Kino

Amos Oz als Filmstar

Das Ritual wiederholt sich jeden Februar: Nicht erst, seitdem der Regisseur Ken Loach, ein erklärter Freund des Israel-Boykotts, 2014 mit einem Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, nehmen jüdische und israelische Kinofreunde die Internationalen Filmfestspiele Berlin genau unter die Lupe. Hat die Berlinale genügend israelische Filme ausgewählt? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, warum schon wieder die falschen?

steigerung In diesem Jahr fällt die Vorab-Bilanz durchwachsen aus. Erfrischendes aus Israel gibt es in diesem Jahr leider wenig zu sehen; bei »jüdischen« Themen dominiert die Schoa. Dafür hat die Anzahl der israelischen Produktionen gegenüber dem mageren Vorjahr wieder deutlich zugenommen. 2014 waren es gerade einmal ein Kurzfilm und eine Dokumentation, diesmal sind ab Donnerstag sieben Filme made in Israel in den Berlinale-Kinos zu sehen. Zwar ist Israel nicht im offiziellen Wettbewerb vertreten, dafür aber in fast allen anderen Sektionen: Berlinale Special, Panorama, Forum und dem Kurzfilmwettbewerb.

Wer nach »jüdischen« Themen aus der Nachkriegszeit sucht, wird unter anderem im Berlinale Special fündig: Woman in Gold, ein mit Helen Mirren, Ryan Reynolds und Daniel Brühl starträchtig besetztes Drama, erzählt die Geschichte Maria Altmanns, die im Kampf um ihr Erbe bis vor das höchste Gericht der USA zieht. Dort verklagt sie die Republik Österreich auf die Herausgabe der Kunstsammlung ihrer Familie, die von den Nazis enteignet wurde. Unter den Bildern befindet sich auch eines der berühmtesten Gemälde der Welt: »Die goldene Adele«, Gustav Klimts Portrait von Marias Tante Adele Bloch-Bauer.

Auch in ihrem 65. Jahr bietet die Berlinale, das drittwichtigste internationale Filmfestival nach Cannes und Venedig, jungen israelischen Regisseuren die Gelegenheit, außerhalb ihres Landes bekannt zu werden. Die schlechte Nachricht: Leider ist wieder keine einzige israelische Spielfilm-Produktion in Sicht, die ein größeres Publikum zum Lachen oder Weinen bringen könnte, wie Geh und Lebe von Radu Mihaileanu, der 2005 den Panorama-Publikumspreis der Berlinale erhielt, Eran Riklis’ Lemon Tree, 2008 mit dem selben Preis ausgezeichnet, oder die Beziehungskomödie Anderswo der Israelin Ester Amrami, eine deutsche Produktion, die im vergangenen Jahr in der Berlinale-Sektion »Perspektive Deutsches Kino« gezeigt wurde und jetzt in den Kinos angelaufen ist.

milieus Nach diesen Jahrgängen kann sich der Freund des israelischen Kinos beim Studium des 65. Berlinale-Programms nur zurücksehnen. Doch zumindest gibt es eine 39-minütige Folge aus der israelischen TV-Serie Shkufim – False Flag im Berlinale Special – ein Spionagethriller von Maria Feldman und Amit Cohen über die Entführung des iranischen Verteidigungsministers durch Israelis. Und im Kurzfilm-Wettbewerb ist Lama? (»Warum?«) von Nadav Lapid als Anwärter auf den Goldenen Bären gesetzt. 2012 war Lapids düsterer Thriller Policeman um Gewalt und Korruption in Israel in deutschen Kinos angelaufen.

Den einzigen langen israelischen Spielfilm, Ben Zaken, zeigt die Nebenreihe »Internationales Forum des Jungen Films«. Das Debüt der Jungregisseurin Efrat Corem spielt in einem sozialen Brennpunkt, einem orientalisch-religiösen Slum in Aschkelon. Die Geschichte eines überforderten alleinerziehenden Vaters und seiner verwahrlosten zehnjährigen Tochter wird zwischen trostlosen Neubauten in langsamen Kameraeinstellungen erzählt. Corem weckt zwar Interesse und Empathie für den Vater Shlomi, der sich seiner Defizite zunehmend bewusst wird und seine Tochter Ruchi auf den Aufenthalt in ein Kinderheim vorbereitet, um ihr eine bessere Zukunft zu sichern. Für ein größeres Publikum sind die Charaktere jedoch vermutlich zu einsilbig und das Milieu zu fremd.

Aus dem Landstrich zwischen Mittelmeer und Jordan kommt nur ein einziger Beitrag, der bitterernste Themen auf sarkastische Weise angeht – und zwar ausgerechnet aus den palästinensischen Gebieten: Love, Theft and Other Entanglements von Muayad Alayan im Panorama ist irgendwo zwischen Roadmovie und Jim Jarmusch angesiedelt. 2014 zwischen Bethlehem und Jerusalem gedreht, erzählt das Schwarz-Weiß-Epos von den Dilemmata eines palästinensischen Tagediebes. Mousa lebt in einem Flüchtlingslager, hat eine Tochter, die beim Ehemann seiner Geliebten aufwächst, und nicht die geringste Lust, sich um reguläre Arbeit auf einer Baustelle in West-Jerusalem zu bemühen. Lieber klaut er Autos im gutbürgerlichen Jerusalemer Stadtteil German Colony und verhökert die Ersatzteile in der A-Zone des Westjordanlandes.

Leider merkt Mousa erst dort, dass er das falsche Auto erwischt hat. Im Kofferraum des gestohlenen Passats liegt ein gefesselter Israeli – ein Soldat, für dessen Leben Hunderte von palästinensischen Gefangenen freigepresst werden sollen. Der unfreiwillige Geiselnehmer füttert den Israeli mit Falafel und hofft auf eine üppige Belohnung für seinen Einsatz. Doch als die palästinensischen Gefangenen schließlich im Austausch für den Soldaten freikommen, wandert Mousa in den Knast – allerdings nicht aus politischen Gründen. Die Geschichte ist total unrealistisch und politisch unkorrekt, dafür aber umso komischer – ein Lichtblick in schwarz-weiß.

zensur Nahost, Schoa, Flüchtlinge: Auch in diesem Jahr liegt der Schwerpunkt bei den israelischen und »jüdischen« Filmen wieder auf Dokumentationen in den Nebenreihen. Auf großes Interesse dürfte Censored Voices im Panorama stoßen, der gerade erst beim Sundance Filmfestival in den USA Premiere feierte. Der Dokumentarfilm der Regisseurin Mor Loushy dreht sich um bisher von Israels Militärzensur unter Verschluss gehaltene Tonbandaufnahmen: Der Schriftsteller Amos Oz und sein Mit-Kibbuznik Avraham Shapira führten 1967, wenige Tage nach dem Sechstagekrieg, Interviews mit Kibbuzniks, die gerade von der Front zurückgekehrt waren. 30 Prozent des Materials hatte Shapira in seinem Buch Der siebente Tag: Soldaten sprechen über den Sechstagekrieg veröffentlicht, nun macht der Film auch den Rest zugänglich.

Oz sagt vor der Kamera, nach dem unerwarteten Sieg der israelischen Armee und der Eroberung von Westjordanland, Gazastreifen und Golanhöhen sei er ebenso euphorisch gewesen wie fast alle Israelis, habe aber auch andere Gefühle verspürt. Nach den Schattenseiten des Sieges suchten er und Shapira in den Tonbandinterviews.

Der erste Eindruck ist Erstaunen: So wenig hat sich geändert; die Zeugnisse der Soldaten, in ihrer typisch israelischen Art der Selbstreflexion, wirken sehr gegenwärtig. Unprätentiös sprechen sie über ihre Kriegserfahrungen und ihre Angst vor der Auslöschung Israels 1967 im Kampf gegen mehrere arabische Armeen. Einer verspürte starke Schuldgefühle, als er in den Kleidern eines getöteten ägyptischen Soldaten Bilder von dessen Kindern fand.

»Ich glaube, dass dies nicht das letzte Mal ist, dass wir Uniformen tragen müssen«, sagt ein anderer. Kritische Stimmen sind sogar zur Eroberung Ostjerusalems zu hören: »Es war keine befreite Stadt, es war eine besetzte Stadt«, sagt einer der Soldaten. Censored Voices erhebt den Anspruch, als eine Art Korrektiv zu den Folgen von Besatzung aufzutreten – doch diese Erwartung können die Kibbuzniks im Nachhinein nicht erfüllen. Und obwohl das Bildmaterial akkurat ausgewählt wurde, wirkt es an vielen Stellen nur wie eine Illustration der Tonspur.

jury Angesichts wachsender Flüchtlingszahlen dürfte Hotline im Forum der Berlinale für Interesse bei den deutschen Zuschauern sorgen. Silvina Landsmann porträtiert darin Frauen, die sich um afrikanische Flüchtlinge und Migranten in Tel Aviv kümmern, und zeigt den Einsatz engagierter Israelis für Rechte nichtjüdischer Flüchtlinge im jüdischen Staat.

Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz werden im Forum zwei Dokumentationen präsentiert, die für das Projekt »Asynchron. Dokumentar- und Experimentalfilme zum Holocaust« des Arsenal-Kinos digital restauriert wurden. Darunter ist Mekivun ha’yaar (»Aus dem Wald«). Der Film begibt sich auf Spurensuche in Litauen. Im Wald bei Ponar wurden zwischen 1941 und 1944 bei Massenhinrichtungen mehr als 100.000 Menschen ermordet, die meisten von ihnen Juden aus Wilna. Limor Pinhasov und Yaron Kaftori porträtieren Menschen, die in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Erschießungsstätte lebten. Auch die Dokumentation Hamaka ha- schmonim ve-achat (»Der 81. Schlag«) aus den 70er-Jahren hat die Schoa zum Thema: In historischen Film- und Fotoaufnahmen erzählt der Film vom jüdischen Leben in Europa, von Vernichtung und Widerstand.

Last but not least: Wer an die jüdische Weltverschwörung glaubt, kann in der Zusammensetzung der internationalen Jury vielleicht konkrete Anzeichen für ihre reale Existenz entdecken. Gleich zwei von sieben Mitgliedern sind Juden, darunter Jurypräsident Darren Aronofsky aus den USA. Zuletzt kam 2014 sein Bibelfilm Noah weltweit in die Kinos, allerdings wurde er in arabischen Ländern, darunter Ägypten, verboten. Der amerikanische Autor und Produzent Matthew Weiner wurde bekannt mit der TV-Serie Mad Men und als Drehbuchautor der US-Serie Die Sopranos. Ein weiterer jüdischer Filmemacher, Joshua Oppenheimer, ist Mitglied in der Berlinale-Jury für den besten Erstlingsfilm.

Die Mitgliedschaft von Aronofsky und Weiner in der internationalen Jury muss allerdings nicht bedeuten, dass der beste Wettbewerbsfilm auch als solcher prämiert wird. Wer die Berlinale kennt, weiß, dass man lieber auf einen politisch korrekten Außenseiter-Problemfilm als Favoriten setzen sollte. Oliver Hirschbiegel jedenfalls wird mit seinem Beitrag Elser über den verhinderten Hitlerattentäter Georg Elser nicht den Goldenen Bären holen. Der Film des Regisseurs von Der Untergang (2004) läuft außer Konkurrenz.

www.berlinale.de

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