Spuren

Irrfahrt einer Paradiesszene

Geht mit Franz Marcs „Kleinen blauen Pferden“ der Streit um die Rückgabe von Kunst in die nächste Runde? Auf den Spuren eines berühmten Bildes

07.12.2006 – von Thomas LackmannThomas Lackmann

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von Thomas Lackmann

1911 wird sein Jahr des Umbruchs. Er wolle, schreibt Franz Marc, mit der Malerei „wie ein Kind“ wieder ganz von vorne anfangen: „Vor der Natur mit drei Farben und ein paar Linien meinen Eindruck zu geben, und dann hinzutun an Formen und Farben, wo es der Ausdruck fordert.“ Die Komposition des bahnbrechenden Gemäldes entwickelt sich aus kreisenden Grundformen. Körper der Kreaturen schwingen mit der Landschaft, die Landschaft schwingt mit ihnen. Wogende Farbfelder, feierliche Natur, Sehnsucht nach Ursprung und Unschuld: „Die kleinen blauen Pferde“, Öl auf Leinwand, 61 mal 101 Zentimeter. Der Rest ist Kunstgeschichte.
Am 6. August 1914 meldet Marc sich zum Kriegsdienst. Am 6. Dezember 1915 notiert er: „Ich hab’ in diesen Tagen auch einen so merkwürdigen, aufregenden Pferdetod erlebt. Das schönste, feurigste und dabei frömmste Pferd der Kolonne, ein wundervoller, starknacki- ger Schimmel, ein richtiges Pegasuspferd der Sage, ist plötzlich an einer Blinddarmentzündung gestorben. Die letzten 2 Stunden hatte es große Schmerzen, stöhnte und seufzte wie ein Mensch, den man aus einem lebhaften Traum aufrüttelt. Kurze Minuten drauf lag ein plumper, häßlich verfallener Pferdeleib vor mir – der Pegasus war fort, man hatte nur die irdisch stinkenden Reste vor sich, die man eingraben ließ.“ Am 4. März 1916 schreibt er seiner Frau Maria: „Sorg’ Dich nicht, ich komm schon durch, auch gesundheitlich. Ich fühl mich gut und geb’ schon acht auf mich.“ Am Nachmittag des Tages trifft ihn auf einem Erkundungsritt ein Granatsplitter.
Vom Kriegstod des 36jährigen sind die pathetischen Deutungen seines Werkes kaum zu trennen. Sakrale Botschaften, die in Marcs animalische und abstrakte Szenarien hineininterpretiert werden, überhöhen sein tragisches Ende am Rande der Schlacht von Verdun. Seine paradiesischen Visionen haben viele Deutsche mit der modernen Malerei ihres schlimmsten Jahrhunderts versöhnt. Soll ausgerechnet dieser Tröster nun mit einem seiner berühmtesten Gemälde ins Restitutionsräderwerk geraten, spekulativ mißbraucht von Museen, Erben, Anwälten, Auktionshäusern, Sensationsjournalisten? Falls seine „Kleinen blauen Pferde“ auf den wilden Markt gejagt werden, könnte sich die zuletzt um Kirchners „Straßenszene“ aus dem Berliner Brücke-Museum inszenierte Erregung wiederholen. Krisenmanager bauen deshalb vor: Anfang der Woche hat die Jewish Claims Conference mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann über Raub- und Fluchtkunst konferiert. Kommenden Montag veranstaltet Neumanns Behörde zum Thema „Jüdische Mäzene in der deutschen Gesellschaft“ ein Berliner Symposium.
Der Erfurter Schuhfabrikant Alfred Hess, derzeit bekannt als Ex-Besitzer der „Straßenszene“, hatte auch Franz Marcs „Die kleinen blauen Pferde“ erworben, irgendwann vor 1927: für seine einmalig schöne Expressionisten-Sammlung. Hess, Jahrgang 1879, hatte sich, verändert aus dem Weltkrieg zurückgekehrt, entschlossen, „in der neuen Zeit zu leben, die neue Kunst zu verstehen und ihr zu helfen“. Er unterstützt die junge Republik, tritt der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bei, spendet für die Rettung des Weimarer Bauhauses. Er finanziert Ankäufe städtischer Museen, macht Erfurt zu einem Zentrum zeitgenössischer Kunst. Nach 1918 hatte Hess Eichenbuffet und Jugendstilbilder aus seiner Villa verbannt. Nun gibt es ein „Marc-Zimmer“ mit blauer Decke und gelben Wänden.
Rund 80 Gemälde zählt die Sammlung des Alfred Hess und seiner Frau Thekla, darunter sieben von Marc. Das illustrierte Künstlergästebuch der Familie zeigt Dokumente eines eindrucksvollen Mäzenatenlebens. Max Pechstein, Lyonel Feininger, Otto Mueller, Karl Schmidt-Rottluff, Paul Klee, Emil Nolde haben sich da verewigt, auch Kurt Weill, Lotte Lenya, Martin Buber, das Ehepaar Hindemith. Dieses bunte Danksagungsbuch stehe, so formuliert Sohn Hans Hess drei Jahrzehnte später, als Beweis dafür, „daß die bleibenden Werte der Kunst die schlimmsten Zeiten überdauern und auf ihr Recht, in die Geschichte einzugehen, nicht verzichten“.
1931 stirbt Alfred Hess, seine Fabrik macht Bankrott. 1933 gibt das Erfurter Anger-Museum – vier Jahre später wird es mit 765 beschlagnahmten Kunstwerken eines der durch die Aktion „Entartete Kunst“ meistbetroffenen Häuser sein – „Die kleinen blauen Pferde“ und andere Leihgaben an Tekla Hess zurück. Einige Gemälde hatte die Witwe vor 1933 in momentaner Zahlungsnot an Familienmitglieder oder Ex-Direktoren ihrer Firma abgetreten. Nun zieht sie mit der Sammlung, die sie für Hans, den Alleinerben, verwaltet, zunächst an ihren bayerischen Geburtsort. Hans Hess muß seinen Arbeitsplatz beim Ullstein-Verlag aus „rassischen Gründen“ im Sommer 1933 verlassen, emigriert nach Paris, später nach London. Thekla Hess lebt in Ascona, reist manchmal nach Deutschland. Ihr Brief vom April 1939 an das Kunsthaus Zürich begründet ihre Bilder-verkäufe seit 1933: Es bedeute ihr viel, „diese schönen Sachen noch draußen zu haben – denn aus Deutschland habe ich gar nichts mehr gerettet, es ist mein ganzer Besitz, von dem ich leben muß“. Zwar gehören ihr Anteile einer erst 1939 liquidierten Grundstücksgesellschaft, doch frei darüber verfügen darf die jüdische Emigrantin nicht.
Im Oktober 1933 wird das Bild „Die kleinen blauen Pferde“ in der Kunsthalle Basel gezeigt: „Moderne deutsche Malerei aus Privatbesitz“. Im Juni 1934 treffen beim Kunsthaus Zürich 58 Gemälde und andere Kunstwerke aus der Sammlung Hess ein, versichert für 170.000 Franken. Bis 15. Juli zeigt das Kunsthaus „Neue deutsche Malerei“. Hier entscheidet sich der Berliner Sammler Max Lütze für „Die kleinen blauen Pferde“. Marc-Bilder hatten in den zwanziger Jahren schon mal fünfstellige Summen gebracht. Lützes Preis zu Deflationszeiten von 8.000 Reichsmark entspricht dem Jahresgehalt eines Ministe- rialrats und soll, nach Vermerken des Käu- fers, real geflossen sein: 5000 an Frau Hess, 3000 an die Galerie Thannhäuser. Im April 1935 beauftragt Thekla Hess das Kunsthaus, die (bereits verkauften?) „Kleinen blauen Pferde“ an Thannhäuser in Berlin zu schicken. Bei der Marc-Gedächtnisausstellung der Kestner-Gesellschaft erscheint das Bild 1936 in Hannover, erstmals unter dem Namen seines neuen Eigentümers Lütze. Der Ingenieur, geboren 1889, begeistert sich mit seiner Frau Erna, einer Pianistin, seit 1931 für neue Kunst. Abstraktes, Exaltiertes mag er allerdings nicht. Er ist befreundet mit dem Sohn des jüdischen Galeristen Thannhäuser und, wie vormals Alfred Hess, der DDP zugetan. Der NSDAP soll er nicht angehört und sich nach dem Pogrom von 1938 mit der Einladung Linientreuer zu musikalischen Salons in seine Zehlendorfer Villa zurückgehalten haben: wegen „entarteter Kunst“ an den Wänden. Sein Kleinod „Die kleinen blauen Pferde“ prangt dort über einem Bauhaussofa. Lütze unterstützt den verfemten Emil Nolde mit 500 Reichsmark Daueranzahlung auf seine Werke monatlich; als der NS-Diplomat Ribbentrop 1936 seinen Londoner Botschafterposten antritt und sich fürchtet, im Gepäck Noldes „Zitronengarten“ deklarieren zu müssen, kriegt der Künstler das Bild zurück. Lütze übernimmt es.
Trotz seines liberalen Kunstgeschmacks gehört der Stahlbetonexperte, seit 1933 im Vorstand des Baugiganten Wayss & Freytag, zur Funktionselite des NS-Systems. Seine Firma baut Betonwerke, Brücken, Autobahnen, Bunkerwerften für U-Boote – unter Mitwirkung von KZ-Häftlingen und anderen Zwangsarbeitern. Nach Kriegsende bezieht er eine Wohnung in der Frankfurter Konzernzentrale, dann ein Einfamilienhaus in Bad Homburg. Hier und dort grasen im Wohnzimmer überm Bauhaussofa „Die kleinen blauen Pferde“. 1963 firmiert das Bild in einer Marc-Ausstellung des Münchner Lenbachhauses als „Privatbesitz“. Dazu orgelt der Katalog-Text, ein 1945 im Luftschutzbunker verfaßter Aufsatz: Dieser Künstler könne „Jungen und Junggebliebenen unserer Zeit zu dem herzensmächtigen Pulsschlag verhelfen, der ihnen nötig ist, damit sie das Schicksal meistern und eine neue Ära menschlicher Existenz schaffen“. Seine „Animalisierung der Kunst“ zeige „Schöpfungsideen ... allem nur menschlichen Maß enthoben“. Es gehe seinen Tierbildern „um den Sinn des Seins, das Wissen um das Heil“. Im „Relativismus seiner Zeit“ habe Marc „die feste Achse einer planetarisch freien Existenz bereits gewonnen“.
Daß der 1968 in Hamburg verstorbene Lütze mit einem Gedenkband zum 100. Geburtstag und mit einer Max-Lütze-Medaille zur Künstler-Förderung geehrt wurde, verdankt der Kinderlose seinem Neffen Diethelm. Dieser eifert dem Onkel als Sammler nach. Vom Nachlaßverwalter Maria Marcs hat er eine Vorskizze zum berühmten „Turm der blauen Pferde“ (1913) erhalten. In dem Jubiläumsbuch heißt es, Max Lütze habe unter den Nazis „entscheidend zum materiellen und psychischen und somit auch zum künstlerischen Überleben“ bedrohter Künstler beigetragen. Er sei „mutig für die Verfemten“ eingetreten, habe mitnichten Spottpreise gezahlt. Das Bild „Die kleinen blauen Pferde“ sei sein wertvollstes Stück gewesen. Da er zu ausländischer Kunst keine Beziehung hatte, müsse „ihn die Tragik jener Künstler, die gegen die absurde Diffamierung auf ihrer deutschen und nordischen Herkunft und Wesensart beharrten, besonders berührt haben“. 1972 übergibt Diethelm Lütze Onkels Sammlung als Leihgabe der Staatsgalerie Stuttgart, die 1978, im Zuge einer Erbteilung, „Die kleinen blauen Pferde“ als Glanzstück erwirbt.
Für das Museum ist der Kauf ein Glücksfall. Die „tiefgreifende Zäsur“ der eigenen Geschichte beschreibt man auf der aktuellen Homepage so: „In den Zwanzigerjahren erworbene Werke fielen ausnahmslos der nationalsozialistischen Aktion „Entartete Kunst“ zum Opfer, und nur ganz wenige konnten nach dem Krieg zurückerworben werden.“ Das wiedergewonnene internationale Niveau sei ein Ergebnis gezielter Ankaufspolitik. Man besitze, freute sich Museumschef Christian von Holst anläßlich seiner Ausstellung „Franz Marc: Pferde“ im Mai 2000, mit den „Kleinen blauen Pferden“ und den „Kleinen gelben Pferden“ von 1912 „ein weltweit einmaliges, exemplarisches Bilderpaar für Marcs Ringen um einen neuen Inhalt der Kunst, um eine neue Ausdrucksqualität von Farbe und Form“. Ein besserer Ort für eine solche Schau sei nicht vorstellbar, zumal Stuttgart seinen Namen von einem mittelalterlichen „Stutengarten“ ableite.
Eine „ideologische Vereinnahmung“ Franz Marcs war bereits 1980 vom Münchner Lenbachhaus, mit Blick auf den Katalogtext anno 1963, selbstkritisch gegeißelt worden. Doch Besitzergeschichten wurden damals nicht thematisiert. In Stuttgart schon gar nicht. Dort läßt Christian von Holst, seit 1994 Direktor der Staatsgalerie, selbst dem Washingtoner Abkommen zur Raub- und Fluchtkunst-Restitution (1998) und der deutschen Handreichung (1999), die den Museen eigene Recherchen empfiehlt, keine Taten folgen.
Als vor zwei Jahren ein Restititionsbegehren der Londoner Hess-Enkelin Anita Alpin ins Haus flattert, landet das Schreiben in der Ablage. Als der Nachfolger des pensionierten von Holst, Sean Rainbird, vor vier Wochen sein Amt antritt, wird er – gerade kulminiert die Aufregung um Kirchners „Straßenszene“ – mit der Altlast konfrontiert. Nun soll eine Historikerin den Weg der „Kleinen blauen Pferde“ exakt rekonstruieren. Zum „laufenden Verfahren“ verweigert Rainbird jeden Kommentar, wie auch Anita Alpins Berliner Anwalt Peter Schink. Der will eine Wiederauflage der Kulturkampf-Hysterie um die „Straßenszene“ vermeiden.
Der Deutungsstreit um Irrfahrten „verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes“ offenbart die Verdrängungsenergie guter Gewissen und die Halbwertszeiten spätgeborener Verantwortung. Soll gegen Rechtsansprüche einer Erbin jüdischer Herkunft, die auch noch Englands Kommunistischer Partei vorsitzt, der Krieg doch noch gewonnen werden? Sehnsucht nach Unschuld ... Das hätten wir Deutschlands philosemitischen Kunstfreunden kaum zugetraut. Man hat schon Pferde kotzen sehen: Das hat Franz Marc nicht verdient.

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