Kriminalität

Der Remmo-Clan, Israel und der Juwelenraub von Dresden

Die Polizei nimmt am Dienstag einen Kunstdiebstahl-Verdächtigen der berüchtigten arabischen Clanfamilie Remmo fest. Foto: imago images/Max Stein

Der wochenlang geplante Einsatz der sächsischen Polizei in Berlin war hochgeheim, sein Ablauf ähnelte einer militärischen Operation: 1600 Polizisten aus acht Bundesländern wurden am Dienstagmorgen zusammengezogen, viele mit Maschinenpistolen ausgerüstet, dazu kamen die ebenfalls schwer bewaffneten Spezialeinsatzkommandos (SEK), darunter die bekannte GSG-9-Truppe des Bundes.

Polizeieinheiten fuhren aus Sachsen Umwege nach Berlin, um nicht zu sehr aufzufallen. In der Dunkelheit um sechs Uhr in der Früh schlug die Polizei in der Hauptstadt zu. Die SEK stürmten 20 Wohnungen und durchsuchten ein Cafè, zwei Garagen und Autos, viele im Stadtteil Neukölln.

Die Täter schlugen im Juwelenzimmer mit einer Axt Löcher in eine Vitrine und rafften mehr als 20 barocke Schmuckstücke aus Diamanten und Brillanten zusammen.

Ihr Ziel: kriminelle Mitglieder des Remmo-Clans. Männer aus dieser ebenso bekannten wie berüchtigten arabischstämmigen Großfamilie wurden bereits wegen des Diebstahls der Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum und einem Millionenraub in einer Bank verurteilt. Der dringende Verdacht: Familienmitglieder sollen auch den spektakulären Einbruch in das Historische Grüne Gewölbe in Dresden und den Diebstahl wertvoller Juwelen verübt haben.

RÜCKBLICK Am frühen Morgen des 25. November 2019 drangen zwei Täter in das berühmte Schatzkammermuseum im Dresdner Residenzschloss ein. Sie durchtrennten ein Gitter und stemmten ein Fenster heraus. Im Juwelenzimmer schlugen sie mit einer Axt Löcher in eine Vitrine und rafften mehr als 20 barocke Schmuckstücke aus Diamanten und Brillanten zusammen.

Der von einer Kamera gefilmte Coup dauerte nur wenige Minuten. Als die Polizei eintraf, waren Diebe und Beute verschwunden. Ein angezündetes Fluchtauto wurde in einer Garage entdeckt. Mit einem weiteren Wagen, einem als Taxi getarnten Mercedes 500, sollen sie nach Berlin gefahren sein.

Die Kriminalpolizei in Sachsen bildete daraufhin eine 40-köpfige Sonderkommission »Epaulette«, benannt nach einem der wertvollsten Schmuckstücke, und setzte eine Belohnung von 500.000 Euro aus. Mehr als 700 Spuren wurden gesichert, weit mehr als 1000 Hinweise gingen ein. Ermittelt wurde auch gegen Wachmänner des Museums.

Die Soko nahm auch zügig Kontakt zu einem Experten des Berliner LKA für Kunstdelikte auf. Überhaupt dachten viele Beobachter schnell an Berlin und die kriminellen Clans. Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik sprach nach der Tat von Spekulationen – sagte aber auch: »Die Parallelen zum Überfall im KaDeWe und dem Einbruch ins Bode-Museum sind leicht erkennbar, dafür muss man nicht Kriminalist sein.«

Ob der Remmo-Clan hinter dem Angebot an die israelische Sicherheitsfirma stand, ist nicht bekannt.

Doch die Spuren nach Berlin und – wie man jetzt weiß – auch zu dem Clan wurden immer konkreter. Entscheidende Hinweise hätten vor allem drei Bereiche geliefert, sagte ein Staatsanwaltssprecher am Dienstag: Aufnahmen der Überwachungskameras am und im Museum vor und während der Tat, die zahlreichen Spuren vom Tatort, »die den Beschuldigten zugeordnet werden konnten«, sowie der Fund des zweiten Fluchtautos, ebenfalls mit Spuren der Verdächtigen.

Am 2. September durchsuchte die Polizei ein Internetcafé in Neukölln und eine Wohnung. Ein Angestellter soll den Tätern SIM-Karten für Handys, die auf fiktive Namen registriert waren, verkauft haben. Die SIM-Karten wurden bei der Vorbereitung und Ausführung des Coups genutzt. Am 9. September wurden Autowerkstätten durchsucht. Dort soll das Fluchtauto mit Folien beklebt worden sein. Polizei und Staatsanwaltschaft gingen im Herbst von mindestens sieben Tätern aus. Und zeigten sich sehr zuversichtlich, sie zu fassen.

CLAN Im Visier des Dresdner LKA und der Berliner stehen nun fünf verdächtige junge Männer aus dem Clan. Drei von ihnen, zweimal 23 und einmal 26 Jahre alt, mit deutscher Staatsangehörigkeit, konnte die Polizei am frühen Dienstagmorgen verhaften. Einer von ihnen wurde im Februar wegen des Diebstahls der Goldmünze verurteilt, er befand sich aber bisher noch auf freiem Fuß.

Einen dieser Männer fasste die Polizei in einer Hochhauswohnung in Kreuzberg, direkt an der bekannten Hochbahn der U-Bahnlinie 1. Den ganzen Vormittag über standen dort am Dienstag 20 Polizei-Mannschaftswagen mit Dresdner Nummernschildern. Im Hauseingang und in einem Flur im 1. Stock waren Polizisten mit Helmen, vermummten Gesichtern und umgehängten Maschinenpistolen zu sehen.

Die arabische Großfamilie Remmo ist einer der bekanntesten und berüchtigtsten Clans der Hauptstadt.

Am einem der etwa 40 Klingelschilder steht der Name Remmo. Die drei Männer wurden nach Dresden gefahren und kamen dort in Untersuchungshaft. Der Verdacht lautet auf schweren Bandendiebstahl und Brandstiftung. »Sie haben sich zu den Vorwürfen bislang nicht geäußert.«

Kurz nach den Razzien veröffentlichte die Polizei eine internationale Fahndung mit Fotos von zwei weiteren Männern. Es sind Zwillinge, 21 Jahre alt, derselbe Nachname wie die anderen drei. Sie »konnten bislang nicht ergriffen werden«, hieß es. Aber erste Hinweise seien eingegangen, die Polizei gehe ihnen nach. Ein sechster Mann soll laut Staatsanwaltschaft ebenfalls zu der Bande zählen.

LIBANON Die Großfamilie Remmo ist einer der bekanntesten Clans der Hauptstadt. Die Familie ist arabischstämmig, lebte im kurdischen Gebiet im Osten der Türkei und kam in den 80er-Jahren über den Libanon und Ost-Berlin nach West-Berlin. Die Justiz spricht von einer »hohen Anzahl« von Ermittlungsverfahren. Familienmitglieder standen nicht nur wegen der Goldmünze, dem Bankeinbruch, einem Überfall auf einen Geldtransporter sowie zahlreichen anderen Diebstählen und Drogendelikten vor Gericht, sondern auch im Zusammenhang mit einem Mann, der mit Baseballschlägern totgeprügelt wurde.

Die Berliner Staatsanwaltschaft beschlagnahmte in einer spektakulären Aktion im Juli 2018 77 Grundstücke und Häuser von Clanmitgliedern im Wert von neun Millionen Euro. Die Polizei geht davon aus, dass die Immobilien mit Geldern aus Straftaten gekauft wurden. Dabei soll es auch Bareinzahlungen aus dem Ausland und Überweisungen gegeben haben. Die Clan-Anwälte gingen dagegen vor. Kürzlich wies das Kammergericht eine Beschwerde zurück. Die ersten beiden Immobilien gehören jetzt rechtskräftig dem Land Berlin, darunter ist auch eine denkmalgeschützte Villa in Neukölln, in der der Clanchef wohnte.

Die Beute konnte die Polizei bei den aktuellen Durchsuchungen indes nicht finden. »Die Kunstgegenstände stehen auf den Durchsuchungsbeschlüssen mit drauf. Da müsste man aber schon sehr viel Glück haben, wenn man die ein Jahr nach der Tat noch finden würde«, sagte der Sprecher der Dresdner Polizei, Thomas Geithner. Ob die Schmuckstücke zerlegt und die Diamanten umgeschliffen wurden oder ob die Diebe sie als Ganzes verkauften, ist völlig unklar.

Die CGI-Gruppe mit Sitz in Tel Aviv wurde nach eigenen Angaben über eine Anwaltsfirma von Vorstandsmitgliedern des Museums mit der Überprüfung der Sicherheitsmaßnahmen im Grünen Gewölbe beauftragt.

Beschlagnahmt wurden von der Polizei aber Telefone, Computer, Kleidung und ein bisschen Rauschgift. Sie sollen Beweise für eine Anklage vor Gericht liefern: »Die Ermittlungen sind noch lange nicht abgeschlossen. Das ist jetzt aber ein Meilenstein, diese drei Festnahmen.«

Bereits Ende vergangene Woche war bekannt geworden, dass eine israelische Sicherheitsfirma nach eigenen Angaben wertvolle Stücke von Unbekannten angeboten bekommen hatte. Diese hätten in E-Mails neun Millionen Euro für den Bruststern des Polnischen Weißen Adler-Ordens und den »Sächsischen Weißen« verlangt, bestätigte der Geschäftsführer der israelischen Sicherheitsfirma CGI, Zvika Nave. Zuerst hatte die »Bild«-Zeitung berichtet.

TEL AVIV Die CGI-Gruppe mit Sitz in Tel Aviv wurde nach eigenen Angaben über eine Anwaltsfirma von Vorstandsmitgliedern des Museums mit der Überprüfung der Sicherheitsmaßnahmen im Grünen Gewölbe sowie mit der Untersuchung des Einbruchs beauftragt. Diese Darstellung wiesen die Ermittlungsbehörden strikt zurück: »Die Staatsanwaltschaft Dresden, die Polizeidirektion Dresden und die Staatlichen Kunstsammlungen ‎Dresden haben die israelische Firma CGI nicht mit der Überprüfung des Sicherheitskonzeptes im ‎Grünen Gewölbe oder mit sonstigen Ermittlungen beauftragt«, teilte die Dresdner Staatsanwaltschaft mit. ‎

Auch die Staatlichen Kunstsammlungen (SKD), zu denen das Grüne Gewölbe gehört, zeigten sich überrascht. Von dem angeblichen Sachverhalt habe man keine Kenntnis, erklärte SKD-Sprecher Stephan Adam. »Die Firma hat zu uns auch keinen Kontakt aufgenommen.«

Die Dresdner Staatsanwaltschaft, die die Ermittlungen zum Einbruch leitet, weiß nach eigenem Bekunden nichts von Kontakten nach Israel.

Die Zahlung an die Unbekannten sollte laut Darstellung der Sicherheitsfirma in der Internetwährung Bitcoin erfolgen. »Alle Informationen wurden in Echtzeit an die Dresdner Staatsanwaltschaft übergeben«, sagte Nave. Demnach erhielt die Firma sechs oder sieben E-Mails. Die erste sei vorletzte Woche eingegangen. Die Absender hätten geschrieben, ihre Nachricht sei nicht nachzuverfolgen, sie hätten verschiedene Verschlüsselungstechniken verwendet.

Die Dresdner Staatsanwaltschaft, die die Ermittlungen zum Einbruch leitet, weiß davon nach eigenem Bekunden nichts: Es seien seitens CGI keinerlei Erkenntnisse übermittelt worden, hieß es. Ob der Remmo-Clan hinter dem Angebot an die Israelis stand, ist nicht bekannt. dpa/ja

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