Henry-Kissinger-Biografie

Idealistischer Krieger

Bild von einem Mann: Henry Kissinger 2010 vor seinem Porträt im Rathaus von Fürth Foto: dpa

Der vielleicht einflussreichste Staatsmann der westlichen Welt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Henry Kissinger. Er ist am 27. Mai 1923 in der fränkischen Mittelstadt Fürth geboren, musste 1938 mit seinen Eltern emigrieren und wurde nach einer kürzeren wissenschaftlichen Laufbahn als republikanischer Politiker Sicherheitsbeauftragter von US-Präsident Richard Nixon, später Außenminister der USA und war an vielen weltpolitischen Weichenstellungen maßgeblich beteiligt.

Nach einigen Büchern über ihn, die sich vornehmlich kritisch mit seinem Einfluss auf den amerikanischen Imperialismus während des Kalten Krieges auseinandersetzten, hat der eher konservative schottische, heute in Harvard lehrende Historiker Niall Ferguson eine monumentale Biografie verfasst, deren erster Band die Jahre bis 1968 behandelt. Das in Amerika hoch gelobte Buch ist soeben in der deutschen Übersetzung von Michael Bayer und Werner Rolle mit dem Untertitel »Der Idealist« erschienen.

Familie Dieser »Idealismus« hat eine Vorgeschichte. Ferguson beginnt seine Biografie mit einer Darstellung der jüdischen Wurzeln Kissingers. Fürth hatte seit Langem durch eine in religiösen Fragen liberale Haltung eine größere Anzahl jüdischer Einwohner angezogen und verfügte dadurch über eine jüdisch beeinflusste Infrastruktur im regen Wirtschafts- und Kulturleben der Stadt.

Der Vater von (damals noch Heinz) Kissinger arbeitete als Lehrer an einer öffentlichen Schule. Die gut vernetzte Mutter hatte durch ihre bereits vor 1933 in die USA ausgewanderten Verwandten die Voraussetzung für die spätere Flucht der Familie geschaffen. Der Biograf beschreibt diese jüdischen Wurzeln Kissingers und die sofort nach der Machtübernahme durch die Nazis einsetzende Bedrohung mit großer Sachkenntnis im Detail und bereitet diese Vorgänge für sein amerikanisches, aber auch für ein jüngeres deutsches Publikum lebendig nachvollziehbar auf.

Zu dem Einfluss, den diese Jugenderfahrungen auf den Erwachsenen Henry Kissinger ausgeübt haben, zitiert er den von ihm Porträtierten mehrfach. Das Bild, das dieser von sich zu vermitteln versuchte – dass die Verfolgungserlebnisse sein späteres Leben und seine Entscheidungen nicht beeinflusst hätten –, dürfte ungenau sein.

Ferguson zitiert etwa aus einem Brief in der von ihm exklusiv ausgewerteten privaten Korrespondenz: »Viele meiner Familienangehörigen und etwa 70 Prozent der Menschen, mit denen ich zur Schule ging, starben in Konzentrationslagern. So etwas kann man nicht vergessen. Es ist auch nicht möglich, dass man in Nazideutschland gelebt hat und dann dem Schicksal Israels emotionslos gleichgültig gegenübersteht. Aber ich stimme nicht mit der Ansicht überein, die alles vor dem Hintergrund meiner angeblich jüdischen Herkunft analysiert. Ich habe über mich selbst nicht in dieser Form nachgedacht.«

Geheimdienst Das politische Nachdenken ist vor allem seinen Kriegserlebnissen in Deutschland zu verdanken, die Kissinger als US-Soldat gemacht hat und die ihn in die Nähe von Geheimdiensten brachte, mit denen er zeitlebens zu tun haben würde. Sein Biograf schildert die erschütternden Erfahrungen des jungen Kissinger, der nach seiner Rückkehr einen von der US-Regierung für heimkehrende Soldaten geförderten Studienplatz an der Harvard University einnahm. Hier belegte er das Fach »Government«, galt als strebsamer Student, der als Jude die auch an der amerikanischen Ostküste seinerzeit noch gepflegte Diskriminierung erleben musste.

Nach schnellem Bachelor und Master verfasste er eine ambitionierte Dissertation über den Wiener Kongress des Jahres 1815, entschied sich aber danach – laut Ferguson aus Gründen eines von ihm im Kalten Krieg entwickelten speziellen politischen Idealismus – für eine Tätigkeit im Rahmen der »psychologischen Kriegsführung«. Es galt für ihn, mit Geheimdienstmitteln finanziert, aufstrebende westliche Politiker aus Europa und Asien auf den amerikanischen Kurs in der globalen Auseinandersetzung mit dem Kommunismus einzuschwören.

Dabei stand Kissinger immer auf konservativer, parteipolitisch auf republikanischer Seite, auf der er auch seine politische Karriere aufbaute. Mit der Ernennung zum Sicherheitsbeauftragten von Präsident Nixon erklomm er einen frühen Gipfel seiner Karriere, mit dem der erste Teil der beeindruckenden Biografie Niall Fergusons endet.

Der Autor macht aus seiner Sympathie für die Haltung Kissingers in den Konflikten dieser ersten Lebensspanne keinen Hehl. Das wird nicht jedem Leser gefallen. Respekt vor der detailreichen und aus Archiven und privaten Quellen noch einmal neu erzählten Lebensgeschichte Henry Kissingers werden dieser Biografie aber alle zollen. Das riesige Werk liest sich spannend und steht in der großen Tradition englischsprachiger Zeitgeschichtsschreibung.

Niall Ferguson: »Kissinger. Der Idealist. 1923–1968«. Propyläen/Ullstein, Berlin 2016, 1119 S., 49 €

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