Biografie

Ein Leben im Zwischenraum

Mehr als 60 Jahre lang wohnte Margot Friedländer in den USA. Jetzt kehrt sie nach Berlin zurück – ihrer Heimatstadt, aus der sie von den Nazis vertrieben wurde

01.04.2010 – von Thomas LackmannThomas Lackmann

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Irgendwo ist jetzt Tag, irgendwo Nacht. Runtergezogene Rollos, unser schwebender Zwischenraum brummt diffus vor sich hin. Wir sind nicht mehr dort, noch nicht da. »Ich sitze so gern am Fenster«, sagt Margot Friedländer. Aus der Tiffany-Tüte neben ihr blinzelt Stofftier-Welpe Neustadt, ein Geschenk von einer Autorenlesung in Schleswig-Holstein. Geschlafen habe sie nicht, nur gedöst. Früher habe sie vorm Fliegen große Angst gehabt. Von ihrer ersten Europareise war Margot Friedländer deshalb per Schiff nach Amerika zurückgekehrt. Damals lebte noch ihr Mann Adolf. An einen Stopover in Deutschland war nicht zu denken.

Landung Begonnen hatte der Countdown des außergewöhnlichen Fluges am Samstag zuvor in New York. Von Queens war Friedländer nach Brooklyn gefahren, wo der deutsche Regisseur lebt, mit dem sie befreundet ist. Er hat vor sechs Jahren eine Dokumentation über ihre Geschichte gedreht; jetzt soll aus dem, was aktuell passiert, eine Fortsetzung entstehen. Aber der dickste Sturm seit 60 Jahren zieht auf. Der Kameramann schafft es wegen U-Bahn-Ausfall nicht bis Brooklyn. Das Flugzeug, mit dem aus Berlin ein Zeitungsreporter hinzustoßen soll, setzt taumelnd zur Landung an, startet kurz vorm Bodenkontakt wieder durch. Manchmal muss man bereit sein, in letzter Sekunde einen Rückzieher zu machen. Für Margot Friedländer gibt es diese Option eigentlich nicht.

Am Sonntag landet der Reporter dann doch noch in New York. »Wir sind alle kaputt«, sagt Margot Friedländer, als sie im siebten Stock die Tür öffnet. Ihr Appartement in Queens sieht aus wie eine Messie-Höhle. Die Abschiedsparty im Villen-Vorort Westchester kann nicht bei der Cousine stattfinden, wo ein Baum aufs Auto gestürzt und noch Stromausfall ist, sagt die 88-Jährige. Sie steigt zum letzten Mal in ihren Honda. »Ich fahre gern, es entspannt mich.« Sie hupt häufig und telefoniert. In Westchester liegen Riesenbäume entwurzelt überm feinen Rasen.

I am a Berliner Im Haus von Gabi, die als Reiseagentin mal ihre Kollegin war, gibt es Bagel, Gurken, Kuchen, zuletzt ein Schlückchen Sekt. Drei Paare, mehr oder weniger jüdisch. Akademiker, Künstler, herzlich distanziert. Und das Filmteam ist da. »Margot geht zurück, aber hier ist doch ihre Heimat – ist sie wirklich amerikanisiert?«, fragt der Künstler. »Definitely not«, sagt Friedländer. »Deutsch auch nicht. Ich bin international. I am a Berliner.«

Am Montag wird es ernst. Sie entscheidet, den ganzen Tag lang mitten im Gewühl, was für die Kartons, was für die Koffer, was für den Müll bestimmt ist. Die La- tino-Packer von International Shipping NY verbreiten therapeutische Beruhigung. Möbel, Bücher, Kleider und Bilder verschwinden in klebebandumschnürten Kartons. Der Korridor füllt sich mit numerierten Pappkisten, auf denen Friedlander steht, Freidland oder der Name des Aussiedlerlagers Friedland. Zwischendurch streckt sie sich, mitten im Getümmel, auf den Liegesessel. Die Packer erzählen, dass Israelis am häufigsten umziehen. »Sie sind auch jüdisch?«, fragen sie. »Ja«, antwortet Margot Friedländer, »aber ich kann kein Hebräisch.« Der Korridor, ein düsterer Transit-Schlauch, steht jetzt voll mit all dem, woran sie hängt. Es ist dunkel, als sie mit dem Filmteam das polnische Restaurant »Just like Mother’s« am Queens Boulevard aufsucht. Dafür hat sie sich in ein orangefarbenes Kleid geworfen. Sie kann sich nicht hängen lassen. Auch Wegwerfen fällt ihr schwer. Das halbe Schnitzel lässt sie einpacken.

Siebter Stock Sie hat hier 46 Jahre gern gewohnt. Der Blick auf den Friedhof habe sie nie gestört; nur kurz, nachdem 1997 ihr Mann gestorben war. Anfangs hatten sie zwei Jahre möbliert in Manhattan gewohnt, damals füllten ihre Kleider kaum einen Schrank; dann zogen sie nach Queens, und nach elf Jahren hierhin, siebter Stock. Er führte dem jüdischen Kulturzentrum »92nd Street Y« die Geschäfte. Sie hat sich untergeordnet. Er wollte nie über früher reden. Wollte nie nach Deutschland. Die letzten zwei Jahre war er blind. »Ein guter Mann«, sagt sie. Dass der Friedhofsblick mehr als Zufall gewesen sein könnte, ist für sie kein Thema.


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