Paraschat Toldot

Ungleiche Brüder

Esaw sehnte sich nach der Liebe seiner Mutter und Jakow nach der Zuneigung des Vaters

08.11.2018 – von Rabbinerin Yael DeuselRabbinerin Yael Deusel

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Keine Zuneigung ist so tief wie die zwischen Geschwistern, aber auch kein Hass so intensiv – und je näher sie einander stehen, gar noch bei Zwillingen, sind diese Gefühle umso stärker ausgeprägt.

Da ist Esaw, der ein wenig ältere Bruder, kräftig, sportlich, impulsiv, ungestüm – und Vater-orientiert, der körperlich Überlegene; und da ist Jakow, der jüngere Zwilling, sanftmütig, gelehrsam, wissbegierig – und Mutter-orientiert, der geistig Überlegene. Was dem einen physisch fehlen mag, macht er auf der intellektuellen Ebene wett – und umgekehrt.

Ein Zwillingsbruderpaar – good brother, bad brother –, wie Brüder gegensätzlicher nicht sein können. Mit Esaw als dem bösen Part haben die Schriftausleger aller Zeiten kein Problem, wohl aber mit unserem guten Jakow, der gar nicht immer so gut ist. Manche seiner Taten waren sogar ausgesprochen tadelnswert. Und doch war Jakow derjenige, den der Ewige sich erwählte. Wie kann man sich das erklären?

linsengericht Schauen wir uns an, wie Esaw dargestellt wird: sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht verkaufen, also wirklich! Ein Jäger – also einer, der Tiere tötet; ein Blutrünstiger ist er, der Esaw, und noch dazu einer, der bloß ans Essen und Trinken denkt. Die Linsen sind rot – »darum nannte man ihn ›Edom‹« (1. Buch Mose 25,30) – nicht vielleicht einfach deshalb, weil er rothaarig war?

Vermutlich hat er den Handel von Linsen gegen das Erstgeburtsrecht gar nicht besonders ernst genommen. Jakow sagt, du kriegst meine Linsen, aber nur, wenn du mir dein Erstgeburtsrecht gibst, und das musst du mir auch hier gleich schwören! Ja ja, sagt Esaw, ist schon recht, und jetzt gib her das rote Zeug!

»So verachtete Esaw die Erstgeburt«; und trotzdem muss sich Jakow einer gewaltigen List bedienen, um den Anspruch auf den Erstgeborenensegen seines Vaters dann auch wirklich auf sich zu lenken.

Dabei hilft ihm seine Mutter, ja, sie bringt ihn sogar erst auf die Idee. Jakow liebt seine Mutter sehr und würde alles für sie tun. Aber liebt er auch seinen Vater? Zumindest respektiert er ihn wohl, sonst wäre es ihm egal, ob der Vater die Täuschung mit dem Wildbret durchschaut. Aber er will vor dem Vater nicht als Betrüger dastehen. Vermutlich ist ihm wirklich an der Achtung seines Vaters gelegen – seines Vaters, der ihn nicht so besonders schätzt, den Nesthocker, den Bücherwurm, den, der in den Zelten lebt und am Rockzipfel der Mutter hängt.

Und wie steht es um Esaw, den sein Vater liebt? Ja, der ist ein ganzer Kerl, ein gestandener Mann. Besonders schlau scheint er nicht zu sein, aber er ist ein Jäger, und der Vater isst doch so gern Wildbret.

Der Vater liebt Esaw; aber was ist mit der Mutter? Sie hilft dem schwächlichen Zwillingsbruder, dem Schlaumeier, sogar noch, ihn beim Vater auszustechen.

Bezeichnenderweise rechnet Esaw es nicht der Mutter zu, sondern seinem Bruder. Auch ihm ist an der Achtung des Elternteils gelegen, der ihn eben nicht bevorzugt. Als Esaw merkt, dass die Mutter ein Problem mit seinen hethitischen Frauen hat, heiratet er eine Tochter Jischmaels – aber damit macht er es der Mutter auch wieder nicht recht. Und später wird diese Verbindung zwischen Edom und Jischmael dem Bruderzwist sogar eine politische Dimension verleihen.

liebe »Jizchak liebte Esaw, Riwka aber liebte Jakow« – das heißt nichts anderes, als dass Jizchak seinen Sohn Jakow nicht besonders mochte, und Riwka mochte Esaw nicht so sehr.
Es bedeutet auch: Esaw wünschte sich die Liebe seiner Mutter. Und Jakow sehnte sich nach der Anerkennung des Vaters. Die Mutter: eine resolute, willensstarke Frau voller Selbstbewusstsein, die weiß, was sie will. Der Vater: ein Mann mit einem gewaltigen Kindheits- oder Jugendtrauma, an dem er immer noch schwer zu tragen hat; ein Mann, der dem Streit aus dem Wege geht.

»Friedliebend« nennt ihn die Tora: einer, der die Brunnen seines Vaters wieder aufgräbt, und wenn er doch einmal neue gräbt und man sie ihm streitig macht, dann zieht er einfach weiter und gräbt sich wieder einen neuen Brunnen. Einer, der so tut, als sei er tatsächlich von Jakow überlistet worden und könne gar nichts dafür.

Sieht der Vater gar in Esaw den Mann, der er selbst gern geworden wäre, den furchtlosen Draufgänger? Und – sieht die Mutter in Jakow vielleicht das Abbild seines Vaters? In jedem Fall ist Jakow leichter zu lenken als Esaw. Gerade so wie Vater Jizchak, der in Riwka wohl sogar einen Mutterersatz sieht, tröstete sie ihn doch über den Tod seiner Mutter Sara hinweg.

erbteil Wäre die Geschichte anders verlaufen, wenn Jizchak und Riwka offen miteinander und mit den Söhnen gesprochen hätten, über Begabungen und über Erbteil und Nachfolge – und über elterliche Liebe und Zuneigung?

Nun, sie haben es offenbar nicht getan. Und so nimmt sich der Ewige der Sache an: Im Weiteren wird Jakow lernen, dass man im Leben nichts geschenkt bekommt. Esaw wird erfahren, dass man nichts als unabänderlich gegeben voraussetzen kann. Und beide werden eine Menge über Verantwortung und Konsequenzen des eigenen Tuns und Lassens lernen, bevor sie reif genug sind, einander wieder zu begegnen – diesmal wirklich als Brüder.

Warum, so fragen die Schriftausleger über die Jahrhunderte immer wieder, erwählt der Ewige sich so unvollkommene Menschen, um Seinen Plan mit der Menschheit weiterzuführen? Nun, Er erwählt sie nicht, obwohl, sondern gerade weil sie unvollkommen sind.

Natürlich wäre die Welt perfekt, wenn der Ewige alle Dinge selbst ausführen würde. Aber Er will, dass wir sie tun, Verantwortung übernehmen und daraus lernen. Und am Ende werden nicht Erfolg oder Misserfolg in Seinen Augen entscheidend sein, sondern in welcher Absicht wir gehandelt haben. Er hat uns den freien Willen gegeben, moralisch gut oder schlecht zu handeln, und Er will wissen, wie wir uns entscheiden.

Bitten wir also den Ewigen, mit uns zu sein in unserem Tun, uns Seinen Segen für unsere Arbeit zu geben – aber erwarten wir nicht, dass Er sie für uns tut.

Die Autorin ist Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

Paraschat Toldot
Der Wochenabschnitt erzählt von der Geburt der Zwillinge Esaw und Jakow. Für ein »rotes Gericht« erkauft Jakow von seinem Bruder das Erstgeburtsrecht. Wegen einer Hungersnot muss Jizchak das Land verlassen. Er geht zu Awimelech, dem König von Gerar. Dort gibt er seine Frau Riwka als Schwester aus, weil er um sein Leben fürchtet. Als Jizchak im Sterben liegt, will er Esaw segnen, doch er wird von Riwka und Jakow getäuscht und segnet so Jakow.
1. Buch Mose 25,19 – 28,9

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