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Auf dem Bebelplatz in Berlin erinnert Micha Ullmans »Leere Bibliothek« an die Bücherverbrennung 1933. Doch bald findet dort auch eine Modewoche statt – sehr zum Ärger des Künstlers und vieler Bürger

14.01.2010 – von Katrin RichterKatrin Richter

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Zwei Schneepflüge ziehen ihre Runden über den Berliner Bebelplatz. Mit schürfenden Geräuschen räumen die großen Schaufeln nach und nach das Gelände zwischen Humboldt-Universität, Staatsoper und dem Hotel de Rome im Bezirk Mitte frei, bringen das grobe Kopfsteinpflaster zum Vorschein. Nur eine kleine Schneeinsel bleibt von ihnen unberührt. Eine Fläche, auf der ein einsamer roter Regenschirm steht. Als solle er die Glasplatte, die sich darunter befindet, vor dem weißen Niederschlag schützen. Grund genug gäbe es. Denn an dieser Stelle befindet sich die unterirdische »Leere Bibliothek« – das Denkmal, das seit mehr als 14 Jahren an die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten 1933 erinnert.

Champagnerlaune An genau diesem Ort werden schon sehr bald die Aufbauarbeiten für den Showroom der Mercedes-Benz Fashion Week beginnen. Das Mode- ereignis wird vom 20. Januar an drei Tage lang auf dem Bebelplatz gastieren, und ein großes weißes Zelt wird direkt neben dem Denkmal stehen. Dort, wo sonst Berlinbesucher mit aufgeschlagenen Stadtführern die historische Mitte erkunden, werden polierte schwarze Wagen halten, Prominente über den roten Teppich durchs Blitzlichtgewitter schreiten und hübsche Models die neuesten Kollektionen junger De signer auf dem Laufsteg präsentieren. Während dieser drei Tage trifft sich das Who’s who der Modewelt zu Häppchen und Champagner. Der stille Bebelplatz verwandelt sich für 72 Stunden in eine schrille Location.

Für den Historiker Hans Coppi eine unerträgliche Vorstellung. Der Sohn der Widerstandskämpfer Hans und Hilde Coppi reichte im Mai 2009 zusammen mit anderen eine Petition beim Berliner Abgeordnetenhaus gegen die kommerzielle Nut- zung des Bebelplatzes ein. In Hinblick auf die Geschichte des Ortes sei das nicht angemessen, sagt Coppi. Mitte Dezember folgte dann eine öffentliche Anhörung vor dem zuständigen Petitionsausschuss. Der sprach sich danach gegen eine Kommerzialisierung des Platzes aus. Der Vorsitzende des Gremiums, Ralf Hillenberg (SPD), hofft nun, dass sich das Parlament diese Haltung zu eigen macht. Auch Harald Wolf (Die Linke) als Senator für Wirtschaft, Technologie und Frauen sei in dieser Sache gefordert. Denn sein Ressort ist für die Vergabe von Veranstaltungen wie der Fashion Week zuständig. Wolf ist sich der historischen Bedeutung des Bebelplatzes, des Mahnmals und der daraus erwachsenden Verantwortung durchaus bewusst und betont, dass die Modewoche an diesem Ort nur eine Interimslösung sein könne. »We- der Veranstalter noch Bezirk haben die Nutzung auf die leichte Schulter genommen«, sagt er auf Anfrage und versichert, dass alle Beteiligten an einer einvernehmlichen Lösung interessiert seien. Für die Show muss der Ausrichter IMG Fashion Europe Auflagen erfüllen: »Wir haben in Absprache mit der Stadt einen separaten Korridor im Veranstaltungsgebäude errichtet, um den Zugang zum Denkmal zu ermöglichen«, sagt Daniel Aubke, Sprecher von IMG Fashion Europe.


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