Rumänien

Worte ohne Taten

Die Regierung in Bukarest tut sich schwer damit, Konsequenzen aus der Mitschuld am Holocaust zu ziehen

28.01.2010 – von Michael BergerMichael Berger

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Seit vergangenem Herbst erinnert ein Holocaust-Mahnmal in der Bukarester Innenstadt an die während des Faschismus in Rumänien begangenen Verbrechen. Eine Gedächtnishalle soll das Andenken an die 300.000 ermordeten Juden und Roma bewahren helfen. Das Mahnmal ist einige Meter ins Erdreich eingelassen – der Besucher steigt beim Betreten in die Vergangenheit hinab. Die Konstruktion besteht aus Beton, im Inneren aus poliertem Granit. Durch die Öffnungen im Dach dringt Tageslicht von außen ein und wirft eine Schraffur aus Licht und Schatten, die mit der Zeit über die Steine wandert – Ausdruck für die Vergänglichkeit. Entworfen wurde das Mahnmal von dem rumäniendeutschen Bildhauer Peter Jacobi.

Ein Schuldbekenntnis des rumänischen Staates – ohne jeden Zweifel: Man liest die Namen der Opfer, die Deportationsorte. Damit lässt sich der Holocaust nicht mehr leugnen. Doch werden Mahnmal und Opferzahlen Betroffenheit auslösen? Was fehlt, ist ein Dokumentationszentrum mit den Geschichten der Opfer so wie am Berliner Mahnmal. Der jüdisch-rumänische Historiker Andrei Oisteanu macht den Unterschied zwischen beiden Gedenkstätten deutlich: »Wir sind irgendwo erst am Anfang, die Geschichte zu akzeptieren. Deutschland hat das in den 50er-, 60er-Jahren gemacht. Ein Mahnmal im heutigen Berlin beginnt einen Prozess abzuschließen, ein Mahnmal im heutigen Bukarest beginnt einen Prozess anzustoßen.

Staatseigentum Anlässlich der Einweihung sagte Staatspräsident Traian Basescu, es sei die Pflicht Rumäniens, »den Völkermord während des Zweiten Weltkrieges anzuerkennen« und die Opfer zu ehren. Wovon er nicht sprach, war die aus dem Schuldbekenntnis resultierende Pflicht zur Wiedergutmachung. Fast 60 Jahre lang waren Völkermord, Verfolgung und Enteignungen totgeschwiegen worden. Der in der Zeit der Antonescu-Diktatur in Staatseigentum überführte jüdische Besitz wurde nach 1945 erneut enteignet; damit wurden die Enteignungen legitimiert.

Erst im Jahr 2004 legte eine internationale Historikerkommission eine umfassende Beweissammlung vor. Seither wird der Völkermord an Juden und Roma als Thema im Geschichtsunterricht überhaupt behandelt. 2007 folgte eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten, herausgegeben vom Staatlichen Institut zum Studium des Holocaust in Rumänien. Der Historiker Andrei Pippidi, Mitglied der Expertenkommission, sieht noch ein weiteres Problem: »Bis auf die Holocaustüberlebenden kennt der Rest des rumänischen Volkes die Fakten nicht, und ich würde sogar sagen, dem Volk gefällt es auch nicht, diese Informationen zu hören.«

Säuberung Das Antonescu-Regime war an der Ermordung von mehr als 280.000 Juden und 11.000 Roma direkt beteiligt und steht somit in der Schreckenshierarchie des Holocaust an zweiter Stelle nach Deutschland. Die Pogrome von Iasi Ende Juni 1941 waren der Beginn des von Marschall Ion Antonescu erdachten Planes zur ethnischen Säuberung des rumänischen Territoriums. Antonescus »Lösung« nahm vorweg, was ein halbes Jahr später auf der Wannsee-Konferenz als »Endlösung« beschlossen wurde.


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