Rente

Frau Grünwald und das deutsche Recht

Seit Jahren kämpfen Schoa-Überlebende um die Anerkennung ihrer Arbeit im Ghetto

25.03.2010 – von Nina SchulzNina Schulz

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Ganz Jerusalem liegt unter einer Dunstglocke. Es ist der Tag der Anhörung von Bella Grünwald. Vom weitläufigen Balkon des King-David-Hotels sind selbst die massiven antiken Mauern der gegenüberliegenden Altstadt kaum zu erkennen. Das altehrwwürdige Fünf-Sterne-Haus im Herzen der Heiligen Stadt wirbt damit, dass hier schon sehr oft Geschichte geschrieben wurde.

Heute ist Bella Grünwald im King David. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Ein wenig verloren wirkt die über 80-jährige Frau hier . Die orthodoxe Jüdin trägt einen grün-schwarz karierten langen Rock mit dazugehörigem Sakko, unter dem ein Spitzenkragen hervorragt. Ihr Haar ist von einem Samttuch bedeckt. Bella Grünwald ist eine kleine Person. Bei der Suche nach dem richtigen Raum stützt sie sich mit der rechten Hand auf ihren Gehstock. Sie kommt in Begleitung ihres Sohnes.

wille Jan-Robert von Renesse, Richter am Landessozialgericht im nordrhein-westfälischen Essen, hat Bella Grünwald in den Oak Room des Hotels geladen. Frau Grünwald hat Auschwitz überlebt. Heute will der deutsche Richter von ihr hören, ob sie in Ungarn in einem Ghetto war. Ob sie dort »aus eigenem Willensentschluss« gearbeitet hat, wie lange, und ob ihre Tätigkeiten entlohnt wurden. Das allein ist für den Rentenanspruch entscheidend, nicht das Ausmaß ihrer Verfolgungsgeschichte.

Warum die Anhörungen in Israel stattfinden, erläutert Richter von Renesse. »Für die Kläger ist es mühsam, nach Deutschland zu fahren. Aus gesundheitlichen Gründen und, weil sie dort zu viel an früher erinnert. Dann fährt der Richter eben dorthin, wo die Menschen leben«, erläutert er. Schließlich sei es der Kern eines jeden Gerichtsverfahrens, mit den Menschen zu sprechen, um die es geht. »Für mich ist kein rechtlich tragfähiger Grund ersichtlich, warum man gerade bei jüdischen Verfolgten eine Ausnahme machen sollte«, betont von Renesse.

In der Bundesrepublik finden die Verfahren in der Regel ohne die Klagenden statt. Hier in Israel aber sind sie zugegen. Bella Grünwald, um die es heute geht, ist mit der Anwesenheit zweier Journalistinnen einverstanden. Auch Frau Glezer, um die es am nächsten Tag in Tel Aviv geht, hat nichts gegen die Presse. Aber der Vertreter der Rentenversicherung Rheinland, die bis Juni letzten Jahres 95 Prozent der Anträge auf eine Ghettorente von Israelis abgelehnt hat, ist dagegen. In Jerusalem dürfen die Journalistinnen schließlich im Raum bleiben, in Tel Aviv nur bei der Anhörung der Zeugen.

erinnerung Im King David in Jerusalem übersetzt die Dolmetscherin, was Bella Grünwald auf Hebräisch sagt: »Man muss meine Kräfte berücksichtigen. Meine Kräfte sind beschränkt.« Richter von Renesse lehnt sich nach vorne, nickt der Klägerin wohlwollend zu und fordert sie auf zu erzählen. Bella Grünwald ist anfangs nicht klar, worüber genau sie berichten soll und vor allem, ab wann. Sie reckt ihre schmale linke Hand in Richtung des Richters und betont: »Ich kann keine Spitzfindigkeiten. Das ist mir fremd.«

Dann erzählt Bella Grünwald. Wie der Bürgermeister der ungarischen Stadt Tab Mädchen ausgewählt hat, die arbeiten sollten. Dass sie eine prächtige Stadtverwaltung bauen sollten. An Schachtgruben erinnert sie sich und an ein kleines Taschen- geld. Und an ihren Transport nach Auschwitz. Doch dem Richter geht es an diesem Tag vor allem um das Ghetto. Sie stampft mit dem Gehstock auf und macht heftige Handbewegungen: »An alles erinnere ich. Ich würde mich gerne so gut an heutige Dinge erinnern wie an Dinge von damals.«


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