Heidelberg

Nach dem antisemitischen Angriff werden weitere Vorfälle bekannt

In der Villa Stückgarten, dem Verbindungshaus der Normannia zu Heidelberg, kam es in der Nacht zum 29. August zu einem antisemitischen Vorfall Foto: Uwe Anspach/dpa

Ein Mitglied der schlagenden Heidelberger Verbindung Normannia soll bei einem Angriff rechtsextremer Aktivisten auf das Linke Zentrum »Ewwe longt’s!« in Mannheim im Januar des vergangenen Jahres beteiligt gewesen sein. Das berichtete die »Rhein-Neckar-Zeitung«. Demnach wurde von der Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen den Studenten eingeleitet - unter anderem wegen des Führens von Waffen bei einer öffentlichen Versammlung.

ANGRIFF Die Staatsanwaltschaft Heidelberg bestätigte gegenüber der »Rhein-Neckar-Zeitung«, dass ein Normannia-Burschenschafter involviert war, als Mitglieder der Identitären Bewegung am 19. Januar 2019 versuchten, sich anlässlich der Eröffnungsfeier für das Zentrum Zutritt zu den Büroräumen von »Ewwe longt’s!« zu verschaffen.

Die Zeitung berichtete zudem, dass am 1. Mai 2019 ein Student der Verbindung Rupertia von Normannia-Mitgliedern in der Heidelberger Altstadt mit antisemitischen Beleidigungen traktiert und dann so verprügelt wurde, dass er einen Zahn verlor. Ein Burschenschafter sei dafür vom Heidelberger Amtsgericht im Juni 2020 wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt worden, gegen ein weiteres Normannia-Mitglied liefen dagegen noch Ermittlungen wegen Körperverletzung sowie Volksverhetzung. Auch dies bestätigte die Heidelberger Staatsanwaltschaft der »Rhein-Neckar-Zeitung«.

INFORMATIONSPOLITIK Die zuständige Mannheimer Polizei informierte die Öffentlichkeit damals nicht über die laufenden Ermittlungen, obwohl das Opfer des Angriffs umgehend Anzeige erstattet hatte. Auch nach dem Vorfall in den Morgenstunden des 29. August 2020, bei dem anlässlich einer Feier im Normannia-Haus ein 25-jähriges Mitglied der Afrania-Verbindung antisemitisch beleidigt, mit Münzen beworfen und mit Gürteln geschlagen wurde, nachdem er angeben hatte, jüdische Vorfahren zu haben, gab es zunächst keine Medienmitteilung der zuständigen Polizeidirektion. Erst Tage später, nachdem der Vorfall der Öffentlichkeit bekannt geworden war, informierten die Behörden die Öffentlichkeit.

Der Fall schlug über Heidelberg hinaus hohe Wellen, da der Altherrenverein der Normannia die sofortige Auflösung seiner Aktivitas bekanntgab und sich von antisemitischen Ausfällen der Normannia-Studenten distanzierte. Zuvor hatte es im Verbindungshaus allerdings eine Hausdurchsuchung der Polizei gegeben.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen insgesamt acht Personen, sieben Männer und eine Frau. »Der Gegenstand des Ermittlungsverfahrens ist weiterhin im Wesentlichen unverändert, insbesondere, was den fortbestehenden Verdacht anbelangt, der Verletzte sei in Anspielung auf seine jüdische Vorfahrin beleidigt worden, wobei die Beleidigung verbal und durch das Bewerfen mit Münzen ausgedrückt worden sei«, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft der Jüdischen Allgemeinen. Zwischenzeitlich seien mehrere Verfahrensbeteiligte vernommen und zahlreiche Beweismittel beschlagnahmt und zum Teil auch schon ausgewertet worden. Die Ermittlungen dauerten allerdings noch an, so der Sprecher.

WEITERE VERBINDUNGEN Laut eines auf der Webseite der »Autonomen Antifa Freiburg« veröffentlichten Berichts wurde am Abend des 28. August im Verbindungshaus der Normannia der Geburtstag eines Burschenschafters gefeiert. Daraufhin sei ein Gast, Mitglied der Verbindung »Alte Leipziger Landsmannschaft Afrania im CC zu Heidelberg« und angeblich auch in der AfD-Jugendorganisation »Junge Alternative« aktiv, von mindestens acht Personen aus verschiedenen Burschenschaften als »Drecksjude« und »Judensau« beschimpft worden. Neben Normannia-Aktiven seien an dem Übergriff auch Mitglieder der »Burschenschaft Germania Köln«, der Burschenschaft »Ghibellinia Saarbrücken« und des »VDSt Asciburgia Mainz« beteiligt gewesen.

Auch der Vorsitzende des Normannia-Altherrenvereins, Gunnar Heydrich, war laut diesem Bericht bei der Feier persönlich anwesend. Heydrich hatte in einem am 8. September veröffentlichten Statement erklärt, man dulde bei der Normannia keinen Antisemitismus, weder in den eigenen Reihen noch »durch Dritte.« Man habe nach dem Vorfall umgehend Schritte eingeleitet und kooperiere mit den Behörden.

»Sollten sich die Vorwürfe gegen einzelne ihrer Mitglieder erhärten, wird die Burschenschaft Normannia auch intern entsprechende Konsequenzen ziehen. Antisemitismus und gewalttätige Übergriffe sind mit dem burschenschaftlichen Gedanken nicht zu vereinbaren«, erklärte Heydrich.

Allerdings ist die Normannia für viele Beobachter der Szene in Heidelberg eine der am äußersten rechten Rand stehenden Gruppierung - und das seit Jahren. Laut dem Internet-Portal »Heidelberg 24« wurde auf dem Gelände des Verbindungshauses des Öfteren schon die Reichskriegsflagge gehisst. Zudem fanden in der noblen Villa unweit des berühmten Heidelberger Schlosses schon mehrfach Veranstaltungen mit Rednern aus der rechtsextremen Szene statt. Der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Michael Blume, sagte der Online-Zeitung »Watson«, er frage sich, warum »diese Burschenschaft und ihr Dachverband nicht seit Jahren Beobachtungsobjekte des Verfassungsschutzes sind.« mth

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