Bonn

»Er wollte mich töten«

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Die Bonner Staatsanwaltschaft geht derzeit nicht davon aus, dass der Angriff auf einen Arzt in dessen Praxis im nordrhein‐westfälischen Troisdorf einen politischen oder religiösen Anlass hat. Das sagte der Pressedezernent der Behörde, Sebastian Buß, am Donnerstag der Jüdischen Allgemeinen.

Er bestätigte Medienmeldungen, denen zufolge am Montagvormittag ein 44‐jähriger Mann mit einem Messer auf den Chirurgen Attila Tan (54) losgegangen sein soll. Dabei habe er laut Zeugenaussagen »Allahu Akbar« gerufen und gebrüllt, dass er Palästinenser sei und »schon viele Juden abgestochen« habe.

attackiert Zu der Tat soll es gekommen sein, nachdem der Arzt den 19‐jährigen Sohn des Mannes behandelt hatte, der ihn mit einer 16‐jährigen Begleiterin aufgesucht habe. Danach sei der Vater mit einem weiteren Sohn, 15 Jahre alt, in die Praxis gekommen und habe den Arzt und dessen Mitarbeiterinnen bedroht und attackiert. Die Frau des Arztes soll ebenfalls geschlagen und nach dem Anschlag mit Verdacht auf einen Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert worden sei. Attila Tan selbst hat bei der Abwehr des Angriffs einen Adduktorenabriss erlitten, der wohl operativ behandelt werden muss.

Der Anlass der Tat – die Auseinandersetzung über die ärztliche Behandlung – lasse nach derzeitigen Erkenntnissen »nicht auf ein politisches oder religiöses Motiv schließen«, sagte Pressedezernent Buß. Gleichwohl werde auch in diese Richtung weiter ermittelt. Er bestätigte Medienmeldungen, nach denen der Arzt gezwungen worden sein soll, sich auf Knien bei dem Patienten zu entschuldigen. Währenddessen sollen die beiden Söhne den Arzt festgehalten haben. »Eine Hinrichtungszeremonie« habe es dabei aber nicht gegeben, so Buß. Auch soll sich das Messer in einem Futeral befunden haben.

Die mutmaßlichen Täter seien nach einer sogenannten Gefährderansprache am Montagabend wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Es soll sich bei ihnen um deutsche Staatsbürger mit festem Wohnsitz und ohne polizeiliche Vorerkenntnisse handeln. Nachdem es zunächst hieß, dass die Jugendabteilung der Staatsanwaltschaft Bonn zuständig sei, wurde nun mitgeteilt, dass nun doch die politische Abteilung den Fall übernommen habe.

Schock Dass die Täter wieder auf freiem Fuß sind und die Staatsanwaltschaft nicht von einer Hinrichtungszeremonie sprechen will, empfindet Attila Tan als »Skandal«. Im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen sagte der Chirurg: »Der Vater war zu allem entschlossen, hat meine Frau geschlagen und mir das Messer an den Hals gesetzt. Es war klar, dass er mich töten wollte. Was muss denn noch alles passieren, bis jemand festgenommen wird?«

Seine Praxis bleibt aufgrund der Folgen des Anschlags bis auf Weiteres geschlossen. »Meine Mitarbeiter leiden unter Angstzuständen und wurden krankgeschrieben«, berichtet Tan, der als alevitischer Kurde aus der Türkei im Alter von zehn Jahren nach Deutschland kam. »Sie haben mitbekommen, wie der Täter auf mich losgegangen ist. Die meisten stehen noch immer unter Schock.« ppe/ddk

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