Glosse

Abenteuer Bahn!

Alle schimpfen auf die Deutsche Bahn, außer Adriana Altaras. Sie traut ihr noch viel mehr zu

von Adriana Altaras  17.12.2018 16:25 Uhr

Immer auf Reisen: die Autorin und Regisseurin Adriana Altaras Foto: Jakob Börner

Alle schimpfen auf die Deutsche Bahn, außer Adriana Altaras. Sie traut ihr noch viel mehr zu

von Adriana Altaras  17.12.2018 16:25 Uhr

In den 80er‐Jahren gab es diese »Dritte-Welt«-Läden in Berlin. Man konnte dort Panflöten kaufen oder bunte Hängematten. Alles aus Südamerika, manchmal auch aus Afrika.

Ich besaß einen Poncho aus Chile und war sehr stolz. Mein Einkauf war ja praktisch schon eine gute Tat! Die Alpaka‐Wolle roch nach den Anden, und die Verkäuferin, eine Exil‐Chilenin, erzählte mir von ihrem Widerstand gegen die Pinochet‐Diktatur. Dann hörten wir Violeta Parra, und die Stimme dieser wunderbaren Sängerin werde ich im Leben nicht vergessen.

Seit ein paar Tagen bin ich überzeugt davon, dass die »Dritte Welt« bei der Deutschen Bahn angekommen ist.

WIDERSTAND In den vergangenen Monaten denke ich oft an diese Zeit und frage mich, was in Deutschland passieren muss, damit der Widerstand gegen den billigen Populismus an Kraft gewinnt.

Seit ein paar Tagen allerdings bin ich überzeugt davon, dass die »Dritte Welt« auch in Deutschland angekommen ist. Genauer gesagt, bei der Deutschen Bahn. Und das ist eine gute Nachricht.

Der Vergleich mag auf den ersten Blick etwas merkwürdig anmuten, aber alle, die dieses deutsche Verkehrsmittel nutzen, werden mir zustimmen. Davon bin ich überzeugt.

Wann immer ich an einem Bahnhof ankomme, hat so ziemlich jeder Zug Verspätung. Weiße Balken zieren die blaue Anzeigetafel, von 10 bis 85 Minuten Verspätung alles dabei.

Wann immer ich an einem Bahnhof ankomme, hat so ziemlich jeder Zug Verspätung.

Es zieht. Man kann sich nirgends aufwärmen oder hinsetzen, denn die Wartesäle wurden abgeschafft. Auch auf Sitzbänke wurde weitgehend verzichtet.

WAGENREIHUNG Wenn der Zug endlich einfährt, rennen die Menschen wild durcheinander, denn er fährt überraschenderweise auf einem anderen Gleis ein, oder in umgekehrter Wagenreihung, oder überhaupt nur mit drei Waggons, die anderen sind auf der Strecke geblieben.

Im Speisewagen hält der Zugbegleiter eine flammende Rede: Der Strom ist ausgefallen, deshalb gebe es nur kalte Speisen, wenn überhaupt. Er bittet die Passagiere um Mithilfe, er sei seit Stunden alleine im Service, würde weiterhin sein Bestes geben, aber ob das reiche?

Dann brennt auf der Strecke ein anderer Zug, eine Geiselnahme findet in einem Provinzbahnhof statt, der Sturm hat alle Oberleitungen abgerissen.

Die Verspätungen summieren sich, nehmen historische Ausmaße an. Ich denke an Anna Karenina. Sie würde die Nerven verlieren. Zugausfall, 135 Minuten Verspätung. Das kann auch einen überzeugten Selbstmörder aus der Ruhe bringen. Zwei Schweizer Mitreisende rekapitulieren ihre Erfahrungen: So etwas wie die Deutsche Bahn sei ihnen in ganz Lateinamerika nicht passiert.

Ich denke an Anna Karenina. Sie würde in der Deutschen Bahn die Nerven verlieren.

Aus der Ersten Welt, so es eine solche je gegeben hätte, sei eine Zweite, nein, mindestens eine Dritte geworden. Man bekomme keine klaren Auskünfte, ob die Weiterfahrt je fortgesetzt werde. Es sei ein Fehler gewesen, die Schweiz überhaupt zu verlassen …

HYSTERISCH Der Zugbegleiter hat hysterische rote Flecken im Gesicht, lobt die Fahrgäste für ihre Mitarbeit und bietet Freigetränke an. Und nun beginnt das Wunder zu wirken.

Ich nenne es frech das »Dritte‐Welt‐Phänomen«. Die Passagiere, die, erschöpft von des Tages Mühen, davon träumen, endlich zu Hause ankommen zu dürfen, die Touristen, die ihre überteuerten Hotels auskosten wollen, sie alle lassen jede Hoffnung fahren und beginnen, sich zu entspannen.

Sie unterhalten sich, tauschen erst ihre Namen, dann die Visitenkarten, schließlich ihre Erfahrungen aus. Walter aus Jena hat Houellebecq gelesen, der wisse, wie Männer ticken.

Schon bald weiß ich, dass Walter vier Kinder aus erster Ehe hat, deren Aufzucht die Ehe gesprengt hat.

Stefanie aus Halle ist Walters Freundin, sie findet Houellebecq eine Zumutung, einen Rassisten und Frauenfeind. Stefanie arbeitet als Managerin, als einzige Frau in einem Männerteam. Sie fletscht beim Lächeln die Zähne, und ich weiß sofort, dass sie jede Schlacht gewinnen kann.

Friederike, die Richterin vom Nebentisch, legt ihre Akten beiseite: Der Brand in einem vietnamesischen Lokal, ihr erinnert euch, Brandstiftung oder Unfall?

Schon bald weiß ich, dass Walter vier Kinder aus erster Ehe hat, deren Aufzucht die Ehe gesprengt hat. Stefanie war vor Walter mit ihrem Chef verheiratet, hat selbst Karriere gemacht, das hatte dieser nicht verkraftet. Friederike, die Richterin, arbeitet auch als Mediatorin und schwört auf selbst erarbeitete Entscheidungen statt auf Richterurteile.

TOLSTOI Zu den Freigetränken kommen Schokolade und Gummibärchen dazu, der Zug hält auf freier Strecke.

Bei Tolstoi fahren die Menschen mit dem Zug durch die unendlichen Weiten der russischen Steppe. Sie rekapitulieren ihr Leben, ihre große Liebe, erzählen von ihrem Glück und ihrem Scheitern, von Mord und Geburt.

Walter ist Jahrgang 1960, sein Vater wurde als junger Soldat in den Balkan beordert. Er war gerade 20 Jahre alt …

Walter weint, und Stefanie tröstet ihn. Friederike kramt nach Taschentüchern.

»Immer hat er behauptet, er hätte nichts gemacht, nichts gesehen, nie geschossen. Aber auf dem Jahrmarkt hat er nie ein Ziel verpasst, er war der Schützenkönig. Ich habe ihn nicht gefragt, aber ich ahne, dass er Schreckliches gemacht hat.«

Walter weint, und Stefanie tröstet ihn. Friederike kramt nach Taschentüchern.

»Der Krieg hält uns alle immer noch im Bann«, murmelt Walter und schnäuzt sich. Im Bistro hat jemand eine Gitarre, die Passagiere singen »We shall overcome« …

WERTE »Wir sind eine verkorkste Gesellschaft, die jetzt auch noch ihre Werte an hirnrissige Populisten verkauft.« Walter ist wütend, auf sein Land, seinen Vater, auf sich, der nie gefragt hat.

Stefanie sagt voller Inbrunst: »Es ist nie zu spät für die Demokratie!«, aus dem Bistro hört man »Bella ciao, bella ciao, bella ciao … ciao … ciao …«

Dann kommt die Durchsage, dass der Zug in wenigen Minuten in Berlin‐Spandau halten wird und sich die Bahn entschuldigt für die eventuell entstandenen Unannehmlichkeiten. 50 Prozent des Fahrpreises könne man sich zurückerstatten lassen.

Ich bin für einen kurzen Moment versucht, mich bei der Bahn zu bedanken, zum ersten Mal seit Wochen habe ich das Gefühl, dass sich in Deutschland etwas bewegt. Nicht unbedingt die Bahn, aber ihre Passagiere …

CHAOS Beim Ausstieg umarmen wir uns hastig, bei der S‐Bahn herrscht Schienen‐Ersatzverkehr.

Es gibt vielleicht keine Dritte Welt mehr, und schon gar keine Erste, aber das Chaos der deutschen Verkehrsbetriebe hat seine guten Seiten. Finde ich.

Die Autorin ist Schriftstellerin und Regisseurin und lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihr der Roman »Die jüdische Souffleuse« (Kiepenheuer & Witsch, 2018).

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