Pro & Contra

Braucht es jüdischen Feminismus?

Pro: »Die Öffnung von Talmud Tora für die Frau mündete im 20. Jahrhundert schließlich in die Ordination«, sagt Valérie Rhein

Und Gott schuf den Menschen (…) männlich und weiblich.» So skizziert die Tora in der ersten Schöpfungsgeschichte in Bereschit (1. Buch Mose 1,27) die Erschaffung des Menschen. Der Mensch, männlich und weiblich, ist somit frei von Hierarchien. Von einer Rangordnung zwischen den Geschlechtern ist erst am Ende des zweiten Kapitels von Bereschit die Rede, als Gott aus der Rippe des Menschen – Adam – eine Hilfe bildet.

Kann uns (inner-)jüdischer Feminismus zu einer Gesellschaftsordnung zurückführen, wie sie die erste Schöpfungsgeschichte überliefert, zu einem hierarchielosen Miteinander von Mann und Frau? Im Rahmen des orthodoxen Judentums und dessen Halacha vielleicht nicht. Aber er kann Feministinnen und Feministen auf dem Weg in diese Richtung unterstützen. Indem er beispielsweise biblische Frauenfiguren sicht- und hörbarer macht oder beim Studium der vielstimmigen rabbinischen Schriften kreative Optionen für eine gleichwertige Religionspraxis von Mann und Frau eröffnet.

Weshalb ist das so wichtig? Weil Aussagen wie «Ein Mann geht einer Frau bezüglich der Rettung des Lebens vor» (Horajot 3,7) im 21. Jahrhundert nach einer Einordnung verlangen. Weil mutige Frauen wie Machla, Noa, Chogla, Milka und Tirza als vertraute Vorbilder mehr bewirken können als überlesene Tora-Episoden.

Der Religionsphilosoph Yeshayahu Leibowitz (1903–1994) formulierte es im Kontext von «Talmud Tora» einst so: «Das Thema Frau und Judentum ist heutzutage wichtiger als alle politischen Probleme des [jüdischen] Volkes und seines Staats. Setzen wir uns nicht ernsthaft damit auseinander, ist das auf Tora und Geboten basierende Judentum in der modernen Welt ernsthaft bedroht.»

Talmud Tora, das Studium der Tora und der rabbinischen Schriften, gehört zweifellos zu den bedeutendsten Mizwot. Der Talmud befreite Frauen explizit davon (Kidduschin 34a). Während Jahrhunderten war das Studiergebot, von wenigen Ausnahmen abgesehen, deshalb Männern vorbehalten.

«Mutige Frauen wie Machla, Noa, Chogla, Milka und Tirza können als vertraute Vorbilder mehr bewirken als überlesene Tora-Episoden.»

Erst mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht im Europa des 19. Jahrhunderts änderte sich das. Nun erhielten alle Kinder, Jungen wie Mädchen, ein Stück Allgemeinbildung. Die damaligen Rabbiner erkannten, dass dies die jüdische Identität der jüdisch wenig gebildeten Mädchen empfindlich schwächen könnte. Sie setzten der säkularen Bildung deshalb jüdische Bildung entgegen.

Seit Rabbi Eliezer in der Mischna (Sota 3,4) einst eindringlich davor warnte, Frauen zu unterrichten, ist viel passiert. «Wo ein rabbinischer Wille war, war ein halachischer Weg», pflegt Blu Greenberg, die heute 90-jährige Gründerin der Jewish Orthodox Feminist Alliance (JOFA), solche Entwicklungen zu kommentieren.

Die Öffnung von Talmud Tora für die Frau mündete im 20. Jahrhundert schließlich in die Ordination: Seit 1972 ordinieren liberale Rabbinerseminare Frauen, seit 1985 konservative und seit 2013 orthodoxe Institutionen. An der Yeshivat Maharat in New York oder dem Beit Midrash Har’el in Jerusalem haben in den vergangenen 13 Jahren mehr als 100 orthodoxe Jüdinnen eine Smicha erhalten. Ein eindrückliches Zeugnis für innerjüdischen Feminismus.

Wer wie ich in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts in einer Schweizer Einheitsgemeinde Batmizwa geworden ist, hat diese, wenn überhaupt, vermutlich als «Jahrgangs»-Event gefeiert. Das ist längst anders. In Einheitsgemeinden halten Mädchen an ihrem Batmizwa-Schabbat häufig ein Dwar Tora in der Synagoge, haben in einem Frauen-Minjan eine Alija laTora (Aufruf zur Tora) und lesen aus der Tora oder an Purim aus der Megillat Esther vor. Auch das ist ein eindrückliches Beispiel für innerjüdischen Feminismus und für ein weniger hierarchisches Miteinander von Mann und Frau. Und eine Entwicklung, die noch nicht abgeschlossen ist.

In sogenannten Partnership-Minjanim etwa ließen sich Halacha und eine aktivere Beteiligung von Frauen im Gottesdienst unter einen Hut bringen: Männer und Frauen, durch eine Mechiza voneinander getrennt, beteiligen sich beide an der Tora-Lesung, und das Dawenen beginnt erst, wenn mindestens zehn Männer und zehn Frauen da sind.

Und Machla, Noa, Chogla, Milka und Tirza? Die Tora erzählt ihre bemerkenswerte Geschichte in Bamidbar. Die fünf Schwestern kämpfen für die Landanteile ihres verstorbenen Vaters Zelofchad. Denn der hat keine Söhne, was problematisch ist, wenn gemäß Gesetz ausschließlich Söhne Grundbesitz erben. Zelofchads Töchter nehmen all ihren Mut zusammen, gehen zu Mosche und fordern den Landanteil ihres Vaters ein. Und was tut Mosche? Er wendet sich an Gott, der sogleich sein Gesetz ändert: «Die Töchter Zelofchads haben Recht, du sollst ihnen erblichen Grundbesitz geben» (4. Buch Mose 27,6).

Sie gehörten also zu den Ersten, die ihre Stimme zugunsten eines hierarchieloseren Miteinanders von Mann und Frau erhoben. Und sind uns bis heute Vorbilder für (inner-)jüdischen Feminismus.

Valérie Rhein ist Judaistin und forscht zur Religionspraxis der jüdischen Frau. Sie hat den schweizerischen Lerntag Jom Ijun mitgegründet und engagiert sich im interreligiösen Dialog.

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Contra: «Wir brauchen selbstbewusste jüdische Frauen, die ihre Tradition kennen, ihre Quellen studieren und ihre Stimmen erheben», sagt Rebbetzin Noémi Berger.

Im Hinblick auf den Internationalen Frauentag am 8. März wurde immer wieder die Frage gestellt: Braucht es einen jüdischen Feminismus? Meine Antwort lautet klar: Nein! Denn das Judentum verfügt von sich aus über eine tiefe, selbsttragende Vorstellung von weiblicher Würde, Stärke und Verantwortung.

Es ist nicht nötig, eine Ideologie von außen zu übernehmen, um zu wissen, wer wir als jüdische Frauen sind und welche Rolle wir in unserer Geschichte und Gemeinschaft einnehmen. Schon im ersten Kapitel der Tora heißt es: «Gott erschuf den Menschen als Sein Bild, als Ebenbild Gottes erschuf Er ihn. Männlich und weiblich erschuf Er sie» (1. Buch Mose 1,27).

Diese Worte sind nicht nur poetisch, sondern grundlegend. Keine Hierarchie, keine Abstufung der Würde zwischen Mann und Frau. Gleichwertigkeit ist im Ursprung der Schöpfung verankert, nicht als modernes Zugeständnis, sondern als göttliche Realität. Gleichwertigkeit ist das Fundament, auf dem jüdisches Leben gebaut ist.

Unsere Geschichte zeigt immer wieder, dass Frauen im Zentrum standen. Sie handeln, sie entscheiden, sie tragen Verantwortung. Sara, unsere Erzmutter, ist ein herausragendes Beispiel. Sie ist nicht nur «Frau von Abraham», sondern eine Persönlichkeit mit eigener innerer Haltung und spiritueller Autorität. Als es um Ismael und Isaak geht, fordert Sara von Abraham, Hagar und Ismael fortzuschicken. Abraham zögert – doch Gott bestätigt Saras Einsicht und sagt zu Abraham: «Höre auf ihre Stimme» (1. Buch Mose 21,12). Nicht Abraham belehrt Sara, sondern Gott anerkennt ihre Weisheit. Ihre Stimme zählt.

Auch die Geschichte des Auszugs aus Ägypten beginnt mit Frauen. Die Hebammen Schifra und Pua widersetzen sich dem Befehl des Pharaos und retten Leben. Jochewed bewahrt ihr Kind Mosche, und Mirjam bewahrt Hoffnung und Vertrauen inmitten der Ungewissheit.

«Es ist nicht nötig, eine Ideologie von außen zu übernehmen, um zu wissen, wer wir als jüdische Frauen sind und welche Rolle wir in unserer Geschichte und Gemeinschaft einnehmen.»

Die rabbinische Tradition sagt: Als Verdienst der gerechten Frauen wurde Israel erlöst. Später führt Mirjam das Volk im Gesang. Debora wirkt als Prophetin und Richterin. Esther rettet ihr Volk durch Mut, Klugheit und politische Entschlossenheit. Diese Frauen stehen nicht am Rand einer patriarchalen Erzählung, sondern gestalten Geschichte und prägen das jüdische Leben nachhaltig.

Über Jahrhunderte hinweg haben Frauen jüdisches Leben getragen: in der Erziehung, in der Weitergabe von Sprache, Glauben, Bräuchen und Praxis. Die Kontinuität unserer Gemeinschaft hing und hängt maßgeblich vom Engagement und der Weisheit der Frauen ab.

Der moderne Feminismus entstand in der Aufklärung und definiert Gleichheit häufig über Angleichung: gleiche Rollen, gleiche Funktionen, gleiche Sichtbarkeit. Die jüdische Tradition fragt anders: Sie fragt nach Verantwortung: für das Leben, für die Gemeinschaft, für Gott und für die Welt. Unterschiedliche Pflichten von Mann und Frau bedeuten keineswegs unterschiedliche Würde.

Unterschied ist nicht gleich Herabsetzung oder Diskriminierung. In der jüdischen Sicht geht es um das Leben in Balance – um das Erfüllen der eigenen Aufgaben mit Integrität und Sinn. Auch die jüdische Gemeinschaft hat sich weiterentwickelt. Bildung für Frauen, öffentliches Lehren und neue Formen religiöser Partizipation sind gewachsen, oft aus innerer Auseinandersetzung mit den Quellen. Veränderung geschieht im Diskurs mit Halacha und Tradition, nicht im Bruch mit ihnen.

Ein «jüdischer Feminismus», der primär säkulare Kategorien übernimmt, läuft Gefahr, die innere Logik des Judentums zu verkennen. Denn das Judentum selbst bietet Antworten auf Fragen nach Gleichheit.
Zudem ist der Begriff problematisch: Er suggeriert, die Tradition sei unvollständig, defizitär oder müsse durch moderne, externe Kategorien ergänzt werden.

Aber jüdische Frauen brauchten keine Ideologie, um stark zu sein. Sie waren stark – in Zeiten der Verfolgung wie in Zeiten relativer Sicherheit. Sie handelten, lehrten und prägten Generationen. Das bedeutet nicht, dass es keine Herausforderungen gibt. Jede Gemeinschaft muss sich prüfen, Missstände erkennen und Lösungen suchen. Aber die Antworten müssen aus den eigenen Quellen kommen – aus Tora, rabbinischer Auslegung, gelebter Praxis und Erfahrung. Nicht jede gesellschaftliche Debatte lässt sich eins zu eins auf das jüdische Leben übertragen.

Wir brauchen keinen jüdischen Feminismus. Wir brauchen selbstbewusste jüdische Frauen, die ihre Tradition kennen, ihre Quellen studieren, Verantwortung übernehmen und ihre Stimmen erheben. Stärke entsteht nicht durch das Übernehmen fremder Begriffe, sondern durch die Vertiefung der eigenen Identität.

Gerade am Weltfrauentag hätte es sich gelohnt, sich daran zu erinnern: Die jüdische Frau ist keine Entdeckung moderner Emanzipation. Sie ist seit jeher Trägerin von Glauben, Hoffnung und Zukunft. Sie inspiriert, bewahrt und gestaltet das jüdische Leben. Das genügt – und verpflichtet!

Rebbetzin Noémi Berger stammt aus einer Rabbinerfamilie. Gemeinsam mit ihrem Mann, Rabbiner Joel Berger, war sie in mehreren jüdischen Gemeinden in Europa tätig. Viele Jahre engagierte sie sich zudem in der Frauenorganisation WIZO.

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