Reinheitsvorschriften

Mit allen Wassern

Warum die äthiopischen Juden strengere Reinheitsvorschriften befolgen

19.04.2007 – von Yossie ZivYossie Ziv

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von Yossie Ziv

Der Wochenabschnitt Tasria-Mezora beginnt mit den Reinigungsgesetzen für Frauen nach der Entbindung. Die äthiopischen Juden haben in Bezug auf Unreinheit und Reinigung ganz eigene Gebräuche. Das betrifft insbesondere die Unreinheit von Frauen nach der Geburt.
Wenn die Wehen einsetzen, verlässt die Frau ihr Heim und geht zum Margam Gudo, dem Haus für unreine Frauen. Dabei wird sie von weiblichen Verwandten und Nachbarinnen begleitet, die ihr bei der Geburt beistehen sollen. In dieser Hütte außerhalb des Ortes bringt sie ihr Kind zur Welt, und hier bleibt sie bis zum Ende des siebten Tages nach der Niederkunft. Der Margam Gudo ist eine Hütte, die die Frauen gemeinsam zur Zeit der Menstruation und bei Geburten nutzen.
Sind sieben Tage nach der Geburt eines Jungen und vierzehn Tage nach der Geburt eines Mädchens verstrichen, zieht die Mutter in den Aras Gudo, das Haus für Frauen nach der Niederkunft, um. In dieser Hütte, ebenfalls außerhalb des Ortes, findet die Beschneidung statt, und hier bleibt die Frau, bis 40 Tage nach der Geburt eines Jungen oder 80 Tage nach der Geburt eines Mädchens verstrichen sind.
Ab Sonnenaufgang des 40. oder 80. Tages fastet die Frau und geht in Begleitung ihrer Freundinnen zum Fluss. Sie verbringt den ganzen Tag am Fluss, wäscht ihre Kleidung und taucht sie rituell ein, sie schneidet sich die Haare und frisiert sich, feilt ihre Fingernägel und wäscht sich viele Stunden lang, wobei sie immer wieder im Wasser des Flusses untertaucht.
Die Bezeichnung der heidnischen Nachbarn für die äthiopischen Juden lautete „die Leute, die nach Wasser riechen“, denn sie tauchten immer wieder ins Wasser ein, wenn sich etwas Unreines (wie ein Todesfall, die Monatsblutung, eine Geburt, eine Ejakulation, Kontakt mit Kriechtieren und vieles andere) ereignet hatte. Auch das Neugeborene wird am Tag der Reinigung der Mutter rituell in den Fluss getaucht. Bei Einbruch der Nacht steigt die Mutter dann aus dem Wasser, legt ihre gewaschenen und gereinigten Kleider an und kehrt in ihr Heim im Ort zurück.
In der Nähe ihres Hauses oder des Masgid, des Gebetshauses, wird sie von allen Bewohnern mit reich gedeckten Tischen erwartet. Die Frau bringt das Geburtsopfer dar, und bei dieser Zeremonie erhält das Kind auch seinen Namen. Das Opfer richtet sich ganz nach den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Familie: Wohlhabende Familien opfern ein Schaf, in der Mittelschicht wird ein Vogel geopfert, und die armen Familien opfern gebackenes Brot.
Die Praxis der äthiopischen Juden offenbart deren enge Bindung an die Schrift, und sie zeigt, dass die Auslegungen aus dem mündlichen Gesetz unberücksichtigt blieben. Der Hauptunterschied zwischen der äthiopischen Praxis und der Auslegung der Weisen ergibt sich aus der Bedeutung des Wortes „Reinigung“ (Tahara). Dieses Wort erscheint in Vers 4 (3. Buch Moses 12) zwei Mal. Die Weisen waren der Auffassung, dass das Wort im ersten Fall das Blut der Reinigung oder Blut der Sauberkeit ist. Nach dieser Lektüre bedeutet die Wendung „so wird sie rein von ihrem Blutfluss“, dass das Blut der Frau, die ein Kind geboren hat, „reines“ Blut ist, das ihr eheliche Beziehungen zu ihrem Mann nicht verbietet. Verboten ist ihr lediglich, heilige Gegenstände zu berühren oder das Heiligtum zu betreten, wie es im weiteren Verlauf des Verses heißt. Für die Weisen war demnach die Frau, die einen Jungen geboren hat, sieben Tage lang unrein wie während ihrer Menstruation. In den nachfolgenden Tagen durfte sie, auch wenn sie blutete, ihrem Mann beiwohnen.
Einige alte Quellen waren mit der Auslegung der Weisen nicht einverstanden. Das heißt, sie interpretierten die Reinigung als nicht auf das Blut, sondern auf die Frau bezogen. Die Frau wurde somit 40 Tage nach der Geburt eines Knaben und 80 Tage nach der Geburt eines Mädchens wieder rein. Mit anderen Worten: Erst nach Ablauf der gesamten Blutungsperiode ist die Frau wieder rein. Ihre Reinigung sowohl zum Vollzug der Ehe wie zum Tempelbesuch erlangt sie erst nach Ablauf von 40 Tagen nach der Geburt eines Jungen und von 80 Tagen nach der Geburt eines Mädchens wieder, auch wenn der Blutfluss bereits vorher aufgehört hat. Die äthiopischen Juden, die in Fragen der Unreinheit und Reinigung zu größter Strenge neigten und ihre Wohnorte als heilig betrachteten, folgten der strikteren Auslegung und untersagten der Frau nach der Geburt die Rückkehr in ihr Heim vor Abschluss der gesamten Reinigungsperiode.
Interessant ist auch, dass diese alte Kontroverse unter denen, die Entscheidungen nach der Halacha zu treffen haben, bis heute andauert. Wie sich zeigt, folgten viele Gemeinden der strengeren Auslegung, vielleicht aus Unwissenheit, und erklärten die Frau für gegenüber ihrem Mann unrein und untersagten ihr das Betreten der Synagoge.
Maimonides (Hilkhot Issurei Bi’ah 11,15) widerspricht jedoch dieser strikten Auslegung nachdrücklich: „An einigen Orten findet sich die Auffassung, dass der Frau nach der Geburt eines Knaben der eheliche Verkehr bis zum Ablauf von 40 Tagen und nach der Geburt eines Mädchens bis zum Ablauf von 80 Tagen untersagt ist, auch wenn der Blutfluss bereits nach sieben Tagen aufgehört hat. Das ist keine gültige Praxis. Es handelt sich vielmehr um einen häretischen Brauch an jenen Orten, um etwas von den Sadduzäern Gelerntes. Es ist ein Gebot, dass die rechte Auffassung durchgesetzt werde, um diesen Fehler aus ihren Herzen zu tilgen und sie zu den Worten der Weisen zurückzuführen, wonach, wie wir erklärt haben, sieben reine Tage und nicht mehr zu zählen sind.“
Bis heute sind sich die Halacha-Fachleute über diese Auslegung nicht einig. Rabbiner Ovadiah Yosef spricht sich mit Nachdruck für diesen Brauch aus und sieht sonst einen Weg zum Gesetzesverstoß eröffnet, da die praktische Implikation die ist, dass die Frau ihrem Mann für fast drei Monate unzugänglich bleibt. Auf der anderen Seite weist Rabbiner Mordechai Eliyahu diejenigen, die dem strengerem Brauch folgen, zu dessen Beibehaltung an (Darkhei Tohara, Kap. 11, S. 114): „An manchen Orten ist es Brauch, während der Reinigungszeit nicht zur Mikwe zu gehen … und wer in dieser Hinsicht streng sein will und dies um des Himmels willen sein will, der mag sich auf die Minderheitenmeinung der späteren rabbinischen Autoritäten berufen, die zur Beibehaltung dieser Praxis auffordern.“
Daraus ersehen wir, dass der Brauch der äthiopischen Juden uns eine alte Kontroverse verstehen hilft, die zwischen den Juden zur Zeit des Zweiten Tempels bis zum heutigen Tag reicht.

Tasria-Mezora, 3. Buch Moses 12,1 – 15,33

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