Trauer

»Eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen«

Jan Plamper Foto: Lisa Plamper

Trauer

»Eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen«

Ein persönlicher Nachruf auf den Historiker Jan Plamper, der am 30. November in Berlin verstorben ist

von Dmitrij Belkin  05.12.2023 13:44 Uhr

Herbst 2002, Uni Tübingen, »Hegelbau« – die geschichtswissenschaftliche Fakultät. Du, cooler, intelligenter und ironischer neuer Assistent am Institut für Osteuropäische Geschichte, Schüler des Berkeley Genies Yuri Slezkine (The Jewish Century), ein amerikanischer Deutscher (oder umgekehrt). Ich, seit acht Jahren in Deutschland, frisch promoviert und komplett ratlos: Wohin mit mir? Vielleicht zurück in die Ukraine?

Du sagst: Ganz klar, nach Amerika, die »Typen wie du« werden dort gebraucht. Eine Konferenz für jüdische Studien in LA ist mein Ziel. Eine Kleinigkeit: Mein Englisch ist minimal. Du sagst: Kein Ding, das kriegen wir hin. Stell dir vor, ein »Rabbi Plamperovich« sitzt jetzt vor dir und hört dir zu. Los!

»Rabbi Plamperovich«

Irgendwie bekomme ich das mit dem Vortrag tatsächlich hin, du, »Rabbi Plamperovich«, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich in Deutschland angekommen war, hilfst mir, begleitest so meine erste akademische Reise in die USA. Es werden weitere folgen.

Du selbst stehst für ein, wie wir damals dachten, alternativloses globales Modell der 1990er-Jahre: Ein Tübinger mit einem für dich entscheidenden sozialen Jahr in Petersburg mit »Aktion Sühnezeichen«. Dort trafst du die alten »Babuschkas«, fast alle jüdisch, mit ihren unglaublichen sowjetischen Biografien. Dort lehrtest du die Memorial-Leute kennen, auch meistens russisch-jüdische, hochgebildete verarmte Intellektuelle, die sich der Erinnerungen an Verbrechen des Stalinismus (im »Gulag«) verschrieben.

Du wirst bis zum Ende zu einem der wichtigsten Memorial-Unterstützer europaweit. Amerika und sein Uni-System mit seinen (überwiegend jüdischen) Professoren der russischen Geschichte und Literatur prägte dich entscheidend.

Kulturgeschichte des Stalinismus, Emotions-, später Migrationsgeschichte wurden deine Themen. Du hast das beste Russisch gesprochen, das ich je in meinem Leben von einem Nichtrussen hörte.

Du hast russische, insbesondere russisch-jüdische, Menschen geliebt, und das russische politische System der letzten 25 Jahre zunehmend abgelehnt. Was für eine traurige Ironie unserer Zeit: Du initiiertest am Goldsmith College der University of London, wo du viele Jahre unterrichtet hattest, ein MA-Programm in Queerer britischer Geschichte. Und am Tag deines Ablebens stufte der Oberste Gerichtshof in »deinem« Russland die LGBTQ+-Community als »extremistisch« ein.  

Leben und Politik als Gerechtigkeit war Dein Thema

Du warst, als wir uns trafen ein »Foucault-Mann«; »Du bist ein Konstrukt« gehörte zu deinen Lieblingssprüchen. Mit den Jahren wurdest du nicht traditioneller religiös, nein-nein, du betontest bis zuletzt deinen Atheismus. Doch dein Lebensthema war nicht mehr »Geschichte als Konstrukt«, sondern vielmehr »Leben und Politik als Gerechtigkeit«.

Du warst (kann ich diese verdammte Vergangenheitsform überhaupt nutzen?) ein moralischer Mensch, manchmal ein rigoroser, doch einer, der die eigenen Fehler sah und sich immer entschuldigen konnte: »Sorry, ich war heute ein taktloser Narr.«

Zu meiner Zeit beim jüdischen Studienwerk ELES habe ich dich als Vertrauensdozenten für junge Stipendiaten geholt. Du warst ihr nichtjüdisches Glück – und sie deins, denn du hast dich nonstop um sie gekümmert und sie vertrauten dir.

Du hast (mein Geheimwissen) immer für sie bezahlt, jeden Kaffee, jeden Kuchen. Sie nehmen hoffentlich deine Kenntnisse und deinen Horizont mit.

Auf der Suche nach Deutschland

Du hast Deutschland gesucht. In der Zeit der AfD-Erfolge klingt das komisch, doch dein Buch Das neue Wir war deine persönliche Suche nach einem Deutschland, das uns wichtig ist – einem zu sich selbst, auch seinen Widersprüchen, stehenden, toleranten, pluralistischen und komplexen Land der Migranten. Mit vielen jüdischen Themen.

Mit deinem Weggang – dieser Krankheit kann man in einem vertrauen: sie ist völlig gnadenlos – ist das neue Wir hierzulande spürbar schwächer geworden. Denn du warst eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen unserer Generation.

Du hast viel Liebe erfahren, das muss man verdienen. Das hast du, denn du hast auch Liebe und moralischen Rückgrat gelebt und anderen gegeben. Deiner Frau, der Animationskünstlerin und Filmwissenschaftlerin Evgenia Gostrer, deinen Töchtern Olga und Lisa, deiner großen Familie und deinen Freunden zwischen San Francisco, Moskau, Berlin und Tel Aviv – uns allen – sollte man heute kondolieren.

Gute Reise, »Rabbi Plamperovich«, farewell, spasibo tebe!

Dmitrij Belkin leitet die Denkfabrik Schalom Aleikum unter dem Dach des Zentralrats der Juden.

Kulturkolumne

Über Langzeitbeziehungen und Affären

Warum ich Esther Perel verehre

von Laura Cazés  09.06.2026

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026

Kino

Spielbergs »Disclosure Day« feiert Kinostart

Als Inspiration für dieses Projekt nennt der jüdische Regisseur einen »New York Times«-Artikel über geheime UFO-Programme des Pentagon

 09.06.2026

Berliner Revue

»Berlin, Du coole Sau!«: Sharon Brauner auf Tour

Es handelt sich um eine der aufwändigsten Bühnenproduktionen ihrer Karriere. Im Herbst beginnt die Deutschlandtournee

 08.06.2026

Kommentar

Der Hass trägt heute Palästinaflaggen

Wie der kulturelle Boykott Israels die Ausgrenzung von Juden normalisiert

von Sarah Maria Sander  07.06.2026

Berlin

Ein Engelskuss

Der Künstler Charles Abecassis präsentiert seine Arbeiten in einer Verkaufsausstellung, deren Reinerlös an das Projekt »The Way Shalom« geht

 07.06.2026

»documenta«

Kulturrat: Antisemitismus letztlich nicht zu verhindern

Olaf Zimmermann will mit einem »Code of Conduct« Antisemitismus, Rassismus »und jedweder anderen Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit aktiventgegentreten«

von Susanne Rochholz  07.06.2026 Aktualisiert

Berlin

»Tänzerinnen Brunnen« gehört nun zu US-Privatsammlung

Das Kunstwerk wurde als Highlight der Sommerauktion bei Auktionshaus Grisebach versteigert – für vier Millionen Euro

 07.06.2026

Zeitgeschichte

Wie ein grausames Märchen

In ihrem aktuellen Buch schreibt die Historikerin Irina Scherbakowa über die verlorene Freiheit in Russland. Nun ist »Der Schlüssel würde noch passen« für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert

von Ralf Balke  07.06.2026