Lotte Kaliski

Hochbegabt trotz Handicap

Die Reformpädagogin Lotte Kaliski und ihr Vermächtnis für lernbehinderte Talente

16.03.2006 – von Ferda AtamanFerda Ataman

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von Ferda Ataman

An der großbürgerlichen Villa in Berlin-Dahlem erinnert eine Gedenktafel an die „Private Waldschule Kaliski“. „Ausgeschlossen aus den öffentlichen Schulen fanden hier viele jüdische Schüler und Lehrer eine letzte Möglichkeit zu lernen und zu lehren“ steht darauf. Für die Gründerin, Lotte Kaliski, war die Schule zudem die letzte Möglichkeit zu lehren, noch bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Als körperlich Behinderte war ihre Einstellung an einer öffentlichen Schule in Zeiten der ökonomischen Depression Anfang der dreißiger Jahre aussichtslos.
Lotte Kaliski wird 1908 in Breslau geboren und wächst dort in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Als Siebenjährige erkrankt sie an spinaler Kinderlähmung und ist von der Hüfte abwärts gelähmt. Ihre Mutter entwickelt eigens ein Trainings- und Rehabilitationsprogramm für Lotte. Sie absolviert es unter großen Schmerzen. Auch die Bildungskarriere der heranwachsenden Tochter wird gefördert, schließlich kann sie sich nicht auf eine standesgemäße Heirat verlassen.
Ein weiterer Schicksalsschlag folgt, als die Anwaltskanzlei ihres Vaters – von der Wirtschaftskrise gebeutelt – schließen muß. Die Familie ist völlig mittellos. Verwandte bezahlen von nun an Lottes Ausbildung. An dieser Härteprüfung zerbricht die Ehe der Eltern, und Max Kaliski, Lottes geliebter Vater und die gütige Randfigur in ihrer Erziehung, zieht nach Berlin.
1928 beginnt Lotte ihr Mathematik- und Physikstudium für das Gymnasiallehramt. Im Verlauf ihres Studiums verschlechtert sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt für just diese. Keine Frage also, daß Lotte nicht die geringste Aussicht auf Anstellung hat. Sie folgt einem Rat und macht das Mittelschullehrerexamen, das keine pädagogische Lehre beinhaltet.
Nach dem Examen zieht sie nach Berlin und sucht eine Anstellung an Mittelschulen. Aber sie wird überall abgewiesen. Ein dauerhafter Versorgungsfall zu werden, kommt für die ehrgeizige Frau dennoch nicht in Frage. Die einzige Alternative ist für sie, eine eigene Schule zu gründen. Und so kommt es, daß die 23jährige Lotte Kaliski 1932 ohne jede pädagogische Vorkenntnis spontan jene Reformschule gründet, an die knapp 70 Jahre später auf einer Schrifttafel erinnert wird.
Innerhalb weniger Monate gelingt es, die Schule in den Räumen des Sportclubs Charlottenburg zu gründen und eine Annonce in Berliner Zeitungen zu schalten: „Tagesinternat 9-18 Uhr. Gymnastik, Duschen, Höhensonne, Liegeterrasse. Individuelle Behandlung.“ Kurz darauf wird die Schule mit 26 Schülern eröffnet.
Die „Private Waldschule Kaliski“ ist anfangs keine jüdische Schule. Ihre Lage am Rand eines Waldes sowie Lottes Begeisterung für die Schulreformbewegung führen zu einem ungewöhnlichen pädagogischen Konzept: Unterricht im Freien, viel Bewegung und kleine Klassen für individuelle Förderung. Der Leitgedanke ist, daß Lernen im Freien nicht nur gut sei für den Körper, sondern auch für den Geist. Die Freiluftpädagogik bringt sogar Gartenarbeit auf den Lehrplan.
Lotte Kaliski nimmt das braune Unheil nicht wahr – die Machtübernahme der Nazis kommt für sie unerwartet. Der Versuch, sie zu ignorieren und weiterzumachen wie bisher, scheitert. Die National- sozialisten „fördern“ den Ausbau des jüdischen Schulwesens – Kinder aller Altersstufen drängen an jüdische Schulen, denn an öffentlichen Lehreinrichtungen will das Regime jüdische Schüler und Lehrer nicht mehr haben.
In der Zeit, in der Menschlichkeit und Empathie sich in Hinterzimmern verstecken, wird auch die Kaliski-Schule zwangsweise jüdisch. Die Schule muß mehrmals umziehen, zunächst in eine Villa im Grunewald. Doch die Nachbarn wollen keine „Judenschule“ in ihrem feinen Wohnbezirk. Ein letzter Umzug führt in eine Villa in Dahlem, deren jüdische Besitzer schon ausgewandert sind.
Ab 1933 wird das Erziehungskonzept der Kaliski-Schule mit jüdischen Elementen versehen. Religionslehre, Hebräisch und das Feiern jüdischer Feste sollen helfen, eine neue Identifikation zu finden. Als die Emigration unausweichlich wird, kommen weitere Schwerpunkte auf den Lehrplan: Palästinakunde, Fremdsprachen und – um die oft wohlbehüteten Kinder auf ein selbständiges Leben vorzubereiten – ein Programm „praktischer Übungen“, das etwa Kochen, Putzen und Haushaltsgeräte reparieren vorsieht. Für die Vorbereitung auf die Emigration gibt es sogar Zeugnisse. Bis 1938 wächst die Schule auf über 400 Schüler. Doch die Reichspogromnacht, die erfolgreiche Feuerprobe der Nationalsozialisten 1938, bewegt viele zur Emigration. 1939 kommt die erwartete Anordnung zur Schließung – Außenminister Ribbentrop reklamiert das Schulgebäude für sich. Der Großteil der Kaliski-Schüler entkam dem Holocaust, dazu gehört auch der Direktor des Jüdischen Museums Berlin, Michael Blumenthal. Lotte Kaliski schafft es noch im Spätsommer 1938, in die USA auszuwandern. Ein weiteres „unmögliches“ Kunststück, ohne Vermögen und persönliche Beziehungen. Als Touristin sucht sie sich in den USA zwei Bürgen für ein Visum, doch wegen ihrer Behinderung wird sie zunächst abgelehnt. „Es war eine solche Überheblichkeit“, ärgert sie sich noch Jahre später. „Sie hatten doch selber einen Präsidenten (Roosevelt), der ein Handicap hatte.“ Schließlich darf sie bleiben.
Eine Einstellung als Lehrerin an einer Schule ist auch in den USA nicht denkbar. Zunächst gründet Lotte daher einen Kindergarten. Er existierte aber nicht lange – auf Dauer ist Kindergärtnerin nichts für sie. Finanziert durch eine Flüchtlingsorganisation studiert sie Sonderpädagogik an der Columbia University.
Noch während des Studiums arbeitet sie mit „exceptional children“, hochbegabten Kinder mit emotionalen Störungen. Ihnen stiftet sie die „Lotte-Kaliski-Foundation for Gifted Children“. Schließlich läßt sie sich von ihren Neurologen-Kollegen überzeugen, eine private Förder- schule zu gründen.
1947 entsteht die erfolgreiche Institution „New Kaliski Country Day School for the child with learning disabilities“ in New York, in die ihre Waldschulpädagogik einfließt. Anfang der neunziger Jahre muß sie schließen. Lotte Kaliski stirbt 1995. Aber ihre Stiftung fördert noch heute außergewöhnliche Kinder. So können beispielsweise körperlich oder geistig behinderte Schüler und Studenten Stipendien erhalten, wenn sie sich ein Studium nicht leisten können und in mindestens einer akademischen oder künstlerischen Disziplin herausragend talentiert sind, darunter Mathematik und Naturwissenschaften, aber auch Tanz, Musik, Theater, Film oder Malerei.
Auch in Deutschland wird an die engagierte Pädagogin erinnert. Die Fakultät Rehabiliationswissenschaften an der Universität Dortmund vergibt zweimal im Jahr einen „Lotte-Kaliski-Preis“ an herausragende Absolventen des Diplom- und Lehramtsstudiengangs Sonderpädagogik. Die Verleihung des mit 250 Euro dotierten Preises, der von Lehrenden der Fakultät gestiftet wird, ist seit vielen Jahren fester Bestandteil der Abschlußfeier am Ende jedes Semesters. Herausragen müssen die Studenten dabei nicht nur auf wissenschaftlichem Gebiet, sondern auch außerhalb der Universität, etwa durch besonderes soziales Engagement. Das paßt gut zu Lotte Kaliski, denn wissenschaftliche Publikationen hat sie keine hinterlassen. Sie gehörte stets zur Kategorie der „energischen Praktiker“.

Dokumente und Fotos zur Geschichte der „Waldschule“ zeigt die Dauerausstellung des Jüdischen Museums Berlin.

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