Geschichte

Mecklenburger Mirjamsbrunnen

Das Ostsee-Erholungsheim der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums wird saniert

18.11.2010 – von Hartmut BomhoffHartmut Bomhoff

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Ein eher unbekanntes Foto zeigt Rabbiner Leo Baeck zusammen mit Professor Ismar Elbogen im Strandkorb. Die Bildunterschrift dazu: »Arendsee 1932«. Arendsee? Das Ostseebad wurde 1938 mit den Nachbarorten Fulgen und Brunshaupten zur Stadt Kühlungsborn vereint. Ein Bericht im Bayerischen Israelitischen Familienblatt vom Sommer 1931 erklärt, was es mit Baecks Aufenthalt in Arendsee auf sich hat. Am 28. Juni 1931 hatte er hier das Erholungsheim der Hausmann-Stiftung eröffnet, ein Haus für jüdische Akademiker, ihre Angehörigen und Witwen – Leo Baeck »hielt die Weihrede in seiner bekannten geistvollen Art«.

Die Villa Hausmann war der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums von der kinderlosen Mathilde Hausmann vermacht worden. Der mecklenburgische Landesrabbiner Siegfried Silberstein verglich das Heim damals mit dem biblischen Mirjamsbrunnen: »Hier mögen die im Kampfe des Lebens angespannten und verzehrten körperlichen und geistigen Kräfte Entspannung und Verjüngung finden, seelische Überwindung des Alltagslebens, Erhebung und ideale Förderung.« Dazu gehörten koschere Küche und Schabbatgottesdienste.

Die heutige »Villa Baltic« wurde 1910–12 als Wohnhaus für den Berliner Justizrat Wilhelm Hausmann und seine Frau Margarete errichtet. Sie ist laut Alexander Schacht von der Denkmalschutzbehörde Bad Doberan das Hauptwerk eines der renommiertesten mecklenburgischen Architekten des frühen 20. Jahrhunderts: Alfred Krause (1866–1930). »Die Fassaden sind durch Risalite, Erker und Ecktürme sowie durch ihre reiche, von dem Neubrandenburger Bildhauer Wilhelm Jaeger geschaffene bauplastische Ausschmückung sehr aufwendig gestaltet. Stilistisch ist die Villa dem Neobarock zuzuordnen, wobei sie in den Details und hinsichtlich ihrer technischen Ausstattung den damals modernsten Stand der Bautechnik repräsentierte«, erklärt Schacht.

meerblick Das Erholungsheim, das von Frau Sanitätsrat Herta Marcuse geleitet wurde, hatte 1931 bereits 104 Gäste. »Der Preis für volle Pension mit bester Verpflegung (rituell) beträgt täglich RM 5.« Um möglichst viele Besucher unterbringen zu können (die »Akademische Gesellschaft Hausmann-Stiftung« zählte 136 Mitglieder), erwarb die Hochschule auch die gegenüberliegende Villa Horn; im Haupthaus befanden sich die Gesellschaftsräume mit Blick aufs Meer.

Doch die Idylle währte nicht lange. »Das zur Stiftung gehörige Erholungsheim in Arendsee ist seit Ende 1935 behördlich geschlossen«, heißt es im Juni 1936 im Jahresbericht der Hochschule. Ein Jahr zuvor, am 7. Juli 1935, verkündete die Zeitung Niederdeutscher Beobachter: »Arendsee wird judenrein.« In der Nacht vom 20. auf den 21. Juli wurden die Fensterscheiben der Villa zertrümmert.

Autoren wie Alexander Schacht, dem Heimatforscher Jürgen Jahncke und dem FAZ-Redakteur Axel Wermelskirchen ist es gelungen, die Geschichte des Hauses zu rekonstruieren, das 1935 der »Goebbels-Stiftung für Bühnenschaffende in der Reichstheaterkammer« überlassen wurde. Betreiber Alfred Brendel schrieb 1938 über die umfangreiche Hausbibliothek: »Auf dem Boden in der alten Bettenkammer haben wir ungefähr anderthalb Zentner richtiggehende Judenschwarten liegen, sollen die noch aufbewahrt werden oder der Schule zur Altwarenverwertung übergeben? Auch alte Bilderrahmen mit den Fotos von den Gaunern, die dieses Schloss erbaut, kurzum alle solche Sachen, die in unsere Weltgeschichte nicht mehr passen.« Dazu die handschriftliche Randbemerkung: »Rahmen aufbewahren, Fotos vernichten.«

Wermelskirchen fand eine Bescheinigung der Goebbels-Stiftung, die der Grabstätte von Mathilde und Wilhelm Hausmann im Park des sogenannten Judenschlosses galt: »Ich erteile hiermit der Israelitischen Gemeinde in Rostock meine Zustimmung zwecks Entfernung der Grabpyramide der Eheleute Hausmann.« Der Geschäftsführer der Goebbels-Stiftung brüstete sich, das Haus für »sage und schreibe RM 20.000 erworben« zu haben, »das einen Wert von RM 1.500.000 repräsentiert.«


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