Projekt

»Gigantische Aufgabe«

Nach 45 Jahren Arbeit beendet Rabbiner Adin Steinsaltz seine hebräische Talmud-Übersetzung

11.11.2010 – von Sue FishkoffSue Fishkoff

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Konventionen Ein großer Teil des Talmudstudiums besteht darin, sich durch die begleitenden rabbinischen Kommentare zu arbeiten, die einerseits durch die Texte führen sollen, andererseits aber den Studierenden, der mit der Lektüre beginnt, in äußerste Verwirrung stürzen. Der Übersetzung des ursprünglichen Textes fügte Steinsaltz seine eigenen Kommentare auf Hebräisch bei. Die Kritik an Steinsaltz in bestimmten orthodoxen Kreisen rührt auch daher, dass er überlieferte Konventionen änderte und seine Kommentare jetzt den Platz einnehmen, der traditionell für Raschi, den überragenden Talmudkommentator, reserviert war. Steinsaltz fügte gewissen Tosafot neue Bemerkungen oder Kommentare an und änderte in seiner Übersetzung das tradierte Layout und die übliche Paginierung.

»Auch wenn es scheint, als ginge es hier nur um einen Streit um Formalien, empfinden viele sein Vorgehen als unangebracht«, sagt Rabbi Avi Shafran, Sprecher der ultraorthodoxen Organisation Agudath Israel of America. David Kraemer, Talmud-Professor am Jewish Theological Seminary, hingegen sieht darin kein Problem. Das Seitenformat des Talmud sei erst mit der Erfindung des Buchdrucks festgelegt worden, in den handschriftlichen frühen Manuskripten habe es ein solches überhaupt nicht gegeben.

»Jede Übersetzung ist eine Interpretation«, sagt Kraemer. »Um den Talmud sowohl wortgetreu als auch sinngemäß zu übersetzen, muss man kommentieren und das heißt: interpretieren. Ich kritisiere das in keiner Weise – alles Lesen und Kommentieren besteht daraus.«

Steinsaltz’ hebräischer Talmud ist nicht die einzige moderne Übersetzung. Kurz nachdem er sein Projekt in Gang gesetzt hatte, begann ein Team orthodoxer Gelehrter mit einer englischen Übersetzung. Veröffentlicht von ArtScroll, wird der englischsprachige Babylonische Talmud der Schottenstein-Edition heute von Studenten auf der ganzen Welt verwendet. Das ArtScroll-Team hat 63 von 73 Bänden seiner hebräischen Übersetzung bereits abgeschlossen; im Juni 2012 soll der vollständige Text vorliegen. Einige Traktate sind auch auf Französisch erhältlich.

»Manches deutet darauf hin, das dieses Projekt auch in Reaktion auf Steinsaltz ins Leben gerufen wurde«, meint Blau zu den Art-Scroll-Übersetzungen. »Ein Komitee wurde dafür von gewissen Teilen der orthodoxen Gemeinde beauftragt.«

»Ich möchte, dass die Menschen sich mehr mit jüdischem Lernen und Wissen beschäftigen. Wenn es Hunderttausende tun, wird die Erde beben«, sagt Steinsaltz. »Jüdisches Lernen heißt, sich selbst zu kennen. Es wird durch Juden geschaffen, und ebenso erschafft es die Juden. Wenn man lernt, lernt man etwas über sich selbst. Von daher entspricht das Studium einer Seite des Talmuds zwei oder drei Sitzungen bei einem Psychoanalytiker. Jüdisches Lernen ist ein Spiegel unserer Seele.«


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