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Straubing staunt

Was die Synagoge zu einem Anziehungspunkt für Gäste und Beter macht

17.02.2011 – von Birgit FürstBirgit Fürst

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Der Unterschied zwischen uns Christen und den Juden ist nicht groß. Der Ursprung ist derselbe«, sagt der 15-jährige Daniel nach der Führung durch die Straubinger Synagoge. »Ich merke mir, dass die Juden zwei Kühlschränke brauchen und zwei Spülbecken«, ergänzt seine Klassenkameradin Veronika von der neunten Klasse des Robert-Koch-Gymnasiums in Deggendorf. Es ist ein Ausflug in eine fremde Welt für die Jugendlichen aus dem katholischen Niederbayern. In ihren Schulklassen sitzen mittlerweile oft auch Muslime, aber Juden kennen sie nur selten persönlich. Von den 1,2 Millionen Menschen in Niederbayern sind knapp 900 Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde. Die meisten von ihnen leben in Straubing, weil hier die einzige Synagoge steht.

In vielen Städten und Dörfern zwischen Passau, Landshut und dem Bayerischen Wald gibt es keine jüdische Familie. Gerade weil fast niemand Juden persönlich kennt, hält Gemeindevorstand Israel Offmann die Synagogenführungen für wichtig: »Durch die Führungen verliert das Judentum das Mystische, das Fremde und somit das Bedrohliche. Auf diese Weise können wir den Antisemitismus in Niederbayern klein halten.« Aber natürlich zeigen die Straubinger ihre Synagoge auch gerne vor. Sie ist ein 1907 erbautes, liebevoll renoviertes Kleinod der Neoromanik.

gerettet In der Reichspogromnacht wurde sie zwar verwüstet, aber nicht angezündet. Die Benzinkanister standen schon im Betsaal, doch ein Feuerwehrkommandant befürchtete, dass auch die benachbarten Häuser in Brand geraten könnten, und so blieb die Synagoge stehen.

Diese Geschichte erzählt Ala Perelman bei ihren Führungen und auch, dass nach dem Krieg ein ehemaliger SS-Mann eine Kiste mit Torarollen, Leuchtern und Kultgegenständen bei der Polizei abgegeben hat. Bis heute weiß niemand, wer dieser Mann war und wo die wertvollen Gegenstände die Nazi-Zeit überdauert haben. Natürlich ist der Holocaust ein Thema des Besichtigungsprogramms.

Die großen, schwarzen Gedenktafeln mit den goldenen Namen der 120 ermordeten Straubinger Juden bleiben den Besuchern immer in Erinnerung, genauso wie die Geschichte des Gemeindevorstands Israel Offmann, der als 16-Jähriger, also im gleichen Alter wie die Besucher, im Konzentrationslager war und dort vier Geschwister und seine Eltern verlor. »Niemand von euch trägt Verantwortung für das, was passiert ist, aber jeder von euch trägt Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder passieren kann«, sagt Ala Perelman.

Sie spricht aber auch über die jüngere Geschichte der Gemeinde, über die Zuwanderer. Sie selbst stammt aus Sankt Petersburg, erzählt davon, dass sie, obwohl alle ihre Vorfahren Juden sind, erst nach der Perestroika zum ersten Mal dort die Synagoge betreten konnte, die drittgrößte der Welt. Sie lacht, wenn sie sagt, wie klein sie die Straubinger Synagoge mit ihren 150 Plätzen anfangs fand. Und sie strahlt, wenn sie erzählt, wie glücklich sie ist, dass sie heute ohne Angst und Hindernisse zur Synagoge kommen und ihren Glauben leben kann.

»Ich freue mich, dass ich heute so viele junge Gesichter in den Bänken sehe«, sagt sie, »denn bei uns ist es häufig so, dass zu den Gottesdiensten vor allem ältere Menschen kommen.« Nur an den Feiertagen begleitet die mittlere Generation die alten Eltern. Dann reichen die Plätze in der einzigen Synagoge Niederbayerns kaum aus. Ein großer Teil der Juden in dieser Region seien solche »Feiertagsjuden«, doch ein Austritt aus der Gemeinde kommt für sie trotzdem nicht infrage. Im vergangenen Jahr hat kein einziges Mitglied die Kultusgemeinde verlassen.

Gehirntraining Ala Perelman liegen vor allem die älteren Gemeindemitglieder am Herzen. Sie hält seit vielen Jahren dreimal die Woche Sprachkurse für sie ab, denn das Gehirn ist wie ein Muskel, der trainiert werden muss, sagt sie. So lässt sie ihre Kursteilnehmer beispielsweise auf Deutsch erzählen, was sie am Vortag erlebt haben – für viele der alten Zuwanderer eine Herausforderung, da sie trotz der Kurse nur sehr bedingt die Sprache beherrschen.

Die alten Frauen und Männer kommen aber nicht nur, um Deutsch zu lernen, sondern schätzen vor allem den Austausch untereinander. Der Sprachkurs ist für manche der einzige Kontakt zur Außenwelt. Ala Perelman, seit drei Jahren Vorstandsmitglied der niederbayerischen Gemeinde, organisiert außerdem Computerkurse für Senioren im Gemeindezentrum. Mit dem christlichen Altenheim auf der anderen Straßenseite gibt es auf ihre Initiative hin Kontakte. Man trifft sich zu Spielnachmittagen und immer wieder leben Gemeindemitglieder dort zeitweise in der Kurzzeitpflege oder auch dauerhaft.

Das alles erzählt Ala Perelman natürlich nicht den Jugendlichen bei den Führungen. Ihre Themen sind beispielsweise der Ablauf des Gottesdienstes, die Symbole in der Synagoge, das Chanukka-Wunder, oder das Alltagsleben der Juden. Sie spricht über die Rolle der Frau im Judentum, ist authentisch. Seit eineinhalb Jahren ist die ehemalige Dozentin für Videotechnik an der Hochschule in St. Petersburg für die Führungen in der Straubinger Synagoge zuständig.

Immer betont sie, dass Juden dieselben Menschen wie Christen sind, dass es keine Gründe für Antisemitismus gibt. Das Werben für Toleranz ist ihre Motivation. Ihre Arbeit und die ihres Vorgängers ist offensichtlich erfolgreich: Die Synagoge ist zwar aus Sicherheitsgründen videoüberwacht, doch dauernder Polizeischutz ist nicht nötig.

Die Weltreligionen stehen im katholischen Religionsunterricht der neunten Klassen in Bayern auf dem Lehrplan. Es sind also vor allem Neuntklässler, die sich die Straubinger Synagoge anschauen. Gelegentlich melden sich aber auch Theologiestudenten, katholische Frauenverbände oder andere Interessierte an.

Bewunderung Ganz still wird es jedes Mal, wenn ein Gemeindeangehöriger den Toraschrein öffnet und die prächtigen Torarollen mit ihren Kronen und bestickten Gewändern zeigt. Fast andächtig bewundern die Jugendlichen auch diesmal die Rollen, von denen sie gehört haben, dass ein Toraschreiber bis zu zwei Jahre daran arbeitet. Das Öffnen des Aron Hakodesch ist der Höhepunkt jeder Führung. Danach ist Zeit für Fragen und die sind zahlreich. »Wer hat die 613 Regeln festgelegt? Wie kann Öl koscher sein? Gibt es hier eine Mikwe? Wie lange dauert ein Gottesdienst? Dürfen Juden Kondome benutzen?« Ungeniert fragen die Jugendlichen Ala Perelman.

Nach knapp zwei Stunden ist ihre Neugier gestillt. Sie wissen jetzt, dass die 613 Gebote und Verbote Gott festgelegt hat, dass nur die drei ersten Öltropfen einer Olive beim Pressen koscher sind, dass es ein Ritualbad im Keller gibt, dass der Gottesdienst eineinhalb Stunden dauert und dass strenggläubige Juden keine Kondome benutzen dürfen.

»Es hat mich sehr beeindruckt, dass hier fast alles eine Bedeutung hat«, sagt Marc vom Robert-Koch-Gymnasium. »Die Gedenktafeln werde ich nicht vergessen und ich habe viele Sachen erfahren, die ich vorher nicht gewusst habe.« Ala Perelman ist zufrieden. Ihren Beitrag zu mehr Toleranz und Dialog in der Gesellschaft hat sie wieder einmal geleistet.

Geschichte der Gemeinde
Bald nach der Stadtgründung von Straubing um 1218 lässt sich auch eine jüdische Gemeinde nachweisen. Doch über Jahrhunderte hinweg wurden Juden immer wieder verfolgt. Eine erste Synagoge entstand um 1419, ihr Standort ist unbekannt. Steinerne Zeugnisse aus dem Mittelalter gibt es nicht mehr, geblieben ist lediglich die Bezeichnung Judengasse. Erst im 19. Jahrhundert siedelten sich wieder jüdische Familien an und betrieben Textil-, Schuh- und Holzhandel. Nach der Schoa gründeten Überlebende 1946 die Gemeinde neu. Die 1907 erbaute Synagoge ist die einzig erhaltene in Niederbayern. Heute hat die Gemeinde 900 Mitglieder.

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