Österreich

Grüß Gott im Stadttempel

Anhand von Infoständen und auf spielerische Weise konnten Besucher am Sonntag das Judentum und die Wiener Israelitische Kultusgemeinde (IKG) kennenlernen. Sie hatte zum Tag der offenen Tür eingeladen. Die Idee entstand vergangenes Jahr – aus der Überzeugung heraus, jüdisches Leben für jeden offen zugänglich zu machen und Einblicke in die jüdische Kultur, Religion und Vielfalt zu gewähren.

Würstchen Trotz Kälte und scharfer Sicherheitsmaßnahmen kamen insgesamt rund 6000 Menschen. Es gab koschere Würstchen, eine Weinverkostung und vor allem viel Information über die verschiedenen jüdischen Einrichtungen. Vertreten waren unter anderem das Psychosoziale Zentrum ESRA, das Sanatorium Maimonides-Zentrum, die Zwi-Perez-Chajes-Schule (ZPC) sowie das Jüdische Berufsbildungszentrum und die Lauder Business School.

Die Besucher konnten auch die Jugendkommission »JUKO«, den »Bookshop Singer« und das jüdische Stadtmagazin »WINA« sowie die Menschen, die dahinter stehen, näher kennenlernen. Das Jüdische Museum, das Archiv und das Rabbinat der IKG stellten sich ebenfalls vor. In die seit knapp 20 Jahren bestehende Bibliothek des Jüdischen Museums strömten die Gäste geradezu. Viele wussten bislang nicht, dass sie öffentlich zugänglich ist. Mit ihren rund 45.000 Bänden zur jüdisch-österreichischen Geschichte seit dem Mittelalter ist sie die größte jüdische Bibliothek Österreichs.

Musik Einige Veranstaltungen fanden am Sonntag auch in Synagogen statt. So stand im Stadttempel IKG-Ehrenpräsident Ariel Muzicant auf der Bima und erzählte über die Geschichte der Gemeinde und ihrer Synagoge. Es gab auch Musik an diesem Tag: Der Jüdische Chor trug Gesänge vor, und auch Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg sang. Er zeigte sich beeindruckt von der großen Besucherzahl: »So voll sollte der Tempel immer sein, nur eben mit jüdischen Freunden und nicht mit Freunden der Gemeinde«, sagte er.

Nicht nur Eisenberg äußerte sich positiv, auch viele andere freuten sich über das Interesse der vielen Besucher. Zwei Stunden vor Ende der Veranstaltung sagte Gemeindepräsident Oskar Deutsch: »Wunderbar, wir haben schon mehr als 5000 Besucher – das sind rund 1000 mehr als im vergangenen Jahr.«

Deutsch hob hervor, wie wichtig es ihm ist, die österreichische Gesellschaft über das Judentum zu informieren. »Unsere Politik ist es, sich den anderen gegenüber zu öffnen, denn wir haben etwas zu bieten«, sagte er. »Wir hoffen sehr, dass mit dieser Aktion Vorurteile abgebaut werden können.«

Ähnlich äußerte sich auch der Leiter der Jugendkommission, Benjamin Gilkarov: »Ich finde dieses Event äußerst wichtig, denn so können Brücken gebaut werden. Den Menschen zeigt sich dadurch, dass wir genauso meschugge sind wie alle anderen auch. Wir sind einfach nur Menschen.«

Miriam Tenner, die Leiterin des Fundraising Departments, pflichtet ihm bei: »Die Öffentlichkeit hat, wie wir sehen, ein großes Interesse daran zu verstehen, wie Juden leben und wie die jüdische Gemeinschaft in Wien funktioniert. Sie kommen unvoreingenommen zu uns und sehen, dass wir nicht viel anders sind als sie.«

Die Chefredakteurin des jüdischen Stadtmagazins WINA, Julia Kaldori, sagte: »Das gesellschaftliche Auftreten ist wichtig. Es ist gut, dass die Gemeinde nach außen geht und jüdisches Leben für andere Menschen greifbar macht.«

Aus Frankfurt war Zentralratspräsident Dieter Graumann zum Tag der offenen Tür nach Wien gekommen. Er lobte die Veranstaltung: »Deutschland kann in Sachen Transparenz und Offenheit noch sehr viel von der jüdischen Gemeinde in Wien lernen. Ich bin beeindruckt, wie viele Menschen heute da waren.«

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