Eine Gruppe ist einfach zu viel. Da ist eine für die Schule, zwei für den Kindergarten. Dann noch mal eine für den jüdischen Jugendbund, je eine für verschiedene Vereine und natürlich die Nachbarschaft. Hinzu kommen die verschiedenen Gruppen für Geburtstage, Klassentreffen, Freundinnen, die sich abends verabreden wollen, oder Mama-Chats. Es wird gefragt, angeboten, verkauft, getauscht.
Dann gibt es noch all jene Gruppen, in denen die Hobbys der Kinder abgewickelt werden, und, ehe ich es vergesse, die wenig wohltuenden Familienchats in allen Varianten, die die Chat-App mit unzähligen Fotos zum Erliegen bringen, während gleichzeitig 93 ungelesene Nachrichten warten. Je höher die Anzahl ungelesener Nachrichten, desto tiefer die Lust, sie lesen zu wollen.
Die einzelnen Gruppen auf still zu stellen, wäre zwar eine Möglichkeit, aber ...
Doch halt, es geht weiter: Seit dem 7. Oktober gibt es unzählige jüdische Chatgruppen, die peinlichst genau jede kleinste Wandschmiererei protokollieren, jeden Zeitungsartikel zu jüdischen Themen mit Argusaugen beleuchten und gewisse politische Sachverhalte manchmal schneller kolportieren, als es Zeitungen je tun könnten. Ja, es ist hilfreich. Natürlich unterstehen wir mittlerweile praktisch alle dem Diktat der digitalen Kommunikation und können uns der Nachrichtenflut nicht mehr entziehen. Die einzelnen Gruppen auf still zu stellen, wäre zwar eine Möglichkeit. Dennoch flattern die Botschaften – pardon, die Messages – unzähliger anderer Gruppen ungefragt weiterhin herein.
Die Psychologie der Rollenverteilung ist ein weiterer zu beleuchtender Aspekt: Da ist der stille Mitleser, dort die immer kommentierende Stimme, die sich nie zu schade ist, laut genug zu sein. Zu diesem ganzen Chatgruppenstress macht sich auch noch dieses unsäglich unangenehme Gefühl namens FOMO breit. Der Ausdruck steht für »Fear of Missing Out«, also die Angst, etwas zu verpassen. FOMO beschreibt die beunruhigende Tatsache, dass man soziale Ereignisse, Trends oder Erlebnisse versäumen kann.
Ich versuche, die Chatverläufe mit Kettennachrichten gar nicht erst zu öffnen.
Selbst wenn man es zu verdrängen versucht, die Situation bleibt ausweglos: Man kommt nicht umhin, die Chatverläufe zu verfolgen, um tatsächlich wichtige Dinge wie Termine oder Informationen, die relevant für den Alltag sind, nicht zu verpassen. Schließlich wird das Kind gerügt, wenn es das Buch für die Bibliothek nicht mitbringt, weil es die Eltern vergessen haben. Oder man steht vor verschlossenen Türen, weil der Chor abgesagt wurde. Alles schon vorgekommen, weil Versäumnisse zum Menschsein gehören.
Eine Sache würde mich allerdings interessieren: Wie viel Zeit meines Lebens ginge wirklich verloren, wenn ich sämtliche Bildschirmzeit, die rein für die Abwicklung von Gruppenchats in Anspruch genommen wird, zusammenzählen würde? Diese Rechenaufgabe ähnelt einer unlösbaren Gleichung – und selbst wenn ich sie lösen könnte: Dann hätte ich tatsächlich das Gefühl, mein Leben zu verpassen (Stichwort FOMO!). Also versuche ich die Chatverläufe mit Kettennachrichten gar nicht erst zu öffnen.
Und trotzdem: Vielleicht sind all diese Gruppen gar nicht so fatal. Vielleicht stellen sie lediglich die digitale Version einer sehr alten jüdischen Tradition dar: Man diskutiert, widerspricht, kommentiert – und am Schluss trifft man sich zum Lechaim. Früher schrieb man Kommentare an den Rand des Talmuds. Heute tippen wir sie in die Familiengruppe. Und das Lechaim? Findet zwischen zwei Sprachnachrichten und einem Sticker statt.