Berlin-Wedding

Der Kiezneurotiker

Paul Bokowski porträtiert einfache Menschen, ohne sie vorzuführen

von Helmut Kuhn  17.08.2015 18:32 Uhr

»Absurditäten, zwischenmenschlicher Scheiß, Familienkisten«: Paul Bokowski Foto: Chris Hartung

Paul Bokowski porträtiert einfache Menschen, ohne sie vorzuführen

von Helmut Kuhn  17.08.2015 18:32 Uhr

Den Woody Allen des Weddings nennt man ihn bereits. »Ein krasser Vergleich. Aber ich mag den Diminutiv. Woody Allen von Berlin wäre zuviel gewesen, aber Wedding: Ja, das finde ich wieder passend.« Vielleicht wie die Schiebermütze zur Brille, und schließlich gehe es ihm ja auch um »das Selbstkritische und diese Familiengeschichten, die eigenen Wurzeln«.

Im Stadtteil Wedding leben seine Figuren, von dort bezieht er seine Alltagsbeobachtungen, seine Realsatire. Er porträtiert die sogenannten einfachen Menschen in einer echten Stadt, ohne sie vorzuführen. Paul Bokowski ist Weddinger durch und durch. »Wir leben ja von der Alltagssatire, da ist es natürlich sinnvoll, in einem vielschichtigen Viertel zu leben. Wedding ist durchmischt, ich habe einen Narren gefressen an diesem multikulturellen Ding.«

polen Wedding? Eigentlich stammt er aus Mainz, wo er vor 33 Jahren als Sohn polnischer Einwanderer und Flüchtlinge geboren wurde. Die Familie der jüdischen Großmutter stammt von der Grenze zur Ukraine. »Alle Großväter waren Alkoholiker, typisch polnische Problematik«, sagt er. Aber kennzeichned für ihn sei schon »die Wehmut ob der vergangenen Familiengeschichte«. Ein Besuch in der Stadt Zamosc sei für ihn immer so etwas wie eine halbe Weltreise gewesen, bedauert er, weshalb er die Großeltern leider nicht so oft gesehen habe.

Seine Eltern bezeichnet er als »politische Wirtschaftsflüchtlinge«, nicht ohne ein Zwinkern in den listigen Augen. »Als meine Mutter in die Partei eintreten sollte, um eine bessere Stelle zu bekommen, war es für sie das i-Tüpfelchen.« Er ist also schon im Westen geboren, und zu Hause sprachen die Eltern deutsch mit ihm und stritten auf Polnisch. »Sonst waren alle sehr vorbildlich integriert. Aber wenn ich heute in der Tram Polnisch höre, geht mir das Herz auf: Das ist die Mischpoche, die ich gern kennengelernt hätte.«

Vielleicht kommt sie daher, die Satire. »Es gibt so etwas wie einen polnischen Humor, der fatalistischer und pessimistischer ist. Meine Eltern machten oft Witze, die bitterböse waren, so englisch und schwarz.« Daher womöglich der etwas andere Blick auf die Menschen des Alltags, auf die Stadt, in die er 2003 zum Studium kam. Medizin. Medizin? Abgeschlossen? »Nein, noch nicht. Ich könnte noch, aber ich will nicht. Da fingen parallel schon die Literatursachen an, da hab ich Blut geleckt. Dieses blöde Künstlerdasein ist ein Lebensstil, wenn man ihn einmal geschmeckt hat, will man ihn nicht mehr hergeben.« Und er stellt klar: »Wenn man Beruf als Berufung sieht, bin ich ich schon sehr nah dran, schon absurd zufrieden. Ich mache mein Ding und komm durch damit.«

Komisch Sein Ding, das ist zunächst die Lesebühne. Dieser schmale Grat zwischen Literatur und Comedy, diese Ein-bis-drei-Seitengeschichten, die immer komisch sein müssen und das Leben in der Stadt geradezu seismisch vermessen. Die Lesebühnen heißen in Berlin LSD und Brauseboys, Chaussee der Enthusiasten, Reformbühne Heim & Welt oder Frühschoppen.

»Ich fing vor acht Jahren an. Das war auf dem Höhepunkt der Lesebühnen und der studentischen Subkultur der Stadt. Damals waren die Brauseboys so etwas wie die Underdogs der Szene.« Sein erster Text ging über eine Party im angesagten Hipsterkiez Friedrichshain, wo er als Weddinger als Sonderling betrachtet wurde. »Hast du da keine Angst?«, wurde er gefragt. Nein, hatte er nicht.

Im Gegenteil. Der Wedding in seinen Geschichten kam gut an, auch bei den Kollegen. Fünf von sechs Brauseboys waren ebenso Weddinger, jeden Donnerstag brachten sie das Volk fürs Volk auf die Bühne. Dort hauchte er ihnen Leben ein, den »Trinkern um die Ecke und den Hartz-IV-Leuten, wenn man eine Sympathie entwickelt und nicht auf sie herabblickt«.

pulsierend Langsam verschwindet aber die Vielfalt auch in seinem Stadtteil, stellt er fest. Die Mieten steigen, »und das sind dann keine pulsierenden türkischen Familien mehr, sondern Studenten aus Bielefeld und – Mainz«.

Seine Bezugsgrößen sind Max Goldt, Horst Evers und Jakob Hein. Aber vor allem der israelische Autor Ephraim Kishon. »Der hat mich krass beeinflusst«, sagt Paul Bokoski und bekommt wieder dieses listige Leuchten in den Augen. »Er trägt die Verantwortung dafür, dass meine Texte nicht in die Comedy-Ecke gehen, sondern auch literarisch etwas hergeben müssen.« So hat er auch den Sprung in die Buchhandlung geschafft.

Sein erster Erzählband Hauptsache nichts mit Menschen erschien noch im kleinen aber feinen Berliner Satyr-Verlag – und schlug sofort ein. Das Buch lief so gut, dass der Belletristikriese Goldmann anklopfte. In seinem neuen Buch Allein ist man weniger zusammen nehme er jetzt eine andere Verantwortung wahr, erklärt Bokowski. »Die ersten Texte waren Geschichten für das Weddinger Publikum, jetzt muss ich auch österreichische oder Schweizer Leser zufriedenstellen.« So spielen die Geschichten mal im ICE, oder es geht um Menschen, »die sich im Fernbus komisch aufführen, Reisetexte, zwischenmenschlicher Scheiß, Absurditäten, Familienkisten, Leute, die nicht in ihrer Komfortzone sind«.

Das ist eine ganze Menge, der Mann hat zu tun. Zurzeit ist er deutschlandweit mit seinem Buch unterwegs. Sololesungen bringen auch mehr Geld, »und der Verlag sagt immer: Roman, Roman, Roman. Aber ich bleibe erst einmal bei den Kurzgeschichten«. Und auch seinem Berliner »Herzblatt« bleibt er treu: Seiner neuen Lesebühne »Fuchs und Söhne«, jeden dritten Mittwoch im Monat im historischen Gemeindesaal in der Moabiter Putlitzstraße.

www.paulbokowski.de

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