Geschichte

»Mein Führer! Geniale Führung«

Haben die Hohenzollern-Erben das Recht auf Entschädigung? Burg Hohenzollern in Baden-Württemberg Foto: dpa

Die Historikerin Karina Urbach wirft den Hohenzollern Verstrickungen in das NS‐Régime vor. »Sie dachten, Hitler könne ein Steigbügelalter sein, um sie wieder auf den Thron zu bringen«, sagte die Forscherin vom Institute for Advanced Study im US‐amerikanischen Princeton der »Berliner Zeitung« am Mittwoch. Deshalb habe das preußische Adelsgeschlecht In‐ und Auslandspropaganda für die NSDAP gemacht.

So habe beispielsweise Kronprinz Wilhelm in der amerikanischen Presse einen Artikel veröffentlicht, in dem er »Marxisten und Juden« vorwarf, Hitler zu untergraben, so Urbach. Zudem prophezeite er, »die Welt würde Hitler noch dankbar sein, den Bolschewismus bekämpft zu haben«.

HITLER In seinen Briefen an den britischen Zeitungsmagnaten Lord Rothermere habe der Kronprinz zudem detailliert seine Hilfe für Hitler beschrieben: »Bei der Reichspräsidentenwahl habe ich öffentlich erklärt, dass ich für Hitler und gegen den Feldmarschall von Hindenburg votieren werde. Ich glaube, ich habe dadurch aus dem Kreis meiner Stahlhelm‐Kameraden und aus dem Bereich der deutschen Nationalisten rund zwei Millionen Stimmen für Hitler gewonnen.«

Betroffenen von Enteignungen stehen nach Rechtslage keine Entschädigungen zu, wenn sie dem nationalsozialistischen System »erheblich Vorschub« geleistet haben.

Die Historikerin, deren neuester Aufsatz »Nützliche Idioten. Die Hohenzollern und Hitler« Ende August erscheint, wirft der Adelsfamilie Manipulation vor. Das Hausarchiv der Hohenzollern stehe der Forschung nicht offen, kritisierte Urbach: »Man muss in ausländischen Archiven nach Briefen suchen.« Der Nachlass des Kronprinzen zum Beispiel sei überhaupt nicht einsehbar.

»Die Familie will das Geschichtsbild kontrollieren und entscheiden, wer welche Dokumente sehen darf, was veröffentlicht wird und was nicht«, so die Historikerin. Das sei »klare Manipulation«.

SKANDAL »Da wird ein Staatswesen – ›Preußen‹ – noch über seinen Tod hinaus als Privatbesitz einer Familie betrachtet«, kritisierte Urbach. Das sei in ihren Augen der noch viel größere Skandal als die Forderung nach 1,2 Millionen Euro. »Wir Historiker brauchen den uneingeschränkten Zugang zu ihrem Archiv«, forderte sie.

Die Familie des 1918 abgedankten letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. ist laut Urbach auch von Hitlers Eroberungskriegen begeistert gewesen. »Das war in ihren Augen echte Hohenzollernpolitik«, sagte Urbach.

So habe der Kronprinz am 26. Juni 1940 per Telegramm Hitler mit den Worten gratuliert: »Mein Führer! Ihrer genialen Führung, der unvergleichlichen Tapferkeit unserer Truppen (…) ist es gelungen, in der unvorstellbar kurzen Zeit von knapp 5 Wochen Holland und Belgien zur Kapitulation zu zwingen, die Trümmer des englischen Expeditionscorps in das Meer zu treiben. (…) Mit dem heutigen Tage ruhen die Waffen im Westen, und der Weg ist frei für eine endgültige Abrechnung mit dem perfiden Albion (antiker Name für Großbritannien).«

Das Hausarchiv der Hohenzollern stehe der Forschung nicht offen, kritisierte Urbach.

Die Nachfahren des letzten deutschen Kaisers fordern vom Land Brandenburg unter anderem 1,2 Millionen Euro Entschädigung für Enteignungen nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Sowjets. Zudem wollen sie auch die Rückgabe von Kunstschätzen aus den Museen in Berlin und Brandenburg und ein Wohnrecht im Potsdamer Schloss Cecilienhof oder einer anderen Immobilie erreichen.

Allerdings stehen Betroffenen von Enteignungen nach Rechtslage keine Entschädigungen zu, wenn sie dem nationalsozialistischen System »erheblich Vorschub« geleistet haben. Davon geht das Land Brandenburg aus.  epd

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