Normannia

Burschenschafter wehren sich gegen Antisemitismusvorwurf

Immer wieder stehen Burschenschafter - hier bei einem Treffen in Eisenach 2014 - wegen Verbindungen in die rechtsextreme Szene in der Kritik. Foto: imago

»Die Burschenschaft Normannia duldet keinen Antisemitismus in ihren Reihen oder durch Dritte auf ihrem Haus.« Diese Botschaft stellte Gunnar Heydrich, Vorsitzender des Altherrenverbands der Heidelberger Burschenschaft, am Dienstagnachmittag auf die Website der Normannia.

Zuvor stand dort nur die knappe Nachricht, die Aktivitas – das aktive Studierendenkorps der seit 1890 bestehenden schlagenden Verbindung – sei am 3. September 2020 aufgelöst worden. Mit diesem Schritt wolle man »eine schnelle und vollständige Aufklärung der Vorwürfe« erleichtern, so Heydrich.

»GÜRTELUNG« Anlass für das Vorgehen der Burschenschafts-Oberen war ein judenfeindlicher Vorfall in Heidelberg in den frühen Morgenstunden des 29. August, der mittlerweile weite Kreise zieht und sogar Polizei und Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen hat.

Die Staatsanwaltschaft Heidelberg hat nun ein Ermittlungsverfahren eingeleitet gegen eine Frau und sieben Männer.

Die deutschnationalen Burschenschafter, denen in der Vergangenheit des Öfteren vorgeworfen worden war, Teil der rechtsextremen Szene zu sein, hatten am Vorabend Besuch bekommen. Mitglieder der Alten Leipziger Landsmannschaft Afrania waren in die Normannia-Villa in der Nähe des Heidelberger Schlosses gekommen. Es ging informierten Kreisen zufolge feucht-fröhlich zu. Unter den Gästen befand sich auch ein 25-jähriges Afrania-Mitglied, der im Laufe des Abends erwähnte, unter seinen Vorfahren seien auch Juden.

Daraufhin entspann sich Berichten zufolge eine hitzige Auseinandersetzung zwischen Normannia-Mitgliedern und dem Mann, in deren Folge er offenbar nicht nur antisemitisch beleidigt, sondern auch mit Münzen beworfen wurde.

SCHLÄGE Auch von Gürtelschlägen wurde berichtet. Das »Gürteln« sei eine schon seit Längerem ausgeübtes Ritual der Burschenschafter, erklärte die Polizei. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg hat nun ein Ermittlungsverfahren eingeleitet gegen eine Frau und sieben Männer.

Auch der Staatsschutz sei eingeschaltet, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung von Polizei und Staatsanwaltschaft am Dienstag. Bei einer Hausdurchsuchung Ende vergangener Woche sei umfangreiches Beweismaterial sichergestellt worden. Mindestens 27 Teilnehmer an der Feier hätten bislang namentlich ermittelt werden können, so die Behörden.

KONSEQUENZEN Der Vorsitzende des Altherrenverbandes betonte, das sich die Ermittlungen nicht gegen die Verbindung als Ganze richteten, sondern nur gegen Einzelpersonen. »Sollten sich die Vorwürfe gegen einzelne ihrer Mitglieder erhärten, wird die Burschenschaft Normannia auch intern entsprechende Konsequenzen ziehen,« so Gunnar Heydrich in seiner Erklärung. Antisemitismus und gewalttätige Übergriffe seien mit dem burschenschaftlichen Gedanken nicht zu vereinbaren.

Allerdings berichtete die »Rhein-Neckar-Zeitung« unter Berufung auf ein Normannia-Mitglied, dem Altherrenverband hätten bereits in der Vergangenheit Informationen darüber vorgelegen, dass das Verbindungshaus ein Treffpunkt der örtlichen rechtsextremen Szene sei. 

Außerdem soll seit über einem Jahr bekannt gewesen sein, dass es dort schon früher zu antisemitischen Äußerungen und dem Zeigen des Hitlergrußes gekommen sein soll und dass die rechtsextreme »Identitäre Bewegung« regelmäßig Veranstaltungen im Normannia-Haus abhalte.

KONSEQUENZEN Bereits im Jahr 2018 veröffentlichte die Antifaschistische Initiative Heidelberg auf ihrem Blog Informationen zu den Verbindungen von Normannia-Aktivisten mit der rechtsextremen Szene in Deutschland. So habe bereits 1993 ein Sprecher der Burschenschaft der Studierendenzeitung »Ruprecht« gesagt, man werde »nicht vor den Juden buckeln.«

Soll der baden-württembergische Verfassungsschutz künftig mögliche rechtsextreme Umtriebe bei Burschenschaften beobachten?

Außerdem hätten führende Alte Herren der Verbindung später Führungspositionen bei rechtsextremen Organisationen wie der »Jungen Landsmannschaft Ostpreußen«, welche europaweit Neonaziaufmärsche organisiert, eingenommen.

Laut einem Bericht des »AK Antifa« an der Universität Heidelberg aus dem Jahr 2006 verteilte die Normannia-Aktivitas im März 2000 farbentragend auf der Heidelberger Hauptstraße Flugblätter gegen das »jüdische Finanzkapital«. In einem anderen Pamphlet bezeichneten Normannia-Mitglieder anlässlich des Golfkriegs 2003 Israel bzw. »die Juden« als »Hintergrundmächte« der USA.

Im selben Jahr verteilten die Burschenschafter eine Rede des CDU-Parlamentariers Martin Hohmann an der Universität und behaupteten, dieser sei falsch verstanden worden. Hohmann hatte behauptet, »dass man als Deutscher in Deutschland keine Vorzugsbehandlung« mehr genieße, und gefragt, ob es nicht sinnvoll sei, die Zahlungen an die EU sowie die Entschädigungszahlungen an ehemalige NS-Zwangsarbeiter und an Schoa-Opfer angesichts der schlechten Wirtschaftslage zu verringern.

Bereits im Mai 2001 hatte Hohmann in der Bundestagsdebatte zur Zwangsarbeiterentschädigung von einer »Erpressung Deutschlands durch das American Jewish Committee« gesprochen. Hohmann ist heute in der AfD aktiv. Auch ein anderer Alter Herr der Normannia, Christian Wirth, sitzt seit 2017 für die Partei im Bundestag.

MÄNNLICHKEITSRITUAL Der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Michael Blume, sagte dieser Zeitung, er habe Informationen, dass zu den Alten Herren der Heidelberger Normannia auch Mitarbeiter bei Polizei und Justiz gehörten. »Man muss schon verhindern, dass da womöglich nicht so genau hingeschaut wird, oder dass Dinge wie das ›Gürteln‹ verharmlost werden. Letzteres ist ein Männlichkeitsritual, das eindeutig mit Gewaltausübung assoziiert ist.«

»Es gibt auch liberale, republikanische Burschenschaften, die mit rassistischen Auswüchsen nichts am Hut haben wollen.«

Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg

Es dürfe nicht einmal der Anschein entstehen, dass die Sache von den Behörden verschleppt werde. »Man muss aber auch sagen, dass die Polizei mit der Hausdurchsuchung ihren Job gemacht hat, auch wenn man die Öffentlichkeit schon etwas früher hätte informieren können«, meinte Blume. Er habe gebeten, die Sache schnell und umfassend aufzuklären. »Landeskriminaldirektor Klaus Ziwey hat mir dies auch zugesagt.«

VERBOT Der Antisemitismusbeauftragte forderte mehr Wachsamkeit. »Wenn Burschenschaften ins rechtsextreme Lager abdriften, müssen Gesellschaft und Öffentlichkeit, aber auch der Staat ein Auge darauf haben. Ich denke, dass auch bei den Burschenschaften die meisten nicht wollen, dass die Dinge wie in Heidelberg aus dem Ruder laufen.« Die Auflösung der Normannia-Aktivitas durch den Altherrenverein begrüßte Blume ausdrücklich.

Ein staatliches Verbot von Burschenschaften sei rechtsstaatlich schwierig, da hohe rechtliche Hürden bestünden. Dagegen könne er sich vorstellen, so Blume, dass der baden-württembergische Verfassungsschutz mögliche rechtsextreme Umtriebe bei Burschenschaften genauer unter die Lupe nähme. Allerdings forderte der Religionswissenschaftler auch zur Differenzierung auf. »Es gibt auch liberale, republikanische Burschenschaften, die mit rassistischen Auswüchsen nichts am Hut haben wollen.«

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