Lemberg

Oif jiddisch

Ukraine: Der 83jährige Boris Dorfmann führt Gäste aus aller Welt durch das jüdische Lemberg

24.08.2006 – von Andriy VovkAndriy Vovk

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von Andriy Vovk

„Sie stehen vor dem einstigen Konzentrationslager Janiv. Es war das größte Konzentrationslager in der Westukraine. Während des Zweiten Weltkrieges wurden hier rund 200.000 Juden vernichtet. Überlebt haben nur einige Dutzend der ehemaligen Häftlinge. Durch sie erfuhr die Welt von den blutigen Verbrechen der Nazis.“
So oder so ähnlich beginnt Boris Dorfmann seinen Stadtrundgang durch das jüdische Lemberg (Lemberg). Seit acht Jahren begleitet der 83jährige Besucher aus aller Welt zu wichtigen Stätten jüdischen Lebens in Vergangenheit und Gegenwart der heimlichen Hauptstadt der West-Ukraine. Das besondere dieser Exkursionen: Dorfmann ist der einzige in Lemberg, der auf Jiddisch durch die Stadt führt. „Unsere ganze Familie sprach Jiddisch. Ich habe diese Sprache sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen“, erläutert Dorfmann.
Geboren wurde der heutige Stadtführer in Moldau. Eines bourgeoisen Nationalismus beschuldigt, saß die Mutter 15 Jahre in Gefängnissen und Lagern in Sibirien, der Vater kam in einem Lager in Kasachstan ums Leben. Ein Grund, warum Dorfmann nie in die kommunistische Partei eintrat, obwohl seine Familie später rehabilitiert wurde. Nach Lemberg kam Boris Dorfmann Anfang der 50er Jahre, ein Jahr später heiratete er. Bis 1986 arbeitete er als Apotheker. Seine Frau unterrichtet im jüdischen Sprachzentrum Hebräisch. Der Sohn lebt in New York und die Tochter arbeitet in Lemberg als Pharmazeutin.
Beständig versucht Dorfmann, sein Jiddisch zu vervollkommnen. Er bezieht jiddischsprachige Zeitungen aus Polen, Rußland und anderen Ländern. „Das Jiddische ist eine tausend Jahre alte Sprache“, erklärt er. Sprachwissenschaftler beschreiben es als Dialekt des Deutschen, es gäbe aber auch solche, die Jiddisch als slawische Mundart betrachten. Es war die Sprache der Ostjuden, deren Zahl einst mit rund elf Millionen beziffert wurde. Der Stadtführer meint, von 1918 bis 1920 wären die Blütejahre des Jiddischen gewesen.
In dieser Zeit entwickelten sich vor allem Literatur und Kunst in dieser Sprache. Obwohl die Heilige Schrift in Hebräisch verfaßt ist, wäre für viele einfache Menschen das Jiddische die Sprache des religiösen Lebens gewesen. Aus seiner Sicht war Jiddisch eine elitäre Sprache, vergleichbar mit Latein.
Heute erfährt das Jiddische eine Art Wiedergeburt. An einigen deutschen Universitäten, darunter in Berlin und Potsdam, lernen Studenten Jiddisch. Weniger die Konversation sei Ziel des Unterrichts, als vielmehr der Zugang zur Mentalität, die mit dieser Sprache verbunden sei. Gerade diese Studenten gehören zu Dorfmanns Kundschaft. „Sie kommen mit ihren Professoren, um die Zentren der jüdischen Kultur zu besuchen und die Orte kennenzulernen, in denen man Jiddisch sprach“, sagt Dorfmann.
Daß Boris Dorfmann überhaupt Stadtführungen auf Jiddisch anbietet, hat sich zufällig ergeben. Vor acht Jahren wandten sich Wissenschaftler aus Lübeck an ihn und baten um ein Treffen. Er war einverstanden und die Lübecker kamen zu einer wissenschaftlichen Diskussion nach Lemberg. Später luden sie ihn nach Deutschland ein. Er reiste zu Vorträgen, lernte neue Menschen kennen, wurde wieder eingeladen. Die gewonnenen Freunde besuchten Lemberg und Dorfmann zeigte ihnen die mit jüdischem Leben verbundene Orte und Plätze. Der Kreis der Interessenten und somit die Zahl der Exkursionen wuchs. Bald schon interessierten sich nicht nur Deutsche, sondern auch Touristen aus Frankreich, der Schweiz, den USA und Israel für die jiddischsprachigen Stadtrundgänge.
Diejenigen, die kein Jiddisch verstehen, führt Dorfmann auch in deren Muttersprache durch die Stadt. Neben Jiddisch und Hebräisch beherrscht er Moldauisch, Rumänisch, Russisch und Deutsch. Auch ein wenig Englisch und Französisch spricht er. Im Durchschnitt dauert der Stadtrundgang mit dem Titel „Das jüdische Lemberg“ fünf bis sechs Stunden. Er beinhaltet Informationen zur Geschichte der Juden und zum heutigen jüdischen Leben in der Stadt.
Zu den historischen Plätzen, die Dorfmann zeigt, gehört die Ruine der ältesten Lemberger Synagoge, der „Goldenen Rose“, die 1585 erbaut wurde. An anderen Stellen kann er lediglich auf Gedenktafeln verweisen, die an die einstigen Synagogen erinnern. Heute gibt es noch zwei Synagogen in Lemberg, von denen eine dem religiösen Leben, die andere als jüdisches Kulturzentrum dient. „Die heutigen Lemberger Juden sind weniger religiös“, sagt Dorfmann mit Bedauern in der Stimme. Acht verschiedene jüdische Organisationen gibt es in der Stadt, kulturelle, wissenschaftliche, religiöse und Jugendorganisationen. Ein neues Gedenkzentrum ist entstanden und liegt genauso auf der Route von Dorfmanns Stadtrundgang wie lokale jüdische Presseorgane.
Eines der wichtigsten Ziele ist das Holocaust-Denkmal. „Nicht selten sehe in an diesem Ort Tränen in den Augen der Touristen“, sagt Dorfmann. In Lemberg selbst lebten vor dem Zweiten Weltkrieg cirka 140.000 Juden, heute sind es nur noch knapp 3000. Gleichsam beklemmend ist auch der Besuch der Bahnstation Klepariw. Von hier wurden zwischen 1941 und 1943 etwa 500.000 galizische Juden in die Gaskammern des weniger als 100 Kilometer entfernten Vernichtungslagers Belzec gebracht.
Das Konzentrationslager Janiv, ein weiterer Punkt auf Dorfmanns Route, befand sich unweit des Dorfes Lysenychy bei Lemberg. Es wurde im Oktober 1941 als Deportationslager angelegt, jedoch vernichteten auch hier die Nationalsozialisten grau sam Juden. Unter der Bezeichnung „Todes-Tango“ wurden Juden bei Orchestermusik erschossen und im nahegelegenen Steinbruch vergraben. 1943 wurden die noch im Konzentrationslager verbliebenen Juden gezwungen, die zunächst nur vergrabenen Leichen zu verbrennen, bevor das Lager geschlossen wurde. Die letzten Insassen wurden vernichtet, nur einer sehr kleinen Gruppe gelang es zu fliehen. 1994 wurde unweit des ehemaligen Konzentrationslagers ein Gedenkstein errichtet und man plant den Bau einer Gedenkstätte.
Werbung macht Dorfmann nicht. „Die Interessenten treten selbst an mich heran. Manche rufen mehrere Monate im voraus an.“ Einen konkreten Preis gibt es nicht. Jeder gibt das, was er für richtig hält. „Für mich ist es einfach interessant, mit den Menschen zu sprechen, die sich für die jüdische Geschichte interessieren. So entstehen neue Bekanntschaften, die häufig zu Freundschaft wachsen“, sagt Dorfmann.

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