USA

»No Jews were harmed in this movie«

»No Jews were harmed in the making of this movie«, heißt es im Abspann des bitterbösen Films der Coen‐Brothers A Serious Man aus dem Jahr 2009. Zwar endet ein mit einem Dibbuk verwechselter hilfsbereiter alter Jude mit einem Messer im Herzen, zerstört die kleinbürgerlich‐jüdische Misere irgendwo im Mittleren Westen eine jüdische Familie, bleibt kein Rabbiner ungeschoren, ganz zu schweigen von jüdischen Rechtsanwälten, Ärzten, Lehrern und sonstigen Einwohnern einer Kleinstadt, doch hilft über das mentale Elend zumindest die Rockmusik der 60er‐Jahre und hier und da ein Joint hinweg.

nachkriegsfilm Jüdischer Film, das heißt, Filme mit jüdischen Charakteren, jüdischen Handlungselementen und Konnotationen, die sich auf jüdische Geschichte, Kultur, Religion und die unterschiedlichsten jüdischen Lebenswelten beziehen, sind längst ein wichtiger Bestandteil des amerikanischen Mainstream‐Kinos. Waren die 20er‐Jahre von Themen der Migration, der Akkulturation, der Integration, der Beziehung zwischen jüdischen Traditionen, Religiosität und säkularer amerikanischer Kultur charakterisiert, setzten die 30er‐ und 40er‐Jahre einen Schwerpunkt auf Themen des Antisemitismus und Antifaschismus und zeitigte der amerikanisch‐jiddische Film einen letztlich vergeblichen Versuch, jene durch das »Deutsche Reich« vernichtete alte Welt cineastisch wiederzubeleben.

Die ersten Jahrzehnte des Nachkriegsfilms waren durch die Auseinandersetzung mit der NS‐Vernichtungspolitik und dem Überleben gekennzeichnet. Die fröhlich‐satirische Unbekümmertheit, mit der Roman Polanski The Fearless Vampire Killers (Tanz der Vampire, 1967) inszenierte, das überbordende, erfrischend geschmacklose Musical Springtime for Hitler in Mel Brooks‹ Film The Producers (1968) und der jüdische Western The Frisco Kid (Robert Aldrich, 1979) zeigten dann auf eine neue Art und Weise das Wirken von Filmemachern der Nachkriegsgeneration, die sich jüdische Filmidentitäten nicht als Schoa‐bestimmt oktroyieren ließen.

spiegelbild Seitdem setzt jede neue Generation von jüdischen Filmschaffenden einen anderen Fokus, kehrt auch zu vergangenen Themen zurück und ist zunehmend in allen Filmgenres zu einem Spiegelbild der unterschiedlichen jüdisch‐amerikanischen Milieus geworden. Doch dieses in den USA und Kanada in jedem Filmjahr präsente Spiegelbild kommt nur in der Gestalt zerbrochener Spiegelreste in der deutschsprachigen Filmkultur an. Nur ein Bruchteil dieser oft immens erfolgreichen Filme erreicht den österreichischen und deutschen Filmmarkt, ganz zu schweigen von der Vielzahl von Spielfilmen mit jüdischen Themen aus Frankreich, Mexiko, Argentinien und anderen Ländern, die man in den Kinos vergeblich sucht.

Blamagen Durch die Veränderung der Seh‐ und Sprachgewohnheiten werden heute die wenigen gezeigten Filme meist im Original mit Untertiteln vorgeführt. Doch das war nicht immer so. Ein Beispiel für die antijüdischen Blamagen deutschsprachiger Synchronisation jüdischer Filme ist Polanskis The Fearless Vampire Killers: als Persiflage auf das Vampirfilm‐Genre und die Romantisierung des osteuropäischen Schtetl gedacht, wird auch die christliche Vampir‐Mythen ironisierende Darstellung des jüdischen Vampirs so weit entschärft, dass jegliche Bezugnahme auf Jüdisches entfällt und das Publikum nicht weiter nachdenken muss. Durch die Wirkung von Originalfassungen ist dies in den vergangenen Jahrzehnten nicht mehr möglich, es hat sich auch das Publikum verjüngt und die heutige visuelle Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus andere Formen angenommen.

Folgende Tendenzen lassen sich in den vergangenen 30 Jahren beobachten:

Erstens haben realistische Auseinandersetzungen mit dem orthodox‐jüdischen Milieu in den USA, vor allem in New York, zugenommen, wie in A Price Above Rubies (Boaz Yakin, 1998) über die partielle Emanzipation einer jungen orthodoxen Jüdin oder in Holy Rollers (Kevin Ash, 2010), einem Film, der auf extrem harte Art und Weise von orthodoxen jüdischen Jugendlichen handelt, die in den 90er‐Jahren des 20. Jahrhunderts in den Drogenhandel zwischen New York und Amsterdam verwickelt waren.

Zweitens gibt es mehr Filme, die auf ernsthafte oder oftmals ironische Art und Weise jüdisch‐nichtjüdische Beziehungen mit einer gehörigen Portion Erotik und Sex darstellen. Ein fast schon trashiges Beispiel ist Marci X (Richard Benjamin, 2003) mit Lisa Kudrow, die die Tochter eines Medienmillionärs verkörpert und zu Beginn in einer Ansprache sagt: »Ich bin blond, jüdisch und reich. Was könnte schlimmer sein.« Filmlogischerweise verliebt sie sich in einen afroamerikanischen Rap‐Sänger. Die Beziehungen zwischen jüdischen und afroamerikanischen Charakteren tauchen immer wieder in unterschiedlichen Filmen auf und sind damit auch anti‐diskriminatorische gesellschaftspolitische Aussagen.

Drittens nimmt in den vergangenen Jahren vor allem im Bereich der Liebeskomödie die Zahl der Filme zu, in denen das Jüdische weniger explizit angesprochen wird, weil es einfach zur amerikanischen Kultur und damit auch zur Filmkultur gehört. Im Unterschied zu den 30er‐Jahren haben Produzenten, auch jüdische, keine Angst mehr vor jüdischen Themen. In einem der neueren Liebesfilme mit Natalie Portman No Strings Attached (Ivan Reitman, 2011) werden nur genaue Beobachter wahrnehmen, dass es sich um ein jüdisch‐nichtjüdisches Akademiker‐ und Film‐Milieu handelt. Die Zuschreibung eines jüdischen Ambientes kann im Kopf des Publikums erfolgen, muss im Film aber nicht mehr erläutert werden.

Viertens sind Filme zu nennen, die sich über Jahre als Kultfilme etabliert haben und mit lustvoll schräger Filmästhetik und provokativer Filmerzählung sowie einer pointierten Kritik an innerjüdischen Zuständen in den USA Publikum und DVD‐Käufer anlocken. Hierzu ist vor allem When Do We Eat? (Salvador Litvak, 2005) zu zählen, in dem Pessach, die überlangen Essrituale, die Geschichten aus der Pessachhaggada mit sexuellen Orientierungen, Drogensucht, Liebeskomplikationen und orthodoxer Bigotterie verbunden werden. Ein deutschsprachiges Publikum ließe sich von einer derartigen Filmsatire ungemein erschrecken, und die Filmkritik würde die übliche Frage stellen: Darf man das? Mann/frau darf!

Das trifft auf den jüdischen Superman‐Film The Hebrew Hammer (Jonathan Kesselman, 2003) noch stärker zu. Der natürlich orthodoxe Hebrew Hammer aus Brooklyn wird von amerikanischen jüdischen Organisationen, die selbstverständlich als eine Institution der »jüdischen Weltverschwörung« suggeriert werden, aufgerufen, den Kampf gegen den erzbösen Nachfolger des Weihnachtsmannes, der das Chanukka‐Fest vernichten will, anzutreten und die jüdische Welt zu retten. Der Film stellt immer noch die Spitze des politisch nicht korrekten jüdischen Films dar und lief natürlich nie in den österreichischen und deutschen Kinos. Jüdischer Film, der nicht den Mainstreamerwartungen von Filmverleihen und Publikum entspricht, hat hierzulande keine Chance.

Fünftens sind Filme wie Defiance (Unbeugsam, Edward Zwick, 2008) mit Daniel Craig zu nennen, die sich auf die jüdische Opferrolle konzentrierende traditionelle Schoa‐Darstellungen überwinden. Nach Filmen über das Warschauer Ghetto und den erfolgreichen Aufstand der jüdischen Häftlinge von Sobibor aus den 80er‐Jahren schildert Defiance den Kampf der um die Bielski‐Brüder versammelten Partisanen gegen die Wehrmacht und das Bemühen, möglichst viele Jüdinnen und Juden zu retten. Der Film zielt mit seiner Zeichnung der aktiven Rolle des jüdischen Untergrunds weit über Filme wie Schindler‘s List (Steven Spielberg, 1993) hinaus.

Der jüdische Widerstand prägt heute in Hollywood motivisch eine Vielzahl von Mainstream‐Filmen wie die X‐Men-Reihe (Bryan Singer, seit 2000) und mündete in Quentin Tarantinos Inglourious Basterds (2009), der die traditionellen historisierenden Filme über die Schoa gekonnt subversiv überwindet und das utopisch‐visionäre Potenzial des jüdischen Abwehrkampfes gegen Faschismus und Nationalsozialismus auf die Leinwand bringt.

Sechstens sind Filme zu erwähnen, die ausgehend von den jüdischen Milieus der jüngeren Generationen in meist urbanen amerikanischen Settings nach Erinnerung, Familienwurzeln, nach dem Umgang mit dem Gestern im Heute fragen. Oft auf liebevoll‐komische Weise zeichnet Liev Schreibers Everything Is Illuminated (2005) die Reise eines jungen Juden, gespielt von Elija Wood, nach Osteuropa und schafft eindrucksvolle Bilder der Erinnerung, die nichts mit Schtetl‐Nostalgie zu tun haben.

Doch ist zusammenfassend zu betonen, dass der jüdische Film kein Genre darstellt. Die Darstellung des Jüdischen als Handlungselement, ästhetische Struktur, subversive Botschaft, Ausstattungselement oder Sound und Ziffer durchzieht alle Bereiche des Filmschaffens, vom Musical, über die lesbische Komödie, das Historien‐Melodrama, die Satire, das Gesellschaftsdrama, den Liebesfilm, Teenie‐Movies, Thriller bis zum Horrorfilm.

TV‐Serien Diese Entwicklung hat auch viel mit generationsspezifischen Veränderungen, den über Kinofilm und TV hinausgehenden medialen Sehgewohnheiten und dem Geschichtsbewusstsein der Kinogänger und DVD‐Seher zu tun. Für das Fernsehen produzierte Spielfilme und insbesondere TV‐Serien wie Curb Your Enthusiasm (von und mit Larry David, seit 2000) haben die Wahrnehmung des Jüdischen in den USA immens verbreitet und lassen keine Tabuisierung von Themen mehr zu.

Vor allem aber ist die Entwicklung des jüdischen Films in den USA, sei es in den großen Hollywood‐Studios, sei es in der Independent‐Szene, durch die individuellen künstlerischen Karrieren junger Jüdinnen und Juden geprägt. Bei einer jüdischen Bevölkerung von über sechs Millionen in den USA liegt es auf der Hand, dass so wie unter Afroamerikanern oder Latino‐Amerikanern viele eine Karriere im Filmbereich suchen. In zahlreichen Spielfilmen mit jüdischer Thematik gibt es daher jüdische Mitwirkende, sei es vor oder hinter der Kamera, oft Kinder von Überlebenden der Schoa oder Nachkommen der Einwanderungswellen, wie sie im jüdischen Filmklassiker Hester Street (Joan Micklin Silver, 1975) dargestellt werden.

show Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind Filmschaffende jüdischer Herkunft in Hollywood im Unterschied zur Filmgemeinschaft der Migranten der 30er‐Jahre ethnisch nichts Besonderes. Sie gehören als Filmemacher einfach dazu. Hollywood sorgt dafür, dass es immer wieder Filmbilder jüdischer Lebenswelten, jüdischer Identitäten und jüdischer Herausforderungen gibt und geben wird. The show goes on …

Leicht gekürzter Nachdruck aus dem Katalog zur Ausstellung »Bigger Than Life – 100 Jahre Hollywood. Eine jüdische Erfahrung«. Bertz + Fischer Verlag, Berlin 2011, 208 S., 29,90 Euro; mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Die Ausstellung im Jüdischen Museum Wien, Dorotheergasse 11, läuft noch bis zum 15. April 2012, Öffnungszeiten Sonntag bis Freitag, 10 bis 18 Uhr.

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