Geschichtsthriller

Gebrochene Helden

Patrick Rotmans Roman über jüdische bewaffnete Widerstandskämpfer im besetzten Frankreich

09.12.2010 – von Michael KoltanMichael Koltan

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Wer glaubt, dass Quentin Tarantino sich seine jüdische Freischärlertruppe in Inglourious Basterds komplett aus den Fingern gesogen hat, kann sich durch Patrick Rotmans Die Seele in der Faust eines Besseren belehren lassen. Es gab tatsächlich im besetzten Frankreich eine Gruppe von Partisanen, die den Nazis ihre eigene Medizin zu schmecken gab: Terror. Ihr spektaku lärster Erfolg war das Attentat auf den SS-Standartenführer Julius Ritter am 28. September 1943 mitten in Paris. Patrick Rot- man hat die reale Geschichte dieser Gruppe namens FTP-MOI (Francs-tireurs et partisans – Main-d’œuvre immigrée) seinem Roman Die Seele in der Faust zugrunde gelegt. Für historisch interessierte Leser liefert das ausführliche Nachwort von Elfriede Müller die wichtigsten Fakten nach.

Filmreif Die Mitglieder der FTP-MOI waren, anders als Tarantinos »Basterds«, keine Amerikaner, sondern Immigranten meist jüdischer oder armenischer Herkunft. Und sie waren Kommunisten – ihre Aktionen wurden nicht von Washington, sondern von Moskau aus koordiniert. Rotman erzählt die Geschichte dieser Gruppe, angefangen von der Rekrutierung bis zur Hinrichtung der meisten ihrer Mitglieder Ende 1943. Es ist eine Story, die alles hat, was ein guter Thriller braucht: Schurken und Helden, Action, Liebe, Verrat. Die Versuchung lag nahe, sie als melodramatischen Reißer zu erzählen über einen heroischen, letztendlich aussichtslosen, aber dennoch nicht vergeblichen Kampf: Résistance-Kitsch als billiges Vehikel zur Identifikation mit den moralischen Siegern.

Rotman hat dieser Versuchung widerstanden. Statt eines einfachen Historienromans erzählt er die Geschichte indirekt und doppelt gebrochen. Ich-Erzähler ist ein Regisseur namens Patrick Versau, der einen Spielfilm über einen FTP-MOI-Kämpfer namens Sascha Altberg plant. Dieser will, so Versaus Szenario, in einer Zeit, da ihm als Kommunist und Jude tagtäglich der Tod droht, sein Ende wenigstens selbst wählen, indem er mit der Waffe in der Hand gegen die Nazis kämpft. Wir erleben nun, wie der Regisseur mit Zeitzeugen spricht – Saschas überlebendem Bruder Paul, Serge, dem Militärchef der Partisanengruppe, aber auch dem für die Verhaftung verantwortlichen Bullen Rodier.

Parallel dazu lesen wir Szenen aus Versaus Drehbuchentwurf. In dieser gedoppelten Struktur liegt der literarische Kniff des Romans. Der Leser erfährt dieselbe Geschichte zweimal, einmal in der selbst bereits fiktiven Erzählung der Zeitzeugen und dann noch einmal in Form der Drehbuchszenen als Fiktionalisierung der ersten Fiktion. Damit kann Rotman die Probleme thematisieren, die auftreten, wenn man ein komplexes historisches Geschehen als einfache Geschichte von Helden und Schurken erzählen will: Die Drehbuchszenen führen uns scheinbar direkt an die Schauplätze des Geschehens, wir haben den Eindruck, unmittelbar dabei zu sein.

Doch in Wirklichkeit sind sie potenzierte Fiktion, nämlich die immer hilfloser werdenden Versuche des Ich-Erzählers, sich einen Reim auf das widersprüchliche Verhalten der historischen Akteure zu machen, auf die Verfälschungen, Geschichtsklitterungen und auch direkten Lügen, mit denen er sich konfrontiert sieht.


Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken
Jüdische Allgemeine ePaper
Die Wochenzeitung als ePaper
Cover der Jüdische Allgemeinen vom 12.07.2018

Ausgabe Nr. 28
vom 12.07.2018

Zum Angebot

Fotostrecken

70 Jahre Israel

In diesem Jahr feiert Israel seinen 70. Geburtstag. Am 5. Ijar 5708, dem 14. Mai 1948, wurde der jüdische Staat gegründet.

5. Ijar 5708/14. Mai 1948

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Sommer
Berlin
25°C
wolkig
Frankfurt
25°C
heiter
Tel Aviv
32°C
heiter
New York
21°C
heiter
Zitat der Woche
»Wir retteten die Juden in Babylon.
Sie haben eine Schuld uns gegenüber.«
Der iranische Präsident Hassan Rohani bei seinem Besuch Anfang Juli
in Wien über das babylonische Exil vor 2500 Jahren