30. Sep. 2016
12:45

Mein Vorbild

Schmerzlicher Verlust: Schimon Peres ist tot.
© Sabine Brandes

Er hat mich begleitet. Auf meinem ganzen Weg. Er war da, wenn ich mich verloren fühlte. War ich frustiert und verzweifelt, dachte ich an seine Worte. Nicht immer, aber oft. Sie waren stets voller Optimismus und Zuversicht.

Schimon Peres kannte mich nicht – aber ich kannte ihn. Jetzt ist er tot. Fort ist der letzte Anker, das Gefühl, dass es auch anderen so ergeht wie mir. Er war der ewige Immigrant in seinem Land. So wie ich es bin. Man hat ihn an seinem Akzent erkannt. Wie man auch mich daran erkennt. Und er war ein unerschütterlicher Kämpfer für den Frieden. Der auch dann nicht schwankte, wenn andere ihn schon mitleidig belächelten. Zynismus war seine Sprache nicht. Deshalb klang das Wort »Schalom« nie schal, wenn es aus seinem Mund kam. Wie Don Quixote kämpfte er gegen Zweifler, immer eine bessere Zukunft im Blick. Wer wird sie nun einfordern? Die Lücke, die er hinterlässt, bleibt eine Antwort wohl schuldig.

Ob als Minister, Oppositionsführer oder Präsident des Staates: Bei offiziellen Anlässen trat Peres stets in Anzug und Schlips auf. Doch trotz seines makellosen Auftretens und der kerzengeraden Haltung schaute er nie von oben herab. Stattdessen bewegte er sich auf die Menschen zu, scheute sich auch nicht, in die Knie zu gehen. Zu seinem 93. Geburtstag wurde er Mitglied bei Snapchat, einer Applikation, auf der man Fotos und Videos aus seinem Alltag teilt. Lachend rief er alle auf, ihm zu folgen. »93 ist ein gutes Alter, um mit Snapchat zu beginnen«, schrieb er dazu. Fortan lachte sein Konterfei aus der Schablone eines grellgelben Gespentes hervor. Auch das war Schimon Peres. Er lächelte gern, lachte über Witze, doch vor allem über sich selbst. Eine Gabe, die ich kaum je an einem Politiker gesehen habe.

Ich erinnere mich an einen Moment vor mehr als zehn Jahren. Ich saß als Journalistin auf der Besuchertribüne für die Einweihungszeremonie des neuen Museums der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Am Mittag aus einem heißen Tag in Tel Aviv angereist, hatten meine Kollegin und ich die Kälte dieses Abends in 800 Meter Höhe unterschätzt. Wir bibberten in dünnen Blusen und Sandalen auf unseren Stühlen, unsere Zähne klapperten. Als Schimon Peres eintrat, blickte er zufällig in unsere Richtung. Doch statt ob des deprimierenden Anblicks wegzuschauen, kam er auf uns zu, begrüßte uns mit einem »Schalom« und sagte auf Englisch: »I am sorry that you are cold. I will send you some warm thoughts.« Dann lächelte er sein Lächeln, das den Abend erhellte. Mir war nicht mehr kalt.

Gerade dieser Menschlichkeit wegen war Schimon Peres für mich larger than life. Das ist ein Trost. So können sein Einsatz, der Optimismus und die Hoffnung, die er verbreitete, seinen Tod überdauern und als Beispiel dienen. Zu meinen persönlichen Vorbildern wird er für immer gehören.

Leider nimmt er seinen großen Traum eines Friedens zwischen Israelis und Palästinensern mit ins Grab. »Mein einziger Fehler war es, dass meine Träume nicht groß genug waren«, sagte er einmal. Lieber Schimon Peres, ruhen Sie in dem Frieden, den Sie zu Lebzeiten leider nicht erleben durften – doch der Ihnen nun hoffentlich für immer vergönnt sein wird.

02. Sep. 2016
12:01

Wegschauen, bitte!

© Flash 90

Den einen ist’s zu züchtig, den anderen nicht genug. Ob in Frankreich der Burkini die Gemüter erhitzt oder in Israel ein Bikini die Sittenwächter auf den Plan ruft, man könnte fast meinen, es seien die 60er, und der Zweiteiler zum Baden wurde gerade erst erfunden.

Vor einigen Tagen wurde der Auftritt einer jungen Sängerin bei einem Sommerfest abgebrochen, weil sie in Shorts und Bikini-Oberteil sang und sich weigerte, die darüber getragene Bluse zuzuknöpfen. Kulturministerin Miri Regev erklärte anschließend, der Auftritt habe keinen Respekt für die verschiedenen Gemeinden gezeigt. »Daher mussten wir sie von der Bühne entfernen.« Die Sängerin trat bei einem Sommer-Popmusik-Festival in der Hafenstadt Aschdod auf. Nicht in Mea Schearim und nicht vor der Kotel in Jerusalem.

Ich will damit nicht sagen: »Everything goes«. Selbstverständlich sollte man sich dem Anlass entsprechend kleiden. In die Schule etwa gehören keine Shorts, aus denen die Pobacken lugen oder T-Shirts mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel. Das muss man den meisten Mädchen allerdings gar nicht erklären. Die wissen genau, was geht und was nicht. Ihnen aber Regeln aufzuerlegen, die suggerieren, mit ihrem Körper ist etwas nicht in Ordnung, bringt mich auf die Palme. Ohnehin müssen sich vor allem junge Mädchen ständig damit auseinandersetzen, weil ihnen die verkehrte Welt der Werbung pausenlos einredet, so dünn, so groß oder so schön sein zu müssen, wie völlig irreale Vorbilder.

Doch so geschieht es in der Schule meiner Tochter neuerdings, die ich sonst sehr schätze. In dieser säkularen Oberschule in Tel Aviv dürfen Mädchen keine Tank-Tops, also T-Shirt ohne Ärmel, anziehen. Jungs schon. Mädchen dürfen keine Shorts tragen, die nicht mindestens zum Knie reichen. Jungs schon. Die neueste Regel allerdings macht mich sprachlos. Ab sofort sind Leggings untersagt, wenn nicht ein T-Shirt darüber gezogen wird, das mindestens den ganzen Po verdeckt. »Man würde sonst das Schamdreieck erkennen – und das ist sexuell«, erklärte eine Lehrerin.

Vielleicht muss man dazu wissen, dass schätzungsweise 99 Prozent aller Girlies hierzulande regelmäßig Leggings anziehen. Warum das für mich hässlichste Kleidungsstück der Welt es auf die Hitliste der sonst so modebewussten jungen Israelis schaffte, ist mir ein Rätsel, doch das ist irrelevant. Worum es geht, ist die Tatsache, dass Mädchen, deren Körpergefühl sich in der Entwicklung befindet, vermittelt wird: »Dein Körper ist nicht okay, deine Sexualität ist nicht okay, du bist nicht okay.« Und das alles, um züchtig zu sein, sprich: um Jungs und Männern nicht den Kopf zu verdrehen.

Die Regeln sind von Männern gemacht. Wenn sie heute von Frauen eingeführt werden, so basieren sie doch auf jenen, die vor Hunderten oder gar Tausenden von Jahren in männlichen Köpfen erdacht wurden. Wir aber leben im 21. Jahrhundert in der westlichen Welt. Wo Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern – wenn auch nicht vollständig erreicht – eine bedeutende Rolle spielt. Die mit Füßen zu treten, schwächt die Stellung der Frau in der Gesellschaft enorm.

Die einzige Diskussion, die meiner Meinung nach über Klamotten geführt werden dürfte, ist die des guten Geschmacks. Finde ich es schick, dass sich erwachsene Frauen Löcher in ihre Jeans schneiden und ihre halben Hinterteile präsentieren? Nicht wirklich! Gefällt es mir, wenn die Kardashian-Familie ihre drallen Körper in durchsichtige Stretchkleider presst und in den Gazetten der Welt erscheint? Nun wahrlich nicht.

Dennoch würde es mir nie einfallen, Menschen vorschreiben zu wollen, wie sie sich kleiden sollen. Für jene, denen nicht gefällt, wie sich jemand anzieht, habe ich einen Tipp: »Einfach wegschauen, bitte!«

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