Rykestraße

Bloß die Heirat war woanders

Eine Kindheit und ein ganzes Leben in und für die Synagoge

Aktualisiert am 08.11.2018, 08:16 – von Hermann SimonHermann Simon

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Zu den zahlreichen deutschen Synagogen, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Brand gesetzt wurden, gehört auch die Synagoge in der Rykestraße.

Dov Laor (1920–2015), der zu jener Zeit Bernhard Luster hieß und dessen Vater, Mineralwasserfabrikant Josef Luster, Vorstand dieser Synagoge war, hat mir im Sommer 2004 berichtet: »Am 9./10. November 1938 (›Kristallnacht‹) war ich zu Hause und sah die Synagoge brennen. Das Polizeirevier war in einem Nachbarhaus der Synagoge, und der Polizeikommandant des Reviers hat dafür gesorgt, dass die Feuerwehr schnellstens kommt, um das Feuer zu löschen, da Gefahr bestand, dass die Häuser rundherum auch angesteckt wurden.

Von diesem Tag bis Erew Pessach (3.4.1939) war die Synagoge geschlossen, weil eine große Renovierung vorgenommen wurde. Am Erew Pessach war die Wiedereröffnung der Synagoge.« Unmittelbar danach verließ Bernhard Luster Deutschland für immer und fand in Eretz Israel eine neue Heimat.

kampf Die Synagoge in der Rykestraße war 1938 noch relativ jung. Erst Ende der 90er-Jahre des 19. Jahrhunderts hatten Berliner Juden auch im Norden der Stadt Neubauten von Synagogen gefordert. Es waren eher ärmere, häufig aus Osteuropa stammende Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die im Prenzlauer Berg lebten und über die einer der Berliner Kantoren schrieb: »In diese Synagoge kommen Gläubige, die mühselig und beladen den Kampf des Lebens ausfechten müssen, die, bedrückt von des Alltags schwerer Arbeit, noch die ganze Heiligkeit der Sabbatstunde empfinden.« Für sie war diese Synagoge bestimmt. Im Sommer 1902 hatte die Gemeinde das Grundstück erworben; ein Jahr später begann der Bau.

Innerhalb eines Jahres wurde in eigener Regie unter der Leitung des Gemeindebaumeisters und Architekten Johann Hoeniger (1850–1913) die Synagoge erbaut. Am Sonntag, den 4. September 1904, wurde das Gotteshaus eingeweiht. Im November 1938 war das Bauwerk also erst 34 Jahre alt, und die Existenz als Synagoge war nicht von Dauer. Ab April 1940 durften keine Gottesdienste mehr stattfinden. Was danach geschah, wissen wir nicht genau; auf jeden Fall war das Gotteshaus seiner Bestimmung beraubt.

Unmittelbar nach der Befreiung organisierte Martin Riesenburger »einen Pferdewagen und brachte die ersten Kultgegenstände zur Synagoge Rykestraße«, wie er in seinen Erinnerungen berichtet. Der erste Gottesdienst nach der Befreiung hat wohl am 13. Juli 1945 in der Wochentagssynagoge, einem kleinen Raum, stattgefunden. An ihm sollen hohe sowjetische Militärs teilgenommen haben.

schofar Ich habe mich oft gefragt, wann ich wohl das erste Mal in dieser Synagoge war, in der ich am 28. April 1962, weniger als ein Vierteljahrhundert nach der sogenannten Kristallnacht, Barmizwa wurde und die ich gerne als meine Synagoge bezeichne.

Es muss um das Jahr 1955 gewesen sein. Ein jüdischer Schulfreund besuchte mit seiner Mutter einen Gottesdienst und nahm mich mit, weil meine Eltern an diesem Abend keine Zeit hatten. Deutlich erinnere ich mich, dass dieser Freund zu mir sagte: Siehst du die Löcher in den Holzaufbauten, auf denen die Bänke stehen? Da kommt zum Neujahr der Schofar-Ton heraus.

So ganz glauben wollte ich das natürlich nicht. Vergessen habe ich die Szene nie, und nur durch diesen Quatsch kann ich mich an einen meiner ersten Besuche der Synagoge erinnern.

barmizwa Mit dieser Synagoge sind viele persönliche Geschichten und Lebenshöhepunkte verbunden, wie zum Beispiel Bar- und Batmizwa unserer Kinder. Nur geheiratet haben meine Frau und ich hier nicht, weil damals eine der zahlreichen Renovierungen stattgefunden hat.

Eine Geschichte ist mir in besonderer Erinnerung: Es geschah vermutlich kurz nach meiner Barmizwa, und es war an einem Freitagabend. Da stellte sich mir ein Mann vor und fragte mich, ob ich ein Fahrrad habe. Ich verneinte. »Gut, dann bekommst du eins«, sagte er und fügte hinzu: »Natürlich musst du deine Eltern um Erlaubnis bitten.«

Ich war etwas verwundert. Das war damals ein gewaltiges Geschenk; jedenfalls in Ostberlin. Ich fragte den mir Unbekannten nach den Motiven seines Geschenks. Herr Schiff, so hieß der Mann, war als Kind in dieser Synagoge und bekam um das Jahr 1935 von einem Amerikaner ein Fahrrad geschenkt. Sicher war er ebenso verdutzt, wie ich es war, als er die Bedingung für das Geschenk erfuhr.

versprechen Der ihm unbekannte Amerikaner – auch einst Beter der Rykestraße – nahm dem jungen Schiff, dessen Vornamen ich nie erfahren oder vergessen habe, das Versprechen ab, später einem Jungen ein Fahrrad zu schenken, wenn dieser wiederum verspricht, seinerseits in erwachsenem Alter dasselbe zu tun: einem Jungen, den er in der Rykestraße trifft, ein Fahrrad zu schenken. Dieses Versprechen habe ich noch immer einzulösen. Und ich denke, es muss kein Junge sein. Aber bisher habe ich noch keinen oder keine gefunden.

Haben wir uns manchmal in den 70er-und auch zu Beginn der 80er-Jahre gefragt, was wir eigentlich tun werden, wenn es immer weniger Beterinnen und Beter werden, änderte sich die Situation durch die Vereinigung der beiden Berliner Gemeinden und vor allem den Zuzug der aus der Sowjetunion stammenden Gemeindemitglieder Anfang der 90er-Jahre.

Plötzlich war die allgemeine Sprache Russisch. Ich habe oft gehört, dass sich gerade diese Menschen in der Rykestraße besonders wohlfühlen. Der regelmäßige Kiddusch nach dem Morgengottesdienst am Schabbat mag dazu beitragen.

schatz In den vergangenen fünf Jahren sind erneut Veränderungen innerhalb der Beterschaft zu erkennen. So wie die Gegend, in der sich die Synagoge befindet – mitten im Szenebezirk Prenzlauer Berg –, heute international ist, so sind es auch die Beterinnen und Beter; viele sprechen Englisch; besonders auffällig war dies bei den diesjährigen Hohen Feiertagen. Die Synagoge habe ich übrigens lange nicht mehr so voll erlebt. Das stimmt hoffnungsvoll.

Dennoch: Diese Synagoge sollte innerhalb der Gemeinde mehr Beachtung und Zuwendung erfahren. Sie ist ein großer Schatz der Berliner jüdischen Gemeinde.

Der Autor ist Gründungsdirektor des Centrum Judaicum Berlin.

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