Mit 13 Nominierungen in die Oscar-Nacht zu gehen, war bislang immer eine solide Basis, um sich als großer Favorit unter den Filmen des Jahres zu fühlen. Auch wenn sich dies nicht zwangsläufig im Gewinn der wichtigsten Oscar-Kategorie niederschlug - jüngstes Beispiel war erst im vergangenen Jahr »Emilia Perez«. Und »La La Land« reichten 2017 bekanntlich sogar 14 Nominierungen nicht, um als bester Film ins Ziel zu gehen.
Diesmal kommt bei den 13 Nominierungen für die Politthriller-Satire »One Battle After Another« noch eines dazu: Es gibt auch noch »Blood & Sinners«! Das Gangster-, Musik- und Vampirdrama hat mit 16 Nominierungen den bisherigen Rekord von 14 übertroffen, den »La La Land« gemeinsam mit »Alles über Eva« und »Titanic« (beides Gewinnerfilme) hielt.
Paul Thomas Anderson als Favorit
Doch trotz des numerischen Vorteils für »Blood & Sinners« gehen die meisten Fachleute davon aus, dass »One Battle After Another«-Regisseur Paul Thomas Anderson für die 98. Oscar-Verleihung in der Nacht zum Montag schon verschiedene Dankesreden einüben kann. Zu einig ist sich die Hollywood-Sphäre darin, Andersons Werk über revolutionäre Aktivisten im Kampf gegen ein reaktionäres System als den »liberalen Film zur gegenwertigen Zeit« zu feiern, als dass ausgerechnet die wichtigsten von der US-Filmbranche verliehenen Preise zurückstehen könnten.
Entsprechend hat »One Battle After Another« bislang sämtliche wichtige Kritikerpreise dominiert und auch bei den Golden Globes den Konkurrenten »Blood & Sinners« klar in die Schranken gewiesen, unter anderem mit Preisen für Anderson als Regisseur und Drehbuchautor. Der bei den Oscars immerhin auch schon seit fast dreißig Jahren - erstmals in der Auswahl war er 1998 für das Drehbuch von »Boogie Nights« - auf eine Auszeichnung wartet.
»Frankenstein« und »Sentimental Value«
Allerdings spricht auch vieles dafür, dass neben dem Zweikampf der beiden Favoriten auch andere Filme durchaus eine Rolle bei der Preisvergabe spielen könnten. So entfielen jeweils neun Nominierungen auf die »Frankenstein«-Neuinterpretation von Guillermo del Toro, auf das Familiendrama »Sentimental Value« des Norwegers Joachim Trier und auf die unkonventionelle Ping-Pong-Spieler-Biografie »Marty Supreme« von Josh Safdie.
Del Toros Film könnte einmal mehr bei den technischen Preisen eine gewichtige Rolle spielen, Trier für den ersten Sieg eines norwegischen Werks als bester »Internationaler Film« sorgen, zumal er selbst als Regisseur und - zusammen mit Co-Autor Eskil Vogt - Drehbuchautor nominiert ist und mit Renate Reinsve, Stellan Skarsgard, Elle Fanning und Inga Ibsdotter Lilleaas auch sein komplettes zentrales Ensemble bei den Oscars antritt.
Erster Oscar für Timothee Chalamet?
»Marty Supreme« schließlich könnte seinem Hauptdarsteller Timothee Chalamet den ersten Oscar bescheren, der mit 30 Jahren einer der jüngsten Preisträger der Kategorie wäre, allerdings auch schon seit seinem Durchbruch mit »Call Me by Your Name« 2016 als einer der bedeutenden Darsteller seiner Generation gilt.

Nicht zu vergessen ist im Übrigen auch die ungewöhnliche Annäherung an William Shakespeare in Chloe Zhaos »Hamnet«. Auch die Arbeit der »Nomadland«-Regisseurin über Shakespeares Frau und Familie heimste acht Nominierungen ein und hat sich als Gewinnerin des Publikumspreises in Toronto und zuletzt zwei Golden Globes auch schon bei traditionell wichtigen Vorboten der Oscars bewährt. Allerdings schaffte es Shakespeare-Darsteller Paul Mescal nicht unter die fünf Nebendarsteller bei den Oscars, was in den Schauspiel-Kategorien die größte Überraschung der Nominierungen ist.
Neben diesen sechs Werken wird die Auswahl im Rennen um den besten Film komplettiert durch Yorgos Lanthimos» bittere Gesellschaftssatire «Bugonia», das Formel1-Spektakel «F1», das sanfte Independent-Drama «Train Dreams» und den brasilianischen Historienthriller «The Secret Agent».
Wer wird bester internationaler Film?
Letzterer ist auch Herausforderer von «Sentimental Value» als bester «Internationaler Film» und könnte dort in die Fußstapfen des letztjährigen Siegers «Für immer hier» treten. Außerdem nominiert sind «Sirat» (Spanien), «Die Stimme von Hind Rajab» (Tunesien) und «Ein einfacher Unfall» des Iraners Jafar Panahi.
Nicht in die Auswahl geschafft hat es der deutsche Beitrag «In die Sonne schauen». Aus deutscher Sicht gibt es 2026 daher nur in der Musik-Abteilung eine Oscar-Hoffnung: Max Richter wurde für den emotionalen Score von «Hamnet» berücksichtigt. Die größten Chancen für «Hamnet» dürften allerdings bei Hauptdarstellerin Jessie Buckley liegen, auch wenn sie mit Rose Byrnes Tour de Force in «If I Had Legs I’d Kick You» eine starke Konkurrentin hat. Neben den beiden und Renate Reinsve wurden außerdem Kate Hudson für «Song Sung Blue» und Emma Stone für «Bugonia» nominiert. Stone ist mit bereits zwei «Oscars» und der nun fünften Nominierung (davon zum dritten Mal für einen Film von Lanthimos) eine der etablierten unter den diesjährigen Schauspiel-Kandidaten.
DiCaprio zum siebten Mal nominiert
Mit Leonardo DiCaprio (siebte Nominierung), Sean Penn (sechste) und Benicio Del Toro (dritte) finden sich drei frühere Oscar-Preisträger für «One Battle After Another» erneut ausgewählt. Ebenfalls zum dritten Mal ist auch der - noch Oscar-lose - Ethan Hawke dabei, diesmal als Musical-Komponist Lorenz Hart in «Blue Moon».

Auf der anderen Seite stehen elf erstmals nominierte Schauspieler, darunter auch Veteranen wie Delroy Lindo («Blood & Sinners») und Stellan Skarsgard, die trotz jahrzehntelanger Arbeit im Filmgeschäft bislang nie bei den Oscars vertreten waren.
Bei den Nebendarstellerinnen ist Amy Madigan für ihren vielbeachteten Auftritt im Horrorfilm «Weapons» zum zweiten Mal dabei, 40 Jahre nach ihrer ersten Nennung in derselben Kategorie. Madigans Konkurrentinnen - die beiden «Sentimental Value»-Aktricen sowie Wunmi Mosaku und Teyana Taylor - feiern allesamt ihr «Oscar»-Debüt, ebenso wie Hauptdarsteller Michael B. Jordan und Wagner Moura sowie Nebendarsteller Jacob Elordi.
Bedauerliche Nicht-Nominierungen
Neben dem Fehlen von Mescal kann man vor allem die Nicht-Nominierungen von Joel Edgerton und Ariana Grande bedauern. Edgerton, weil der großartige australische Schauspieler mit seiner zurückhaltenden Mimik «Train Dreams» erst zu dem herausragenden Werk macht, das es ist; Grande, weil sie in «Wicked: Teil 2» ihrer Figur der naiv-gutherzigen Möchtegernzauberin noch weit mehr Nuancen verleiht als bei ihrer im letzten Jahr Oscar-nominierten Darbietung im ersten Teil des Musicals.
Wenig Gnade fanden bei den Mitgliedern der Academy of Motion Picture Arts and Sciences einmal mehr die größten Kassenschlager der Saison. Mit ihrem dritten Teil hat die «Avatar»-Reihe nurmehr in zwei Kategorien Oscar-Chancen, die Animationserfolge «KPOP Demon Hunters» und «Zoomania 2» spielen ebenfalls nur am Rande mit. Der Überraschungserfolg «F1» kann sich mit vier Nominierungen bereits glücklich schätzen.
Eine echte Neuerung
Eine Neuerung gibt es bei den 98. Oscars auch. Nachdem jahrelang über eine Reduzierung von Preisen gestritten wurde, was sich mit der Zusammenfügung der zwei Ton-Kategorien zu einer auch konkret niederschlug, werden nun erstmals die Casting-Direktoren mit eigenen Statuen geehrt. Auch hier aber ist das Bild ähnlich wie in den anderen Rubriken mit einer weiteren Entscheidungsschlacht zwischen den Filmen von Paul Thomas Anderson und Ryan Coogler.