wie können wir unbeschwert feiern, während Israel im Kriegszustand ist, wir um die Opfer trauern, für die Verletzten und Geiseln beten und Juden weltweit antisemitischer Anfeindung ausgesetzt sind?

Wie können wir angesichts der prekären Lage in Israel vier Becher Wein am Seder trinken, steht Wein doch als Symbol für Festfreude – wie schon König David in Psalm 104:15 sang: »WeJajinin jesamach lewaw enosch« - »Wein erfreut das Herz des Menschen«.

Die vier Weinbecher am Sederabend symbolisieren nicht nur Freude, sondern auch Freiheit. Im Talmud Jeruschalmi (Pesachim 10:1) erklärte Rabbi Jochanan im Namen R. Benajas, dass die vier Weinbecher von den vier Ausdrücken der Befreiung (Arba Lischnot Geula) abgeleitet werden können.

Diese finden sich in Schmot 6:6-7, mit G-ttes Versprechen dem Volk Israel: 1) »Ich werde euch hinausführen (wehozeiti)« - 2) »Ich werde euch retten (wehizalti)« - 3) »Ich werde euch erlösen (wega’alti)« - 4) »Ich werde euch zu meinem Volk nehmen (welakachti)«.

Doch was ist mit dem fünften Ausdruck (6:8) »weheweiti« – »ich werde euch bringen« (das Versprechen des Einzuges ins Lande Israel)? Weshalb wird dieser Ausdruck nicht zu den anderen vier gezählt? Wie unsere Weisen erklären, dient uns seit Jahrtausenden die damalige Befreiung aus Ägypten, als Leit- und Spiegelbild für die zukünftige messianische Erlösung. Entsprechend war für unsere Gelehrten während unserer langen Zeit der Galut (Zerstreuung unter den Völkern) klar, dass wir nur vier und nicht fünf Weinbecher trinken, da dieser Becher mit dem Wiederaufbau des Landes Israel und dem Kommen des Maschiachs assoziiert würde.

Dennoch pflegt man einen zusätzlichen Becher »Kos Elijahu Hanawi« - den Becher Elijahus des Propheten - aufzufüllen. Hierzu erklärte Rabbi Jisrael Meir Kagan in seiner Mischna Berura (480:10): »Der Becher für Elijahu bedeute, dass genauso wie G-tt uns aus Ägypten befreite, so wird Er uns wieder erlösen und Elijahu schicken, um uns den Zeitpunkt anzukündigen!«

Mit dem Aufbau und der Gründung des modernen Staates Israel, befindet sich ein Großteil unseres Volkes wieder auf seinem angestammten Boden. Aus diesem Grunde vertreten einige Rabbiner die Ansicht, dass es angemessen wäre, bereits heute den fünften Weinbecher zu trinken. Trotzdem wird in den meisten Gemeinden der Becher Elijahus unberührt gelassen und nicht getrunken, denn obwohl wir, G-tt sei Dank, heute einen Staat Israel haben – der Prozess der Geu’la (Erlösung) ist noch nicht vollendet.

Gerade auch die aktuellen inneren Konflikte und Kriege mit äußeren Feinden in Israel lassen Erlösung und Frieden in weiter Ferne rücken. Dennoch verleiht der fünfte Becher auf dem Tisch einen Hauch von Perspektive und Hoffnung. Trotz der langen und von Leid und Krisen geprägten Geschichte des jüdischen Volkes haben wir immer wieder unsere Widerstandsfähigkeit bewiesen und die Hoffnung nie aufgegeben.

Möge unser Gebet und unser Engagement dazu beitragen, eine bessere Zukunft herbeizuführen – eine Zukunft, in der wir zweifellos alle aus dem fünften Becher der Erlösung trinken werden.

Interview

»Verbinde dich mit etwas Größerem«

Rabbiner Levi Shmotkin landete mit »Worte fürs Leben« einen Bestseller. Ein Gespräch über die Stärke, sich von Krieg und antisemitischen Bedrohungen nicht lähmen zu lassen

von Detlef David Kauschke  09.06.2026

Beha’alotcha

Macht der Gewohnheit

Die Tora zeigt am Beispiel Aharons, warum die tägliche Pflicht den Menschen wachsen lässt

von Avi Frenkel  05.06.2026

Talmudisches

Geister

Was antike jüdische Überlieferungen über Besucher aus dem Jenseits erzählen

von Rabbinerin Yael Deusel  04.06.2026

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Warum das Lesen dieses Wochenabschnitts beim Finden eines Ehepartners hilfreich sein soll

von Vyacheslav Dobrovych  24.05.2026

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026