Porträt der Woche

»Ich mag diesen Wechsel«

Costa Bernstein ist bildender Künstler, Webdesigner – und arbeitet mit Behinderten

12.08.2010 – von Annette KanisAnnette Kanis

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Alle zwei Wochen wird es bei mir im Atelier voll. Dann kommen sechs bis acht Familien, Eltern mit ihren erwachsenen Kindern. Als Angebot der Gemeinde biete ich eine Kreativgruppe für psychisch und geistig behinderte Menschen an. Die Eltern sitzen in einer Ecke am Tisch und unterhalten sich, während ich mit den jungen Erwachsenen arbeite. Mal gebe ich Themen vor, mal ein Material, dann arbeiten wir wieder ganz frei. Ich verstehe die Zeit nicht als Kunstunterricht oder -therapie, sondern versuche vielmehr, die Menschen ein wenig von den Schwierigkeiten im Alltag zu befreien.

Die Familien bringen immer etwas mit. Der Tisch ist dann voll mit schönen Sachen. Manchmal malen wir zwei Stunden, dann essen wir, und danach machen wir weiter, zum Beispiel mit Ton. Unsere Pläne sind groß. Dieses Jahr ist eine Ausstellung in der Galerie der Heusenstamm-Stiftung in Frankfurt am Main geplant. Und wir möchten gerne einen Stand beim WIZO-Basar im Dezember gestalten.

Kreativgruppe Früher waren die Familien sehr isoliert. Ich denke, bei den Beteiligten war zuallererst das Interesse an Gesellschaft da, der Wunsch, mit anderen zusammen zu sein und gemeinsam etwas zu tun. Die Kreativgruppe bietet dazu Gelegenheit. Daneben habe ich seit vergangenem Sommer eine Drittelstelle im Jüdischen Psychotherapeutischen Beratungs- zentrum, wo ich in einem Team mit Psychotherapeuten vor allem zu Erziehungsfragen arbeite. Heute Vormittag war ich dort. Vor 20 Minuten bin ich zurückgekommen in mein Studio. Das ist mein Ort und mein Platz, wo ich mich entwickle und meine Kunst mache. Der Raum befindet sich in einem Atelierhaus des Kulturamts der Stadt Frankfurt.

Vor Kurzem lief eine Ausstellung von mir in der Galerie »Das Bilderhaus«. Ich habe wochenlang darauf hingearbeitet. Es wurden Bilder und Skulpturen gezeigt. In meiner Kunst arbeite ich viel mit alltäglichen Sachen. Sie entsteht aus Erlebnissen, vielleicht brauche ich deswegen auch meine Nebentätigkeiten. Eigentlich mache ich realistische Dinge. Natürlich sind sie bearbeitet, aber hinter jedem Bild steckt eine Geschichte, die ich erlebt habe.

Oft trage ich einen Block bei mir, wenn ich unterwegs bin. Ich zeichne draußen eine Szene, wenn ich zum Einkaufen gehe, dann nehme ich auch mal den Zettel mit der Einkaufsliste. Im Atelier bearbeite ich das dann weiter, viel mit Collagen. Skulpturen sind bei mir neu. Eigentlich fing das durch die Arbeit mit der Kreativgruppe an, weil wir hier viel mit Ton machen.

Gefühle Durch die Treffen der Kreativgruppe habe ich eine Menge gelernt. Ich glaube, dass diese Menschen sehr authentisch sind, echte Gefühle zeigen. Sie sagen direkt, was sie denken. Sie verstellen sich nicht, haben keine Masken. Und ich sehe, wenn sie sich freuen, dann freut sich der ganze Mensch. Die Freude geht nach draußen, der Kontakt ist direkter als mit anderen Menschen, glaube ich, und echter. Das mag ich sehr.

Daneben mache ich noch Web- und Grafikdesign. Diese Welt ist wieder ganz anders. Das sind klare Sachen mit einem Anfang und einem Ende. Da gibt’s einen Auftrag, und der soll in einer bestimmten Zeit und für bestimmtes Geld ausgeführt werden. Das ist festgelegt und klar umrissen. Mit den Bildern und Skulpturen bin ich selten endgültig und zu hundert Prozent sicher. Deswegen habe ich auch zu Hause keine Bilder von mir, weil ich sonst immer etwas verändern wollte. Mit dem Webdesign fühle ich mich wohl, aber zu lange will ich da auch nicht bleiben.

Ich mache vieles gleichzeitig, aber ich mag diese Abwechslung. Ich glaube, die drei Sachen und die Familie als viertes Großes bereichern einander. Ich hatte Zeiten, in denen ich nur gemalt habe. Dann gab es Phasen, wo ich nur als Grafiker gearbeitet habe. Der Zustand jetzt gefällt mir am besten, weil es diesen Wechsel gibt. Wenn ich mich zu viel nur mit meiner Kunst beschäftige, dann muss ich raus, Menschen sehen, etwas erleben. Durch die Arbeit im Sozialbereich habe ich diesen Kontakt. Und auch bei den grafischen Aufträgen. Und dann gibt es natürlich meine zwei Kinder, elf und knapp vier Jahre alt.


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