Die letzte Geisel in Gaza

»Er ging als Erster – er kommt als Letzter zurück«

Ran Gvili wurde nur 24 Jahre alt. Foto: Sabine Brandes

Die letzte Geisel in Gaza

»Er ging als Erster – er kommt als Letzter zurück«

Ran Gvili war ein Polizist einer Eliteeinheit, der trotz gebrochener Schulter in den Kampf zog

von Sabine Brandes  04.12.2025 15:02 Uhr

Es waren seine letzten Worte. Itzik Gvili, Vater von Ran Gvili, erinnert sich, dass sein Sohn in den frühen Morgenstunden des 7. Oktobers aus dem Schutzraum kam, seine Uniform überzog und sagte: »Ich lasse meine Freunde nicht allein kämpfen. Eine Pistole kann ich auch mit gebrochener Schulter halten.« Dann fuhr er in Richtung Süden, um sein Land zu verteidigen. Der 24-Jährige aus Meitar kehrte nicht zurück. Er ist die letzte Geisel in der Gewalt der Hamas in Gaza.

Sein Leichnam ist mehr als zwei Jahre nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober mit mehr als 1200 Toten und 251 Geiseln noch immer nicht überführt worden. Für seine Familie ist das Wort »Geisel« zu einer offenen Wunde geworden – eine Wunde, die weder die Zeit noch Erklärungen heilen können.

Laut israelischen Sicherheitsangaben sei Gvili bereits am 7. Oktober 2023 während der Kämpfe getötet worden. Zuvor hatte er geholfen, fast hundert Zivilisten zu retten, die vom Nova-Musikfestival geflohen waren. Später kämpfte er im Kibbuz Alumim gegen Terroristen. Doch für seine Eltern, Talik und Itzik, bringt die Nachricht seines Todes keine Ruhe – nur Fragen, Widersprüche und das unaufhörliche Flehen, ihren Sohn nach Hause zu bringen.

Er hätte Grund gehabt, im Schutzraum zu bleiben

Der junge Israeli hatte sich Tage vor dem Angriff die Schulter gebrochen. Er wartete auf seine Operation. Er hätte allen Grund gehabt, mit seiner Familie im Schutzraum zu bleiben, als die Sirenen heulten und die Raketen aus Gaza flogen. Doch er blieb nicht. Was folgte, ist inzwischen Teil des kollektiven Gedächtnisses des Landes geworden.

»Dank Ran und den anderen Kämpfern, die in die Grenzregion eilten, sind wir am Leben«, erklärte Ronit Weinstein, die Leiterin des Gedenkkomitees von Kibbuz Alumim, in Ynet. »Ihn den ‚Schutzschild von Alumim‘ zu nennen, ist keine Floskel«. Er habe die Terroristen daran gehindert, in den Kibbuz zu gelangen. An der Stelle, wo er verwundet und entführt wurde, erinnert jetzt ein Schild an seinen Mut.

Ein Expertengremium der Sicherheitskräfte kam im Januar 2024 zu dem Schluss, dass Gvili während dieses Kampfes um Alumim gefallen war. Seiner Familie wurden die Ergebnisse vorgelegt. Sie hörten zu. Sie nickten. Doch später sagte seine Mutter Talik, die Beweislage werfe »einige Fragen auf«.

Talik Gvili: »Wir bitten nur darum, dass jemand für ihn läuft, um ihn zurückzuholen.«

In diesen Fragen steckt Hoffnung – unwahrscheinlich, aber hartnäckig. Auf Facebook schrieb Talik Worte, die seither in der Debatte widerhallen: »Er ging als Erster – er kommt als Letzter zurück.« Ihr Sohn sei in die Gefahr gerannt, während andere geflohen seien. Nun sagt sie, an die Gesellschaft und Politik in Israel gerichtet: »Wir bitten nur darum, dass jemand für ihn läuft, um ihn zurückzuholen.«

»Wir beten, dass es keinen zweiten Ron Arad gibt. Die Hamas sagt, sie suchen nach Rani, aber wir sehen keine Fortschritte. Sie verunsichern uns, spielen mit uns und quälen uns.«

Am 3. Dezember 2025, waren die sterblichen Überreste des thailändischen Landarbeiters Sudthisak Rinthalak nach Israel überführt worden. Und nun fehlt nur noch Ran Gvili, um das schrecklichste Kapitel in Israels Geschichte abzuschließen und mit der Heilung zu beginnen. Doch ohne ihn zu Hause, sagen seine Eltern, ginge das einfach nicht.

Symbol für Durchhaltevermögen

So ist er zum Symbol für Durchhaltevermögen geworden. Die Familie mahnt, dass das Versprechen, »sie alle nach Hause zu bringen«, ohne Ran weiterhin unerfüllt bleibt. Die israelische Führung hat wiederholt erklärt, sie arbeite »unermüdlich daran, den Helden, Stabsfeldwebel Ran Gvili, für ein würdiges Begräbnis zurück nach Hause zu bringen«.

Für die Familie Gvili fühlt sich die Vorstellung, dass die zweite Phase des Waffenstillstands voranschreitet, während ihr Sohn allein unter den Trümmern Gazas liegt, wie ein zweites Verlassenwerden an. Eins, das sie unmöglich akzeptieren kann.

Am 29. November 2025, bei der wahrscheinlich letzten Kundgebung auf dem Geiselplatz in Tel Aviv nach mehr als zwei Jahren wöchentlicher Proteste, stand Itzik Gvili auf der Bühne vor Tausenden Menschen, die ihn unterstützten.

Mit einem Foto von Ran in Uniform in der Hand sprach er mit der Stimme eines Mannes, dem die Angst, aber nicht die Entschlossenheit ausgegangen war: »Es gibt keine nächste Phase und keinen ‚Tag danach in Gaza‘, bevor Ran nach Hause zurückkehrt«, sagte er. Das sei keine politische Aussage gewesen, betonte er später, sondern die »eines Vaters«.

Syrien

Grossi: Von Israel zerstörter Reaktor hätte atomwaffenfähiges Material produzieren können

2007 zerstörte Israel den Atomreaktor Deir ez-Zor. 19 Jahre später bestätigt Atom-Aufseher Rafael Grossi, dass die Anlage atomwaffenfähiges Material hätte produzieren können

 11.09.2026

Rosch Haschana

Israel wächst – doch immer mehr Menschen verlassen das Land

Zum jüdischen Neujahr veröffentlicht das Statistikamt neue Zahlen. Die Geburtenrate ist mehr als doppelt so hoch wie in der OECD

von Sabine Brandes  11.09.2026

Sachsen-Anhalt

Empörung über AfD-Spitzenmann Siegmund wegen Rüstungsaussage 

Siegmund: »Weil wir bei späteren Remigrations- und Abschiebeoffensive natürlich auch entsprechende Hilfsmittel brauchen«

 11.09.2026

Neujahr

Hopfen, Malz und Honig

Zu Rosch Haschana können die Israelis nun auch passendes Bier im Supermarkt kaufen. Stilecht in der blau-weißen Dose

von Sabine Brandes  11.09.2026

Tel Aviv

Magen David Adom leistet im Jahr 5786 fast 1,9 Millionen Einsätze

Besonders stark beansprucht wurde auch die Notrufzentrale 101: Mehr als zwei Millionen Anrufe gingen innerhalb eines Jahres ein

 11.09.2026

Großbritannien

Applaus für britischen Außenminister von der Hamas

Ein hochrangiger Funktionär der Terrorgruppe begrüßt die Sanktionen, mit denen das Vereinigte Königreich Israel belegt hat. Das sei ein »wichtiger Schritt in die richtige Richtung«

 11.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  11.09.2026

Kommentar

Ja, du bist gemeint!

Im Leben gibt es Menschen, die erkennen, was vor sich geht, und andere, die einfach blind den Trends folgen. Warum ich an der Seite meiner jüdischen Freunde stehe

von Boy George  11.09.2026

Tel Aviv

Nach Unfall für tot erklärt - jetzt Mutter von drei Kindern

Eine Mutter in Israel, einst nach einem schweren Verkehrsunfall schon als verstorben gemeldet, bringt im Krankenhaus ihrer Rettung ihr drittes Kind zur Welt – mit Hilfe der eigenen Schwester

 11.09.2026