Porträt der Woche

Clown, der mit Ängsten ringt

»Es dauerte viele Jahre, bis ich die traumatischen Erfahrungen verarbeitet hatte«: Aaron Smith lebt in Berlin. Foto: Yan Revazov

Vor fünf Jahren hörte ich zum ersten Mal vom Theater RambaZamba. Eine Bekannte hatte mir von dem Inklusionstheater erzählt, in dem Schauspieler mit und ohne Behinderung professionell miteinander auf der Bühne stehen. Das hörte sich für mich ziemlich gut an. Ich bin dort hingefahren und habe zwei junge Schauspieler mit Down‐Syndrom kennengelernt, die mich sofort in ihre Arme und ich sie in mein Herz geschlossen habe. Nach 20 Minuten war klar, dass ich dort erst einmal bleibe.

Was mir am RambaZamba gefällt, ist, dass es keinen Konkurrenzkampf gibt. Das war beispielsweise in London, wo ich eine Zeit lang studiert habe, ganz anders.

Bis zum Beginn meiner Schauspielausbildung bin ich sehr behütet aufgewachsen. Ich verlebte meine Kindheit in einem traditionellen jüdischen Elternhaus, gemeinsam mit meinen jüngeren Zwillingsschwestern Lilian und Esther. Ich wuchs zweisprachig mit Deutsch und Englisch auf.

Bis zur 3. Klasse habe ich die jüdische Heinz‐Galinski‐Grundschule besucht. Danach war ich auf der englischsprachigen John-F.-Kennedy-Schule, wo ich meine Leidenschaft für das Theaterspielen entdeckte.

Die Mutter meines Vaters, meine Großmutter, wurde in Zerbst in Sachsen‐Anhalt geboren. Sie ist erst nach der Pogromnacht 1938 mit ihren Eltern und ihrer Schwester vor den Nazis geflohen. Sie kamen mit dem letzten Flüchtlingsschiff, das Kuba noch angenommen hat, nach Havanna. Später ist sie nach Florida eingewandert und hat dort an der Uni meinen Opa kennengelernt.

Meine Eltern lernten sich in Jerusalem bei Gershom Scholem kennen.

Wie bei vielen Emigranten, bei denen die polnisch klingenden Familiennamen verkürzt wurden, um die Integration und die Arbeitssuche zu vereinfachen und zu beschleunigen, wurde auch bei ihnen der Name »Tykotski« zu »Tick« und der Name »Skolnitzi« zu »Smith«.

BÜRGERMEISTER Mein Großvater war Kinderzahnarzt und meine Oma Grundschullehrerin. In ihrer Freizeit waren sie sehr engagiert: in der Synagoge, in der Wohltätigkeit, und nebenbei hat mein Großvater mit einem Freund den ersten Rock’n’Roll-Club in Austin/Texas aufgemacht – den legendären »New Orleans Club«.

Mein anderer Opa hieß Klaus Schütz und war erst Regierender Bürgermeister von Berlin und später deutscher Botschafter in Israel. Dort entwickelte sich eine Freundschaft zwischen ihm und dem aus Berlin stammenden Gershom Scholem, dem großen Gelehrten der jüdischen Mystik. In dessen Wohnung haben sich meine Eltern kennengelernt.

Mein Vater sollte das Moskauer Tagebuch Walter Benjamins herausgeben, und so war er zu Gershom Scholem gekommen, der ja ein enger Freund und literarischer Nachlassverwalter von Benjamin gewesen war. Meine Mutter studierte Kunstgeschichte und kam regelmäßig zu Gershom Scholems Frau Fania, um Hebräisch zu üben.

FAMILIE Als sie dort meinen Vater kennenlernte, war sie bereits im Giur, um zu konvertieren. Eigenartigerweise findet gerade dasselbe in der Beziehung mit meiner Partnerin Sarina statt, die sich schon seit ihrem elften Lebensjahr für das Judentum interessiert und derzeit auch im Giur ist. In beiden Fällen haben die Frauen unabhängig den Wunsch entwickelt, zum Judentum überzutreten.

Nachdem meine Eltern geheiratet hatten, zogen sie nach Berlin. Mein Vater hat nach dem Mauerfall das Einstein‐Forum in Potsdam gegründet, ein öffentliches akademisches Zentrum. Danach war er Gründungsdirektor der American Academy in Berlin. Da geht es um wissenschaftlichen und kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den USA.

Mit 17 Jahren bin ich zum Studium in die USA gegangen.

Meinen Halbbruder Joshua aus einer früheren Ehe meines Vaters lernte ich kennen, als ich 15 Jahre alt war. Er wurde exakt zehn Jahre vor mir in Boston geboren. Inzwischen war er DJ und als solcher nach Berlin gekommen. Er hat mich in die Klubs mitgenommen wie das Berghain, das Golden Gate und andere. Ich hab mit ihm Partys gefeiert, bis meine Eltern irgendwann meinten, dass das nicht gut für mich sei. Damit hatten sie auch völlig recht.

FRÜHSTUDIUM Mein Vater hat sich dann in seinem Freundeskreis umgehört, was man einem Jugendlichen Sinnvolleres bieten kann, als in Clubs abzuhängen. Ein früherer Stipendiat der American Academy, der inzwischen Professor am Bard College of Art in Massachusetts war, hat meinem Vater geraten, ich solle es doch einmal mit einem Frühstudium an seinem Ins­titut probieren. Er könne sich noch an gute Gespräche mit mir erinnern und sei deshalb zuversichtlich, dass das ein guter Ort für mich wäre. Mit 17 Jahren bin ich dann zu diesem Frühstudium in die USA gegangen.

Zunächst habe ich an einem intensiven Sommerprogramm für Theaterspiel am Sarah Lawrence College in Bronxville nördlich von New York teilgenommen. Danach hatte ich ein Vorsprechen am Bard College of Art, wo man mich schließlich aufnahm und ich nicht nur in Schauspiel, sondern auch in Licht‐ und Tontechnik unterrichtet wurde.

Ich studierte an diesem College vier Jahre. Die Studienbedingungen waren echt hart. Es gehört in den USA ja zu einem Bachelor of Arts dazu, dass man auch Literatur und Philosophie studiert. Dafür muss man verschiedene Kurse belegen. Manchmal musste ich ganze Nächte durcharbeiten, weil ich es sonst nicht geschafft hätte.

NARR Die Schauspielausbildung hat mir sehr viel Spaß gemacht. Meine erste Rolle war die des Trinculo, das ist der Narr in Shakespeares Sturm. Danach hatte ich als Mentorin Karen Beaumont, die als eine der besten Laban‐Lehrerin in den USA galt. Laban ist eine sehr bewegungsintensive Theaterpraxis. Karen war eine für mich sehr prägende Person. Wir sind bis heute befreundet. Faszinierend an ihr ist, dass sie sehr auf jeden Einzelnen eingehen kann. Der Unterricht bei Karen hatte etwas Magisches.

Meine erste Rolle war die des Trinculo, das ist der Narr in Shakespeares »Sturm«.

Dann bin ich für ein halbes Jahr nach London gegangen, und dort bin ich an einen Professor geraten, der mir nicht guttat. Er war dafür bekannt, die Persönlichkeit seiner Schauspielstudenten »brechen« zu wollen. Das mögen robustere Charaktere, als ich es bin, leichter verkraften, bei mir aber hat das zeitweise zu extremen Ängsten geführt. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich diese traumatischen Erfahrungen verarbeitet hatte.

Dabei geholfen hat mir, dass ich über meine Gefühle geschrieben habe, sowohl in Prosatexten als auch in Gedichten. Schließlich habe ich auch die Bachelor‐Arbeit über meine Ängste geschrieben und wie man ihnen mit verschiedenen Kunstformen, etwa der Clownerie, beikommen kann.

Über Improvisationen hatte ich Formen des Slapstick entwickelt, in denen der Clown mit seinen Ängsten ringt. Da lässt sich sicher noch sehr viel mehr erarbeiten.

ZUKUNFT Als ich schließlich nach Berlin zurückkehrte, habe ich in verschiedenen Musikclubs auf Jam‐Sessions Blues und Rock’n’Roll mit eigenen Textimprovisationen auf Englisch gesungen.
Beim RambaZamba‐Theater gehörte ich zunächst zu einer Gruppe, die eher kabarettähnliche Inszenierungen gemacht hat. Eine hieß Mit 200 Sachen ins Meer. Es ging um Leute, die in der Psychiatrie sind.

Dann spielte ich in Nur ein Wimpernschlag, einem eher düsteren Stück über Regimewechsel und Macht. Danach gab es einen Abend mit Szenen aus verschiedenen Shakespeare‐Stücken und viele weitere Inszenierungen.

Trotz langer Abwesenheit nahm mich die Beterschaft in meiner Synagoge Pestalozzistraße außerordentlich lieb wieder auf.

Was mir gefällt, ist, dass man an diesem Theater Zeit hat, etwas Schönes zu erarbeiten und sich als Schauspieler zu entwickeln. Hinzu kommt, dass auch sehr bekannte und erfahrene Schauspieler und Schauspielerinnen wie Andreas Mosbach, Angela Winkler und Eva Matthes mit uns auftreten.

SYNAGOGE Ich freue mich jedenfalls sehr, dass ich die Möglichkeit habe, mich im RambaZamba, aber auch in meiner Familie in meinem eigenem Tempo zu entwickeln. Auch die Beterschaft in meiner Synagoge in der Pestalozzistraße hat mich außerordentlich lieb wiederaufgenommen, nachdem ich ja viele Jahre nicht sehr häufig dort war.

Inzwischen ist diese Gemeinschaft auch für meine Freundin Sarina zu etwas sehr Wichtigem geworden. Für meine Zukunft habe ich mir keinen konkreten Plan gemacht. Ich glaube aber, dass sich das ändern wird, wenn Sarina und ich eine Familie gründen.

Was ich aber definitiv weiß, ist, dass ich weiterhin in meinem eigenen Tempo an mir als Mensch und als Künstler arbeiten werde.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase‐Hindenberg

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