Interview

»Man kann keine Ehrfurcht vor dem Bösen haben«

Ferdinand von Schirach über Strafverteidiger, Verbrechen, Schuld und Nazitäter

12.08.2010 – von Philipp Peyman EngelPhilipp Peyman Engel

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Herr von Schirach, Sie sind als Strafverteidiger seit Jahren mit menschlichen Abgründen konfrontiert. Wird man da nicht zwangsläufig zum Zyniker?
Zynismus ist keine gute Haltung, er macht die Welt klein und hässlich. Der Beruf bewirkt eher das Gegenteil: Er lässt mich die Dinge vielschichtiger sehen. Ich denke mehr über den Menschen nach. Ich urteile weniger, ich betrachte mehr. Meine Haltung ist die eines interessierten Zuschauers, »verhaltenes Mittun« nannte Schopenhauer das.

Der Glaube an die Menschheit ist Ihnen trotz allem nicht abhandengekommen?
Nein, der Mensch ist wunderbar und schrecklich zugleich. Er konnte Opern wie »Figaros Hochzeit« komponieren, Bücher wie Tolstois »Krieg und Frieden« schreiben und Klavier spielen wie Glenn Gould. Der Mensch kann aber eben auch die schlimmsten Dinge tun.

Halten Sie es für möglich, selbst zum Verbrecher zu werden?
So wie jeder andere auch, ja. Menschen, die in der Strafjustiz arbeiten, sind vielleicht etwas weniger gefährdet – sie wissen über die Folgen genau Bescheid. Ich kenne den Ermittlungsrichter, vor dem ich stehen würde. Das Vermögen, ein Verbrechen zu begehen, steckt in jedem von uns, wir alle sind mögliche Straftäter. Es ist die Situation, die das Verbrechen gebiert. Wir tanzen auf einer dünnen Schicht aus Eis, und manchmal bricht sie.

Ist das der Grund dafür, dass so viele sonst durch und durch friedliche Bürger geradezu süchtig sind nach blutrünstigen Kriminalromanen?
Ich glaube, es ist eine Stellvertretergeschichte. Nicht wir, sondern ein anderer begeht das Verbrechen. Wir liegen unter der warmen Bettdecke, sehen uns das im Fernsehen an oder lesen einen Krimi und können uns ein wenig gruseln. Das ist ungefährlich, aber aufregend. Das Gegenteil unseres normalen Lebens. Wer hat sich nicht einmal einen ganz perfekten Bankraub oder den perfekten Mord überlegt? Unsere eigene Welt ist meistens ziemlich langweilig, alles ist festgelegt. Schon wenn man morgens in die S-Bahn einsteigt, gibt es 20 Verbotsschilder. Alles in unserem Leben scheint verboten. Sie dürfen nicht rauchen, nicht die Fenster öffnen oder die Fenster schließen. Sie müssen den Müll trennen, sich anschnallen, bei Rot halten und dürfen nur an bestimmten Stellen parken. Bis die meisten von uns an ihrer Arbeitsstelle morgens angekommen sind, mussten sie 100 Ge- und Verbote beachten.

Der Verbrecher hingegen kümmert sich nicht um all diese Vorschriften.
Ja, er ist frei, so kommt es uns vor. Er ist zügellos. Das fasziniert uns. Wir wissen, dass er scheitert, wir sehen ihm dennoch gerne zu. Ich hatte mal einen Mandanten, der wegen Mordes angeklagt war. Er saß in einer Verhandlungspause hinter der Panzerglasscheibe im Gerichtssaal und zündete sich eine Zigarette an. Er hatte eine lange Haftstrafe zu erwarten und befand sich bereits sieben Monate im Gefängnis. Der Wachtmeister lief auf ihn zu und sagte: »Sie dürfen hier nicht rauchen.« Mein Mandant antwortete: »Was wollen Sie machen? Mich verhaften?«


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