Judith Landshut

„Ich hatte Russisch in der Schule“

Judith Landshut kümmert sich um die Zuwanderer in der Hamburger Gemeinde

26.02.2009 – von Moritz PiehlerMoritz Piehler

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Als 1991 in unserer Gemeinde gefragt wurde, wer den vielen russischsprachigen Einwanderern helfen kann, habe ich mich gemeldet. Zunächst ehrenamtlich, später wurde ich fest angestellt. Ich bin vier Tage in der Woche in der Gemeinde. Wir haben etwa 3.000 Mitglieder, davon sind inzwischen 80 Prozent aus der ehemaligen Sowjetunion. Es ist sehr viel Arbeit, die Leute haben jede Menge Fragen, wenn sie herkommen. Oft wissen sie nicht, wie man ein Formular ausfüllt, oder es fällt ihnen schwer zu telefonieren – zum Teil sind es triviale Sachen, bei denen ich helfe. Wer noch arbeitet, kann übers Arbeitsamt einen Deutschkurs belegen. Für die vielen Senioren bieten wir hier in der Gemeinde Unterricht an. Wir haben eine sehr gute Lehrerin. Die Älteren lernen viel langsamer. Manche erzählen mir, sie hätten schon auf der Heimfahrt vom Kurs das meiste wieder vergessen, was sie sich eben aufgeschrieben haben. Die Kinder sprechen dagegen häufig nach einem Jahr schon so gut Deutsch, dass nicht mal mehr ich sagen kann, wo sie herkommen. Sie sind fleißig, und viele studieren später. Darauf bin ich ein wenig stolz, denn es ist ja meine Klientel, und viele kenne ich seit Jahren.
Zu mir kommen die Leute mir ihren Problemen, ob mit Behörden oder Nachbarn, oder auch mit den Sorgen ihrer Kinder. Die Jungen trauen sich oft nicht, selbst zu kommen. Die jüdische Gemeinde hat einen guten Ruf, deshalb ist die Arbeit mit den Behörden sehr angenehm. Die meisten Zuwanderer leben sich gut ein, haben Arbeit und Erfolg. Deutschland profitiert davon. Das sieht man schon an unserer Gemeinde.
Ich mag die Gegend ums Grindelviertel. Hier lebe ich, seit ich in Hamburg bin. Auch das Gebäude der Toraschule, in dem ich arbeite, verkörpert für mich das jüdische Leben, das sich hier entwickelt hat, auch wenn es nie mehr wie vor dem Krieg sein wird.
Ich gehe jeden Samstag in die Synagoge, dort habe ich meinen festen Platz, lese den Wochenabschnitt mit und bete. Danach reden wir, tauschen uns aus, wir haben uns ja eine Woche lang nicht gesehen. Diese Samstage genieße ich sehr. Meine drei erwachsenen Söhne kennen die Bräuche, und wir verbringen die Feiertage zusammen, wenn es irgendwie geht. Ich stamme aus einem traditionsreichen Haus, meine Großmutter hat dafür gesorgt, dass ich unterrichtet wurde. Ich bin früher immer mit meinem Vater in die Synagoge gegangen, an hohen Feiertagen auch mit der ganzen Familie.
Ich wurde 1950 in der Slowakei geboren, an der südlichen Grenze zu Ungarn in einem kleinen Dorf. Als ich neun war, zogen wir in die nächstgrößere Stadt. Die hatte vielleicht 30.000 Einwohner, und vor dem Zweiten Weltkrieg gab es da 3.000 Juden. Mein Vater war Fleischer und sehr bekannt in der ganzen Stadt. Er sagte immer. „Mir ist egal, was passiert, wir gehen in die Synagoge.“ Er war nicht sehr religiös, aber ein guter Jude. Wir gehörten ohnehin zur Bourgeoisie, was hätten sie mit ihm machen sollen? Er hatte nie Angst.
Ich bin in meinem Leben viel herumgekommen, bevor ich in Hamburg landete. Das hilft mir in meinem jetzigen Beruf, wenn es zwischen den Alteingesessenen und den Zuwanderern ab und zu Probleme gibt. Manche beschweren sich, dass es nicht mehr ihre Gemeinde wäre und nur noch Russisch gesprochen würde. Wir versuchen, ihnen zu erklären, dass die Gemeinde ohne die Einwanderer heute möglicherweise überhaupt nicht mehr existieren würde und dass es sehr schwer ist, in ein fremdes Land zu gehen. Wer das selbst erlebt hat, weiß: So etwas braucht Zeit.
Ich habe die Slowakei nach dem Abitur gemeinsam mit meiner Schwester verlassen. Da war ich 19 und meine Schwester ein Jahr jünger. Meine Eltern wussten natürlich, dass wir nicht nur besuchsweise ins Ausland wollten. Wir haben ihnen gesagt, dass wir nach Israel gehen. Zuerst sind wir aber nach London geflogen. Um ein Visum zu bekommen, brauchten wir eine Einladung von dort. Ich war zwei Jahre zuvor als Au-pair in England gewesen, und diese Familie schickte uns die Einladung. Im Juni 1969 verließen meine Schwester und ich die Slowakei, meine Eltern und Großeltern blieben zurück. Das war ein schwerer Abschied. Meine Familie wurde wegen unserer Flucht dann von den Geheimdiensten drangsaliert.
Ende August ging es weiter nach Tel Aviv. Wir hatten Verwandte in der Nähe, die holten uns mit dem Taxi ab. Wir sind erst mal in den Norden gefahren, wo wir für ein halbes Jahr im Kibbuz leben konnten, um Hebräisch zu lernen. Wir kannten es ja nur aus den Gebetbüchern. In Israel haben wir die Hälfte des Tages gelernt und die andere Hälfte gearbeitet. Unser Kibbuz war 1949 von holländischen und tschechischen Juden gegründet worden, die furchtbar nett zu uns waren. Die hätten uns gerne dabehalten, zwei Mädchen aus der CSSR, das war für sie 1969 wie ein kleines Wunder.
Aber ich wollte studieren, und so gingen wir nach Haifa und von dort weiter nach Jerusalem. Wir hatten zwar nur zwei Koffer, aber unsere Eltern haben fast jeden Tag ein Paket geschickt. In Jerusalem an der Uni kannte uns der Postbote schon. Wir hatten ein kleines Zimmer im Studentenwohnheim, lauter winzige Häuser, die ganz neu gebaut worden waren. Unser Hebräisch reichte nicht aus für das Studium, deswegen haben wir ein Jahr lang Intensivkurse belegt. Danach schrieb ich mich für Sprachwissenschaften ein. Zu Hause redeten wir Slowakisch, Ungarisch und ein bisschen Deutsch. Russisch habe ich in der Schule gelernt, das hilft mir heute in meinem Beruf.
Mein Studium war ein einziges Sprachchaos: Englisch, Hebräisch, Altgriechisch. Ich kam damit nicht zurecht, aber etwas zu ändern, kam mir nicht in den Sinn. Das Studium habe ich nicht beendet. Das bedauere ich bis heute, ich hätte was aus mir machen sollen, aber ich war der vielen Sprachen müde. Ich lernte meinen Mann kennen, und wir sind dann aus Israel weggegangen, er hätte sonst zum Militär gemusst. Meine Eltern konnten nicht zur Hochzeit kommen, wegen des Eisernen Vorhangs.
Ausgerechnet nach Deutschland auszuwandern, war furchtbar für mich. Viele meiner Familienangehörigen sind in Konzentrationslagern umgebracht worden. Meine Großmutter hat Ausschwitz überlebt und viel davon erzählt. Seit 1971 lebe ich in Hamburg. Ich konnte ganz gut Englisch, und so habe ich für die Chase Manhattan Bank gearbeitet, wir brauchten ja auch Geld.
Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs waren wir oft in meiner Heimatstadt. Nach meiner Flucht durfte ich zwölf Jahre lang nicht in die Slowakei einreisen. Jetzt sind wir dabei, mein Elternhaus zu verkaufen, denn vor zwei Jahren ist meine Mutter ge- storben. Das war eine sehr schwere Zeit für mich, obwohl ich selbst schon fast 60 Jahre alt bin. Aus der ganzen Slowakei kamen Menschen zu ihrer Beerdigung. Sie war sehr geachtet, in ihren letzten Lebensjahren hatte sie die jüdische Gemeinde der Stadt geführt. Ich verbinde so viele Erinnerungen mit ihr. Wir waren oft in der Natur, in den Wäldern der Umgebung. Im Winter fuhren wir regelmäßig in die Hohe Tatra zum Skilaufen. Ich hatte eine sehr schöne Kindheit.
Obwohl ich oft mit Wehmut an die Slowakei denke, und obwohl ich Israel liebe, würde ich sagen: Hamburg ist mein Zuhause. Ich rede immer wieder davon, nach Israel zurückzugehen. Jeder, der mich kennt, weiß das. Zwei meiner Söhne haben dort gelebt und ein dritter ist immer noch da. Ich bin oft zu Besuch, demnächst fahre ich wieder hin. Dann gehe ich mit meinem mittleren Sohn ins Theater und in die Oper, er ist Schauspieler. Vielleicht ziehe ich wirklich nach Israel, wenn ich nicht mehr arbeite, wer weiß? Ich habe gelernt, dass das Leben voller Überraschungen sein kann.

Aufgezeichnet von Moritz Piehler

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