Frederek Musall

Haltung zeigen in Heidelberg

Studentenverbindungen als Teil der offenen Gesellschaft sind gefordert, sich klar gegen Antisemitismus zu positionieren

von Frederek Musall  17.09.2020 08:50 Uhr

Frederek Musall Foto: Eugen El

Studentenverbindungen als Teil der offenen Gesellschaft sind gefordert, sich klar gegen Antisemitismus zu positionieren

von Frederek Musall  17.09.2020 08:50 Uhr

Neben Schloss und Alter Brücke ist der »Studentenkarzer« eine der zentralen Touristenattraktionen Heidelbergs; das romantisch verklärte Zeugnis einer Zeit, in der Studentenverbindungen das Bild von der Universitätsstadt prägten. Ihre Abbilder findet man in der Heidelberger Altstadt allpräsent verewigt, in Traditionskneipen oder auf Zartbitter-Konfekt: Alt-Heidelberg, du Feine!

Aber spätestens seit dem antisemitischen Vorfall auf einer Feier im Haus der Burschenschaft Normannia zu Heidelberg, bei der ein Student, der zu einer anderen Burschenschaft gehört, aufgrund jüdischer Familienbezüge mit Münzen beworfen und von seinen Kommilitonen mit Gürteln geschlagen wurde, ist nichts mehr fein und heile Welt.

rituale Es geht mir nicht darum, die Heidelberger Studentenverbindungen pauschal zu verurteilen. Ihre Rituale und ihr Brauchtum mögen mich befremden, ihre politischen Werte und Weltbilder irritieren; und doch gehört es zu den schwierigen Herausforderungen in einer demokratischen, pluralen und offenen Gesellschaft, bis zu einem gewissen Maß auch Perspektiven und Positionen auszuhalten, die man nicht teilt.

Aber eine offene Gesellschaft ist keine grenzenlose, und wenn die fundamentalen Regeln und Grenzen des Miteinanders verletzt werden, kann es keine politische Neutralität geben. Das Münzenbewerfen ist in seiner antisemitisch aufgeladenen symbolischen Performanz eindeutig; einen Menschen mit einem Gürtel zu schlagen, ist entwürdigend und menschenverachtend und erfüllt den Strafrechtsbestand der Köperverletzung.

Das Münzenbewerfen ist in seiner antisemitisch aufgeladenen symbolischen Performanz eindeutig.

Gerade deshalb lässt sich in diesem Fall nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Er betrifft die Universitätsstadt Heidelberg, die sich als weltoffen und tolerant versteht, als Ganzes.

phrase Somit kann es jetzt nicht allein um Betroffenheitsbekundungen gehen, sondern darum, als vielfältige städtische Gemeinschaft Haltung zu zeigen, damit die Rufe »Nie wieder Antisemitismus!« nicht zur hohlen Phrase verkommen.

Und eben, weil sie sich als traditionellen Bestandteil des Heidelberger Stadt- und Studierendenlebens verstehen, sind folglich auch die Heidelberger Studentenverbindungen, Corps und Burschenschaften gefordert, sich entsprechend zu positionieren! Einige haben das bereits öffentlich und in aller Deutlichkeit getan. Das Schweigen anderer ist allerdings auch aussagekräftig.

Der Autor ist stellvertretender Rektor der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg.

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