Antisemitismus

»Verbot rechtsextremer Burschenschaften prüfen«

Burschenschafter aus dem ganzen deutschsprachigen Raum versammelten sich 2014 in Eisenach zu einem Treffen der Deutschen Burschenschaft. Foto: imago/Future Image

Seit Ende August Mitglieder der Normannia zu Heidelberg mit antisemitischen Ausfällen von sich reden machten, kommt die pflichtschlagende Burschenschaft nicht mehr aus den Schlagzeilen heraus.

Nach einer Hausdurchsuchung der Polizei Anfang September hatte der Altherrenverein der Studentenverbindung die Auflösung seiner Aktivitas angekündigt und versprochen, energisch gegen jede Form des Antisemitismus vorzugehen.

AUSSCHLUSS Doch seitdem ist nicht nur viel Wasser den Neckar hinuntergeflossen, sondern es wurden zwischenzeitlich immer neue Vorfälle und rechtsextreme Umtriebe von Normannia-Mitgliedern bekannt. So verlor Markus P., ein Alter Herr der Normannia, Ende September mit sofortiger Wirkung seinen Posten als Geschäftsführer bei einem Mannheimer Versorgungsunternehmen.

Zuvor war ein Foto von P. in die Öffentlichkeit gelangt, auf dem er mit Bierglas in der Hand und in den Farben der Normannia gekleidet abgebildet ist. Neben ihm sind zwei Kameraden zu sehen, von denen einer gerade den Arm zum Hitlergruß erhebt. Auch aus dem Altherrenverein wurde P. ausgeschlossen.

Der pensionierte ehemalige Mannheimer Polizeigewerkschafter und CDU-Politiker Egon Manz – lange Jahre Vorsitzender des Normannia-Altherrenvereins – erklärte vor einigen Tagen gegenüber der »Rhein-Neckar-Zeitung«, er sei zwischenzeitlich aus der Normannia ausgetreten.

Doch auch von Manz gelangte nunmehr ein ihn möglicherweise kompromittierendes Bild an die Öffentlichkeit: Es zeigt den Alten Herrn in den Farben der vom sächsischen Verfassungsschutz als rechtsradikal eingestuften Dresdener Burschenschaft Salamandria, die sich selbst als »heimattreu« bezeichnet. Manz hatte zuvor behauptet, schon vor einigen Jahren aus der Salamandria ausgetreten zu sein. Von wann genau das Foto stammt, ist nicht bekannt.

LEITLINIEN Am Wochenende gab nun Gunnar Heydrich, der amtierende Vorsitzende des Normannia-Altherrenvereins, bekannt, man habe Leitlinien für die Neuaufstellung der 1890 gegründeten Burschenschaft beschlossen. Demnach müssten sich die Mitglieder künftig »aktiv« zum »freiheitlich demokratischen Rechtsstaat« bekennen. Man sei sich »der Verbrechen des Nationalsozialismus bewusst« und bekenne sich »zu der daraus resultierenden besonderen Verantwortung Deutschlands für die Opfer des Nationalsozialismus«.

Darüber hinaus seien »Toleranz und Respekt unverzichtbare Grundlage des Bundeslebens«, heißt es in einer Erklärung, die am Sonntag auf der Webseite der Studentenverbindung veröffentlicht wurde. Jeglicher Extremismus werde abgelehnt, »gleichgültig ob von rechts oder von links«. Ausdrücklich sei die Mitgliedschaft bei der Normannia unvereinbar mit jener »in einer vom Verfassungsschutz beobachteten Vereinigung oder Partei bzw. verfassungswidrigen Organisation«. Am Montag war die Webseite allerdings nicht erreichbar.

Immer wieder wurden in jüngster Zeit Veranstaltungen im Normannia-Haus auf dem Heidelberger Schlossberg abgehalten, zu der Mitglieder der Identitären Bewegung (IB) geladen waren – teilweise sogar als Referenten. Die IB gehört zu den vom Verfassungsschutz beobachteten rechtsextremen Vereinigungen. Die Rhein-Neckar-Zeitung hatte zunächst geschrieben, dass die Normannia mehrere einschlägig bekannte rechtsextreme Aktivisten als Mitglieder ausgeschlossen habe. Jetzt berichtet die Zeitung in der Online-Ausgabe, dass die Altherrenschaft bei ihrem Treffen keine Alten Herren »ausgeschlossen« habe. Weiter heißt es dort: »Richtig ist (...), dass die Trennung insofern stattgefunden hat, als Herr Markus P. im Zuge einer Diskussion in der Altherrenschaft seinen Austritt erklärt hat. Herr Christian Schaar ist ausgetreten, nachdem gegen ihn verbindungsintern heftige Vorwürfe erhoben wurden.«

Die Kellerbar im Normannia-Haus wird Berichten zufolge intern »Führerstübchen« genannt und soll mit Devotionalien aus dem Zweiten Weltkrieg dekoriert sein. Auch Neonazi-Musik werde dort regelmäßig gespielt.

SEILSCHAFTEN Baden-Württembergs Antisemitismusbeauftragter Michael Blume forderte unterdessen ein schärferes Durchgreifen des Staates gegen rechtsextreme Burschenschaften. Dabei müssten auch Vereinsverbote in Erwägung gezogen werden, so Blume am Wochenende gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Er prangerte erneut »Seilschaften« von Burschenschaftlern an, die bis in staatliche Organe hineinreichten. »Wir haben Hinweise darauf, dass Netzwerke von Alten Herren im Staatsdienst sich seit Jahrzehnten gegenseitig decken und Vorfälle immer wieder als Einzelfälle verniedlichen statt aufzuklären«, sagte Blume der dpa.

Studentenverbindungen dienten sogar als autoritäre Kaderschmieden für Justiz und Polizei und als Brutstätte rechter Eliten, fügte er an. Zwar seien nicht alle Burschenschaftler rechtsextrem, aber es würden dort gelegentlich »Gewaltrituale« gepflegt. So entstünden »Gemeinschaften mit einem autoritären Männlichkeitsbild und einem völkischen Verständnis von Staatsbürgerschaft«.

VERFASSUNGSSCHUTZ Die Deutsche Burschenschaft (DB), den führenden Korporationsverband in Deutschland, dem aktuell 66 Verbindungen mit insgesamt 4500 Mitgliedern angehören (darunter auch die Normannia), hält der Antisemitismusbeauftragte für »rechtsextrem, rassistisch und antisemitisch«. Er forderte den Verfassungsschutz auf, die DB und die Aktivitäten ihrer Mitglieder zu beobachten. 2016 hatte sich in Abgrenzung zur DB ein alternativer Dachverband gegründet, der versprach, völkischem Gedankengut entgegenzutreten.

Im baden-württembergischen Verfassungsschutzbericht werden bislang keine studentischen Verbindungen erwähnt, sagte ein Sprecher der Behörde der dpa. Allerdings lägen Erkenntnisse über Einzelpersonen vor, die als Rechtsextremisten in Burschenschaften aktiv oder als Mitglieder verzeichnet seien. Man habe zwar zunächst geplant, die Normannia stärker unter die Lupe zu nehmen. Da die aktive Gruppe der Burschenschaft nach dem Vorfall Ende August aufgelöst worden sei, sei sie nicht mehr richtig zu greifen, berichtete die Nachrichtenagentur unter Berufung auf Verfassungsschutzkreise.

Auch Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) war in den vergangenen Wochen in die Kritik geraten. Der Heidelberger SPD-Politiker Daniel Al-Kayal forderte ihn zu einer Stellungnahme auf. Strobl ist selbst ein Alter Herr der schlagenden Heidelberger Verbindung Alte Leipziger Landsmannschaft Afrania. Der Chef der baden-württembergischen Sicherheitsbehörden hat sich bislang nicht zu den Vorgängen in Heidelberg geäußert.

Es war ein 26-jähriges Afrania-Mitglied, das bei einer feuchtfröhlichen Feier im Normannia-Haus Ende August zu vorgerückter Stunde mit Gürteln geschlagen und antisemitisch beleidigt wurde. Zuvor hatte der Student die Bemerkung fallen gelassen, unter seinen Vorfahren seien auch Juden gewesen. Laut Heidelberger Staatsanwaltschaft wird in diesem Zusammenhang gegen acht Personen ermittelt.

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