Fussball

Das Gebrüll der Löwen

Der TSV 1860 München hat lange Zeit über seine NS-Vergangenheit geschwiegen. Jetzt wird der Klub 150 Jahre alt – und beginnt mit der Aufarbeitung

26.08.2010 – von David SchelpDavid Schelp

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Es war bestimmt 15 Grad zu kalt für die Jahreszeit. Doch an diesem Samstag Ende Juli kümmerte das die Menschen nicht. Sie feierten. Sie feierten ihren Verein, sie feierten ihr Viertel, sie schwenkten weiß-blaue Fahnen und sangen »Giiieeee – sing! Giiieeee – sing!«, den Namen des Arbeiterstadtteils, in dem das Grünwalder Stadion steht. Die Heimat, das altersschwache Herz eines Mythos: des Turn- und Sportvereins München von 1860, kurz TSV 1860 München. Der TSV ist das München auf der anderen Seite der Isar, weit weg von Marienplatz, Dallmayr und Englischem Garten. Er ist der Verein der kleinen Leute, die mit Münchner Schickeria nichts am Hut haben und den übermächtigen Lokalrivalen FC Bayern München so sehr verachten, dass sie seine Niederlagen überschwänglicher feiern als die eigenen Siege. Er ist der Verein, der den Menschen von Giesing eine Identität gibt, etwas, auf das sie stolz sein können. Seit 150 Jahren.

Jubel Mehr als 12.000 »Löwen«, so nennen sich der Verein und seine Anhänger auch, kamen an diesem Samstag ins Grünwalder Stadion zum Jubiläumsspiel gegen Borussia Dortmund. Auch Anton Löffelmeier stand auf einer der Tribünen. Ein zurückhaltender, hochgewachsener Mann. Die Geschichte des Vereins kennt vermutlich niemand besser als er. Löffelmeier ist nicht nur überzeugter »Löwe«, er ist auch Historiker. Bei all dem Jubel ums 150-Jährige empfindet er neben Freude auch Unbehagen. Seit 20 Jahren arbeitet Löffelmeier im Münchner Stadtarchiv, und er hat recherchiert, wie sich der TSV 1860 verhalten hat, als München unter der Nazi-Herrschaft noch »Hauptstadt der Bewegung« genannt wurde. Er fand heraus, dass der Verein zwischen 1933 und 1945 tief ins nationalsozialistische System verstrickt war. Kein anderer Münchner Sportklub habe sich den neuen Machthabern »derart massiv angedient« wie 1860, schreibt Löffelmeier in seinem Buch Die Löwen unterm Hakenkreuz. Fast nirgends in der Liga hätten so viele NSDAP-Leute auf den Tribünen gesessen wie im Grünwalder Stadion. Lange vor der »Machtergreifung« sympathisierten vor allem junge Vereinsmitglieder mit der aufkommenden Nazibewegung.

Uniform Bei seinen Recherchen stieß Löffelmeier auf Männer wie Fritz Ebenböck, der 1934 für einige Monate Präsident des TSV 1860 war. Ein überzeugter Nazi, seit 1922 NSDAP-Mitglied und Anführer einer Münchner SA-Einheit, die 1923 am Hitler-Putsch beteiligt war. Er stieß auf Männer wie Sebastian Gleixner, der ab 1941 die Fußballabteilung des Klubs leitete. Auf Versammlungen zeigte Gleixner sich gerne in seiner braunen SA-Uniform, den Revolver am Gürtel. Und auf Männer wie Emil Ketterer, der von 1936 bis 1945 Vereinsvorsitzender war. Ein Mediziner und leidenschaftlicher Verfechter der Euthanasie. Nach 1933 schafften sie es rasch an die Spitze des Vereins. Wie es den jüdischen Mitgliedern des TSV in der NS-Zeit ergangen ist, konnte Anton Löffelmeier nur zu einem kleinen Teil herausfinden. »Es waren wohl nur wenige«, sagt er. Zu ihnen gehörte Julius Gerstle, einer der besten leichtathletischen Sprinter im damaligen Deutschland. Er konnte 1938 rechtzeitig in die USA flüchten, 1964 kehrte er aus dem Exil zurück. Ein anderer war der Kaufmann Emil Katz. In seinem Giesinger Geschäft gewährte er allen Vereinsmitgliedern fünf Prozent Rabatt auf Sportbekleidung, das verraten alte Zeitungsannoncen. Mit Richard »Little« Dombi hatte der TSV noch 1928 einen jüdischen Trainer. Allerdings nur für ein Jahr. Ob er die »Löwen« wegen seiner jüdischen Herkunft und eventueller Schmähungen verließ, hat Löffelmeier nicht herausgefunden.


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